VonThomas Kilchensteinschließen
Ingo Durstewitzschließen
Eintracht Frankfurt schafft es erneut nicht, ein Heimspiel zu gewinnen und muss nach dem 1:1 gegen Werder Bremen langsam um Platz sechs bangen.
Als alles vorbei und die bald 100 Minuten im Stadtwald abgepfiffen waren, sanken Frankfurter Fußballer beinahe in Mannschaftsstärke zu Boden, vor Erschöpfung natürlich, mehr aber aus nackter Enttäuschung und Verzweiflung, wieder nichts mit dem erhofften Dreier. Und so langsam läuft Eintracht Frankfurt Gefahr, das erklärte Saisonziel, das internationale Geschäft, aufs Spiel zu setzen. Auch das zweite Heimspiel hintereinander konnten die Hessen am Freitagabend nicht gewinnen. 1:1 (0:0) hieß es am Ende eines eher zähen, zerfahrenen Spiels mit jeweils einer Roten Karte auf jeder Seite, das erst in der Schlussphase spektakulär und wild wurde. Damit kann die Eintracht ihren Vorsprung vor den Verfolgern nicht ausbauen, im Gegenteil, sie muss aufpassen, in den nächsten Wochen gegen Widersacher stärkeren Kalibers, etwa Stuttgart, Bayern, Leverkusen oder Leipzig am letzten Spieltag, nicht weiter Boden zu verlieren. Zwar haben die Frankfurter trotz des erneuten Punktverlustes sechs Punkte Vorsprung auf die Verfolger, doch Augsburg und Freiburg könnten mit Siegen an diesem Wochenende bis auf drei Zähler herankommen. „Zwei Punkte aus zwei Heimspielen sind zu wenig und nicht das, was wir uns vorgestellt haben“, sagte hinterher in einer ersten Reaktion Mario Götze. Kapitän Kevin Trapp war sichtlich angefressen, er sprach von einer „sehr, sehr negativen Wolke“, die momentan über Frankfurt schwebe. Kritik der Öffentlichkeit an den Auftritten der Mannschaft könne er verstehen.
Trainer Dino Toppmöller hatte in den Tagen zuvor sehr deutlich gemacht, dass er eine andere Herangehensweise von seiner Mannschaft erwarte, eine, in der Mut und Engagement gezeigt werden solle. Man benötige eine „hohe Aktivität“, eine „komplett andere Energie“, das Tranige, Schläfrige, Brotlose im Spiel ist auch ihm ein Dorn im Auge, wenngleich es in dieser Saison offensichtlich zur Frankfurter Spielweise gehört, tief stehende Gegner mit vielen (Sicherheits-)Pässen im Mittelfeld aus der Reserve locken zu wollen. Das klappte am Freitagabend nur in homöopathischen Dosen. Einen Ticken mehr Aggressivität und Leidenschaft hätte es erneut sein können, zumindest im ersten Abschnitt am gestrigen Freitagabend gegen Werder Bremen, auch nicht gerade mit breitester Brust in den Stadtwald gereist, war allenfalls ein gewisses Bemühen erkennen, den Weg direkt zum Tor zu suchen. Nur fanden ihn die Frankfurter Spieler lange nicht. Kein ganz neues Problem.
Toppmöller hatte sein Team gezwungenermaßen umstellen müssen. Dass Omar Marmoush, mit 15 Pflichtspieltreffern bester Angreifer, für den unpässlichen Hugo Ekitiké in die Sturmmitte rücken würde, war klar, dass aber auch noch der nach Hugo Larsson zweite Sechser, Ellyes Skhiri, wegen leichter Muskelbeschwerden kurzfristig passen musste, brachte ungeahnte Probleme. Die Rolle des Abräumers übernahm Tuta, für ihn kam der 20 Jahre alte Nnamdi Collins zu seinem Profitdebüt.
Der baumlange Verteidiger, im Sommer von Borussia Dortmund gekommen, war bislang nur in der U21 zum Einsatz gekommen, 13-mal verteidigte der U20-Nationalspieler solide in der Regionalligamannschaft und machte auch bei den Profis seine Sache ordentlich. Dazu kehrten Fares Chaibi und Philipp Max in die Startelf zurück.
Aber ein Feuerwerk brannte diese Frankfurter Mannschaft im ersten Abschnitt nun wahrlich nicht ab. Klar, es war zu erkennen, dass der Wille da war, dass sie besser, engagierter auftreten wollten als zuletzt beim mauen 0:0 gegen Union Berlin. Die Eintracht hatte mehr vom Spiel, hatte leichtes Oberwasser und weitgehend die Kontrolle. Und es gab auch Möglichkeiten, keine glasklaren, das nicht, aber zumindest Annäherungen. Philipp Max (6,) zum Beispiel schoss mutig aufs Tor, auch Marmoush (18. und 42.) visierte das Bremer Gehäuse an, scheiterte aber an Torwart Michael Zetterer.
Der Wille war den Hessen wirklich nicht abzusprechen, aber dafür hakte es gewaltig an der Ausführung. Viele gut gemeinte Aktionen versandeten im Nirgendwo, weil viel zu häufig unsauber gespielt wurde, mal die Kugel zu lang, dann wieder einen Ticken zu kurz. Immer wieder kam ein Bremer Bein dazwischen, allzu große Mühe hatten die Hanseaten nicht, ihren Kasten sauber zu halten. Dazu hatte Werder im Kern in den ersten 45 Minuten fast die besseren Chancen: Jens Stage (25,) fand, allein vor Torhüter Kevin Trapp, in dem aussortierten Nationalspieler seinen Meister. Und dann war es erneut Trapp, der unmittelbar vor der Pause einen vertrackten Freistoß von Marvin Ducksch mit anschließender Kopfballverlängerung von Amos Pieper gerade noch zu entschärfen vermochte.
Es war, keine Frage, eine Leistungssteigerung gegenüber dem vergangenen Heimspiel zu erkennen, aber noch lange keine Partie zum Zungeschnalzen. Zähe Durststrecken waren unübersehbar, auch eine Reihe von individuellen Fehlern, die in der Summe natürlich einen flüssigen Spielaufbau konterkarierten.
Und wenn dann einmal Platz am Flügel war, wie etwa kurz nach dem Wiederanpfiff, dann geriet dem unglücklich agierenden Ansgar Knauff die Hereingabe viel zu ungenau, erneut war eine aussichtsreiche Möglichkeit verpufft. Oder zehn Minuten später, als Mario Götze, freistehend, den Ball per Kopf nicht im Tor unterbringen konnte. Ein Treffer von Götze hätte gepasst, gegen keinen anderen Gegner hat der Ex-Nationalspieler häufiger getroffen als gegen Werder, siebenmal.
Und dann war es soweit: Nach einer guten Stunde gab es aus einer Halbposition Freistoß für die Gäste, Spezialist Ducksch beförderte die Kugel in den Strafraum. Den Schuss von Stage wehrte Trapp noch ab, gegen den Nachschuss von Milos Veljkovic war er dann machtlos. (62.) Mal wieder kassierte die Eintracht ein Gegentor nach einem Standard, eine never-ending-story, so ärgerlich wie auf der anderen Seite das Unvermögen, selbst aus ruhenen Bällen Kapital zu schlagen.
Es benötigte dann aber ein Rote Karte für Stage, der rabiat gegen den kurz zuvor eingewechselten Jean Matteo Bahoya eingestiegen war, um neue Leidenschaft bei den geschickten Frankfurter zu entzünden. Und dann köpfte der aufgerückte Tuta (77.) auf Vorlage von Willian Pacho immerhin noch den Ausgleich. Was folgte, war der so lange vermisste Angriffswirbel, jetzt, in Überzahl, aber erst zehn Minuten vor Ultimo, war Feuer im Spiel, drückten die Hessen mächtig aufs Gaspedal und die Bremer immer tiefer in den eigenen Strafraum. Es entwickelte sich ein regelrechtes Scheibenschießen aufs Bremer Tor. Dumm nur, dass Tuta dann ebenfalls die Rote Karte sah (nach VAR-Studium) nach einem völlig sinnlosen Tritt in die Achillesferse von Felix Agu. Einen schönen Bärendienst hatte er damit seinen Farben erwiesen, denn danach war der Stecker gezogen. Die Remiskönige der Liga (schon zwölf Unentschieden) hatten wieder zugeschlagen.

