VonJan Christian Müllerschließen
Am Samstag werden in Hamburg die Gruppen für die EM 2024 ausgelost. Die Elbphilharmonie bietet dabei den Rahmen, den die Veranstalter sich auch für das Turnier wünschen.
Die Stadt Hamburg hat sich noch ein bisschen schöner herausgeputzt, als sie ohnehin schon ist. Denn am Samstag ist Europa zu Gast in der pulsierenden Metropole. Die Gruppenauslosung zur Fußball-Europameisterschaft 2024 findet mit 800 Gästen in der Elbphilharmonie statt. Deutschland ist im kommenden Sommer von Mitte Juni bis Mitte Juli Gastgeber der größten gesellschaftlichen Veranstaltung seit der Weltmeisterschaft 2006. Die ging seinerzeit als unvergessenes Sommermärchen in die Geschichte ein, nicht nur, weil das Wetter so gut war, sondern weil ein Land sich mit seinen Menschen und seiner Mannschaft in Bestform darstellte.
Davon sind die deutschen Elitekicker gerade genauso weit entfernt wie die gesellschaftliche Verfasstheit. EM-Turnierdirektor Philipp Lahm dreht deshalb am ganz großen Rad. Der Kapitän des deutschen Weltmeisterteams 2014 sagt: „Wir wollen mit diesem Turnier wieder mehr Zusammenhalt schüren – in Deutschland, aber auch in Europa.“ Und er fügt hinzu, dass angesichts der „vielen riesigen Herausforderungen auf der ganzen Welt“ die Euro 2024 Fußball umso mehr für „Demokratie, Freiheit, Sicherheit und Gemeinschaft“ und ein „Wir-Gefühl“ tun könnte. Solche hehren Worte klingen jetzt, im dunklen Frühwinter mit Wind, Schnee und Eis im Land, wie pure Utopie. Und tatsächlich sind die Fliehkräfte in Deutschland und auf dem Kontinent und draußen auf dem ganzen großen Globus ja auch viel größer, als sie es noch 2006 waren, als das Motto der Veranstalter um Franz Beckenbauer vorbildlich leicht gelebt wurde: „Die Welt zu Gast bei Freunden“.
Erst neun Jahre später erfuhren wir, dass das schöne Sommermärchen seinerzeit mutmaßlich eingekauft gewesen ist. Das dunkle Geheimnis konnte nie ganz aufgeklärt werden. Nach wie vor wissen nur wenige Insider, vermutlich auch der schon geraume Zeit malade Beckenbauer, was genau mit jenen umgerechnet 6,7 Millionen Euro passiert ist, die im Vorfeld der WM 2006 schließlich bei einem später aus dem Amt gehobenen katarischen Fifa-Funktionär landeten. So wurde aus dem Sommermärchen der Sommermärchenskandal.
Zur Belastung im Vorfeld der Fußball-Großveranstaltung 2024 als ein Turnier der Hoffnung könnte der deshalb stattfindende Prozess werden, den das nicht eben durch Spurtstärke auffällig gewordene Frankfurter Landgericht im kommenden Frühjahr an 16 Verhandlungstagen gegen die drei ehemaligen DFB-Funktionäre Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt verhandelt. Ob man danach viel schlauer ist, was es mit der Überweisung der Millionensumme aus dem DFB-Haushalt über die Fifa und die Schweiz in die Wüste tatsächlich auf sich hatte, sollte niemand erwarten. Negativschlagzeilen sind aber gewiss.
Am Samstagabend bei der Auslosungszeremonie im Monumentalbauwerk am Hamburger Hafen werden erst einmal aber vor allem schöne Bilder produziert, wobei auch hilfreich sein dürfte, dass Kanzler Olaf Scholz seine Teilnahme abgesagt hat. Ohnehin ist das Verhältnis der Organisatoren zur Bundesregierung einigermaßen belastet. Die Politik kommt nicht so dynamisch aus den Puschen, wie das die Euro GmbH sich vorstellt.
Hamburg ist stolz auf seine Elbphilharmonie. Die umtriebigen und findigen EM-Ausrichter haben das längst zum Wahrzeichen der Stadt gewordene „Elphi“ eigens als Austragungsort der Auslosungzeremonie gewählt, um Deutschland von seiner besten Seite zu zeigen.
Dabei kann das Konzerthaus in der Hansestadt durchaus als idealtypisch für den Zustand im Land angesehen werden: Die Baukosten betrugen statt der ursprünglich veranschlagten 77 Millionen Euro am Ende 866 Millionen Euro. Die Elbphilharmonie wurde mit siebenjähriger Verspätung vollendet. Aber sie ist wunderschön und zeigt, welche Kräfte auch in Krisen hierzulande noch immer geweckt werden können.
In ganz Europa wird die prunkvolle Gala übertragen. Alleine hierzulande sind drei Sender live dabei, wenn unter anderem entschieden wird, ob die darbende deutsche Nationalmannschaft, die als Ausrichter nicht in der Qualifikation scheitern konnte, eine sogenannte „Hammergruppe“ zu erwarten hat: Österreich, die Niederlande und Italien zum Beispiel. Es könnte also unangenehm werden für die Gastgeber, die allein in diesem Jahrtausend bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 und den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 jeweils ruhmlos schon nach der Vorrunde auf Grund liefen. Aber es kann auch ein strahlender Sommer werden nächstes Jahr. Ein Sommer, der dem Land wieder mehr Zuversicht verleiht. Ein bisschen zumindest.
