VonManuel Bonkeschließen
Im tz-Interview spricht Bayern-Präsident Herbert Hainer über die Asien-Reise, die internationale Vermarktung der Bundesliga und über Tottenham-Präsident Levy.
Kawasaki - Der FC Bayern München befindet sich derzeit auf seiner Vorbereitungstour durch Asien. Neben sportlichen Belangen geht es dabei vor allem um die Vermarktung des Vereins und der Bundesliga als Marke. Im Gespräch mit der tz erklärt Bayern-Präsident Herbert Hainer, warum er diese Reisen für wichtig hält und warum er es nicht nachvollziehen kann, dass andere Vereine es dem FCB nicht gleichtun. Zudem gibt er einen Einblick in die interne Arbeitsteilung und was er von Tottenham-Präsident Daniel Levy hält.
Herr Hainer, wie fällt Ihr Japan-Fazit aus?
Hainer: Wir sind sehr, sehr herzlich aufgenommen worden. Es ist einfach schön, zu sehen, wie viel Sympathie dem FC Bayern in diesem Land entgegengebracht wird. Bei den Spielen, bei den Trainingseinheiten, vor dem Hotel: überall standen Fans in Bayern-Trikots und haben der Mannschaft zugejubelt. Ein anderes Beispiel: Yuriko Koike, die Gouverneurin der Präfektur Tokio, hat das sonst eher strenge Protokoll beim Empfang für uns aufgeweicht. Eigentlich verlässt sie nach dem offiziellen Ende sofort den Raum, weil schon der nächste Termin ansteht. Aber sie blieb länger, wollte sich noch mit uns über die gesellschaftliche Bedeutung von Sport und über den FC Bayern unterhalten, und sie wusste auch viel über unseren Verein. Das war eine große Ehre.
Hinter den Spielern liegen ebenfalls intensive Tage.
Hainer: Natürlich ist es intensiv und auch anstrengend für die Spieler. Aber sie haben in der wenigen Zeit zwischen Spielen und Trainingseinheiten auf solchen Reisen auch ein bisschen die Gelegenheit, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen. Diese Erfahrungen kann jeder Einzelne für sich mitnehmen.
Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, hier auch abseits des Sports viele Kontakte zu knüpfen.
Hainer: Weil sie enorm wichtig sind – sowohl zu den Fans als auch zu Entscheidungsträgern in der Politik, im gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Bereich. Wir waren bei der Gouverneurin, in der deutschen Botschaft, der Außenhandelskammer und der Vertretung des Freistaats Bayern in Tokio. Zum Abschluss haben wir noch den japanischen Fußballverband JFA besucht. Natürlich entstehen daraus Verbindungen, die uns in Zukunft helfen. Im Idealfall lassen sich Partnerschaften ausbauen oder neue Sponsoren finden. Und dann gibt es ja auch noch den finanziellen Aspekt, denn natürlich schließen wir so eine Reise mit einem Plus ab.
Es sind bisher aber trotzdem nur der FC Bayern und Borussia Dortmund, die regelmäßig zu solchen PR-Reisen aufbrechen.
Hainer: Nehmen wir Japan als Beispiel: Hier herrscht eine enorme Leidenschaft für Fußball. In der vergangenen Saison haben acht Japaner in der Bundesliga gespielt – das sind mehr als in jeder anderen europäischen Top-Liga. Deutschland hat allein dadurch hier einen großen Stellenwert – auch im Vergleich mit der englischen Premier League oder spanischen La Liga. Da liegt es doch auf der Hand, die Kontakte in die Region zu intensivieren.
Trotzdem ist noch kein anderer Club von selbst auf die Idee gekommen, eine solche Reise zu unternehmen.
Hainer: Das muss man sicherlich von Club zu Club individuell betrachten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Frankfurt hat mit dem japanischen Erstliga-Club Urawa Red Diamonds eine Partnerschaft – und mit Makoto Hasebe spielt seit fast zehn Jahren ein Japaner bei der Eintracht. Also ging es im vergangenen Winter nach Japan. Andere Bundesligisten hätten meiner Meinung nach auch genügend Anknüpfungspunkte für mehr Präsenz im internationalen Bereich. Egal, ob es sich um ausländische Spieler, Sponsoren oder anderweitige Beziehungen handelt. Da passiert nach meinem Dafürhalten zu wenig. Es kann nicht sein, dass nur Bayern und Dortmund die Bundesliga in die Welt tragen.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Hainer: Christian Seifert hat in seiner Zeit als DFL-Chef äußerst lukrative Fernsehverträge ausgehandelt, und danach wurde die Auslandsvermarktung nicht mehr so gepusht wie nötig, sie lief irgendwie nebenbei. Doch jetzt stagnieren die TV-Einnahmen – und wir kriegen für den chinesischen Markt beispielsweise keinen Cent mehr. Das ist nicht zufriedenstellend.
Könnte die DFL als Dach-Organisation nicht ein cleveres Paket schnüren, dass die Vereine verpflichtet, in einem gewissen Rahmen Auslandsreisen durchzuführen?
Hainer: Aktuell wird an solchen Plänen gearbeitet, es gibt gute Ansätze. Die kommen zwar spät, aber: besser spät als nie. Trotzdem, es ist einmal mehr ein Beweis, dass das Thema Auslandspräsenz zu lange stiefmütterlich behandelt wurde. Darum haben wir das selbst in die Hand genommen. Der FC Bayern ist durch seine Verbindungen in die Welt natürlich in der Lage, so eine Tour eigenständig zu organisieren. Gemeinsame Bemühungen, ausgehend von der DFL, wären ein wertvoller nächster Schritt.
Wie unterscheidet sich denn der japanische vom deutschen Bayern-Fan?
Hainer: Man sollte da nicht pauschalisieren. Wir haben unsere Büros in New York, Shanghai und Bangkok aufgebaut, um am Puls der Menschen in ihren jeweiligen Ländern zu sein. Natürlich gibt es Unterschiede – aber auch Gemeinsamkeiten. Die japanische Kultur ist zum Beispiel extrem wertebewusst, gegenseitiger Respekt ist ein entscheidendes Gut und man arbeitet hart, um immer das Beste aus sich herauszuholen. Ich finde, allein schon bei diesen Punkten gibt es viele Parallelen zur Philosophie des FC Bayern.
Die deutschen Fans, die mit der Mannschaft mitreisen, haben sich auf dem Hinflug sehr gefreut, als Sie sich ausführlich mit ihnen unterhalten haben. Sie wirken im Präsidentenamt voll angekommen.
Hainer: Ja, mir macht es viel Spaß. Und ohne seine Fans wäre der FC Bayern nicht das, was er heute ist. Darum ist es mir wichtig, wann immer es geht den Austausch mit ihnen zu suchen und regelmäßig zu pflegen. Man muss offen miteinander sprechen können – und gemeinsam um Lösungen ringen. Die Fans haben viele legitime Anliegen, die man zusammen angehen kann.
Muss man einen Verein anders führen als einen Weltkonzern wie Adidas?
Hainer: Sicherlich gibt es da Unterschiede, allein schon, weil es in einem Verein viel emotionaler zugeht und das Tagesgeschäft das Geschehen diktiert. Wenn der FC Bayern ein Spiel verliert, diskutiert gefühlt gleich die ganze Republik über die Hintergründe. Das gehört beim FC Bayern dazu, damit können wir auch umgehen. Aber bei einem Wirtschaftsunternehmen ist das eben anders.
Sie haben im Frühjahr dieses Jahres bei einem Fanclub-Besuch gesagt, dass Sie das Amt des Präsidenten unterschätzt hätten.
Hainer: Den Aufwand habe ich anders eingeschätzt, das stimmt. Es stehen im Hintergrund immer so viele verschiedene Themen an, die bei der Bearbeitung alle Spaß machen, aber eben schon aufwändig sind.
Und wenn es dann auch noch sportliche Krisen gibt oder die Transferperiode ihren Schatten vorauswirft, wird es schwierig all diesen Aufgaben gerecht zu werden?
Hainer: Nein, weil wir beim FC Bayern eine gute Arbeitsteilung haben und sich jeder auf seinen Bereich konzentriert. Die Asien-Reise ist ein gutes Beispiel: Jan-Christian Dreesen ist als Vorstandsvorsitzender in München geblieben, weil wir einen sehr intensiven Transfermarkt haben. Wir müssen jetzt wachsam sein, um die Dinge über die Ziellinie zu bringen. Also habe ich in Japan die repräsentativen Aufgaben übernommen, die wir uns ursprünglich geteilt hätten.
Und dann wird der Termin mit Tottenham-Chairman Daniel Levy plötzlich verschoben…
Hainer: Da wird manchmal in eher normale Vorgänge sehr viel hineininterpretiert.
Dieses Taktieren bei Verhandlungen dürfte Ihnen aus Ihrer Zeit bei Adidas bekannt sein.
Hainer: Ich kann Ihnen sagen, als ich den letzten Vertrag mit dem japanischen Fußballverband im Jahr 2014 verhandelt habe, sind wir fünfmal nach Japan geflogen. Zweimal war ich in Tokio dabei, und da gab es immer nur sogenannte „Höflichkeitsbesuche“. Dann habe ich irgendwann mal gesagt: Was ist jetzt? Wann verhandeln wir? Wann kommen endlich mal konkrete Zahlen auf den Tisch? Das gehört eben auch dazu. Aber das kann man mit der aktuellen Situation nicht unbedingt vergleichen. Was ich aber sagen kann: Daniel Levy ist ein Profi, wir alle haben höchsten Respekt vor ihm.
Interview: Manuel Bonke
Rubriklistenbild: © IMAGO/Philippe Ruiz

