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Die Eintracht lässt mal wieder gegen ein vermeintlich schwächeres Team Punkte liegen. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Lösungen muss Trainer Toppmöller liefern. Ein Kommentar.
Unmittelbar vor dem Auftritt beim schwer beladenen 1. FC Köln ist Eintracht Frankfurt beglückwünscht worden. In aller Öffentlichkeit. Der Deadline Day war gerade rum, er ist nahezu perfekt gelaufen mit dem Königstransfer und Rekordeinkauf Hugo Ekitiké kurz vor Ultimo. Die Hessen hatten in der winterlichen Transferperiode abgeräumt, sich nach dem Dafürhalten der Experten prima verstärkt. Der „Kicker“ schwärmte: „Die Eintracht ist eine der spannendsten Aktien im deutschen Fußball.“ Das Onlineportal Fußball News sah den Klub in eine „neue Dimension“ aufbrechen: „Die Top Vier der Tabelle sind in dieser Saison keine Illusion.“
Eintracht Frankfurt in Köln: Uninspirierte und tranige Vorstellung eher die Regel
Auch die FR fand Eintrachts Arbeit dufte („Krösche hat geliefert“) und resümierte: „Alles andere als ein internationaler Startplatz wäre bei der Ausgangslage und mit diesem Kader eine herbe Enttäuschung.“ Sie sah aber auch Trainer Dino Toppmöller einem größeren Druck ausgesetzt, denn: „Er steht in der Pflicht, die spielerische Entwicklung voranzutreiben, sie stagnierte zuletzt auf niederem Niveau. Das sollte sich ändern.“ Hat es aber nicht.
Okay, seitdem ist erst ein Spiel absolviert, jenes ernüchternde 0:2 in Köln am Samstag, doch die uninspirierte und tranige Vorstellung war kein Ausreißer nach unten, sondern ist eher die Regel. Und davor sollten die Verantwortlichen die Augen nicht verschließen – schon gar nicht Coach Toppmöller.
Eintracht-Wahrheit: Ergebnisse haben Unzulänglichkeiten übertüncht
Die Wahrheit ist: Die passablen Ergebnisse in den vergangenen Wochen haben viele Unzulänglichkeiten übertüncht. Schon zuletzt sind viele Punkte nur mit Dusel eingefahren worden. Das Alarmierende: Eine Spielidee ist nicht zu erkennen. Wo ist das Konzept? Wo die Handschrift? Das Offensivspiel ist geprägt von erschreckender Harm- und Einfallslosigkeit. Die Tiefe wird kaum noch bespielt, Flanken sind rar. Dabei steht ja jetzt ein Zwei-Meter-Turm vorne drin – der wird aber konsequent gemieden. Wie soll der Gegner geknackt werden?
Was auffällt: Das ewige Ballgeschiebe in der eigenen Hälfte. Das ist nicht nur langatmig und unattraktiv, es ist auch brotlos. Und gefährlich, ab und an klingelte es bereits im eigenen Kasten aufgrund leichtfertiger Ballverluste.
Es die Vorgabe des Trainers, sauber hinten rauszuspielen, selbst Torwart Kevin Trapp soll den Ball nur in höchster Not mal rausschlagen. Aber natürlich will Toppmöller nicht, dass der Ball nur von A nach B geschoben wird, quer und zurück, und wieder von vorne. Doch er ist für die Umsetzung verantwortlich, er muss seinen Spielern etwas an die Hand geben, Lösungen erarbeiten. Mit dieser Spielweise ist die Eintracht nicht nur ausrechenbar, sie verliert auch ihre eigene Identität, ihre DNA.
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Eintracht Frankfurt mit schablonenhaftem Beamtenfußball
Denn Eintracht-Mannschaften zeichneten in den vergangenen Jahren immer eine gewisse Massivität, Schärfe und Hitzigkeit aus. Da ging es ruhig mal brachial und draufgängerisch nach vorne. Das war manchmal sehr wohl breitbeiniger Hauruckfußball. Natürlich waren da noch andere Spieler da, Randal Kolo Muani, Jesper Lindström, Daichi Kamada; davor Filip Kostic, davor die Büffel. Klar. Aber für den aktuellen schablonenhaften Beamtenfußball, ohne Härte, Power und Intensität, gibt es keinen Grund. Dafür ist der Kader zu stark und zu teuer. Oder doch eine Frage der Mentalität?
Wie wäre es mal wieder mit simplem Pressing? Den Gegner stressen, ihn piesacken, nerven. Wie war das mit dem „Troublemaker“, der Toppmöller sein wollte mit seinem Team?
Natürlich kann man argumentieren, dass der Eintracht ein gewisser Spielertyp fehlt, ein ungezügelter Tempodribbler, eine wilde Maus, wie sie ihn jetzt in Jean-Matteo Bahoya verpflichtet hat. Aber wenn diese Spieler nicht da oder noch nicht so weit sind, muss das System angepasst werden. Toppmöller muss sich und seine Ideen überdenken, oder sie eben modifizieren, sie angleichen.
Eintracth Frankfurt: Was ist mit dem alten Hasen?
Der 43-Jährige ist ein Taktiker und Tüftler, der nichts dem Zufall überlässt und sich Gedanken bis ins kleinste Detail macht. Aber vielleicht sollte er es ab und zu einfacher halten und seine Entscheidungen überdenken: Wieso lässt er in Köln Hrvoje Smolcic spielen, für den die Bundesliga erwiesenermaßen eine Nummer zu groß ist. Was ist mit Makoto Hasebe, den Altmeister, der zum Statisten degradiert ist, so gut wie Smolcic aber wohl mit 50 noch spielt? Oder wieso nicht Ellyes Skhiri als Abwehrchef einbauen? Weshalb zieht er Hugo Larsson ins offensive Mittelfeld? Der Schwede hatte dort große Probleme. Weshalb spielt Niels Nkounkou seit der zweiten Hälfte in Darmstadt plötzlich so defensiv? Weshalb spielt Ansgar Knauff immer wieder links? Und weshalb wird der junge Bahoya auf den rechten Flügel eingewechselt, wo er auf der anderen Seite zu Hause ist?
Es ist kein Zufall, dass die Eintracht den Gegner selten dominiert, selbst die Kleinen nicht, die wenigsten Schüsse der Liga abgibt und sich generell viel zu wenige Chancen herausspielt. Dino Toppmöller ist gefragt, er sollte Antworten finden und ein Angriffsspiel entwickeln, das dem Wortsinne gerecht wird. Und zwar schnell.
Von Ingo Durstewitz
Rubriklistenbild: © IMAGO/Sven Simon

