Weltmeister von 2014

WM-Titel 2014: Ein allzu kurzes Glück - ARD-Doku erzählt die Geschichte von Joachim Löw und Benedikt Höwedes

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Endlich aufgeräumt: Joachim Löw (Mitte) mit den Journalisten Martin Roschitz (links) und Sven Kaulbars in Freiburg.
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Eine beachtlich gelungene Audio- und Video-Dokumentation über den deutschen WM-Sieg 2014 offenbart Abgründe, die so noch nicht bekannt waren.

Was hat der Erfolg von 2014 mit seinen Helden gemacht? Und wie war das damals in Brasilien, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Weltmeister wurde? Das haben sich zehn Jahre danach die beiden ARD-Reporter Martin Roschitz und Sven Kaulbars gefragt. Herausgekommen ist ein Audio-Podcast und eine Film-Dokumentation, die erstaunlich in die Tiefe gehen. Und die in einer hervorragenden journalistischen Arbeit zeigen, wie schwer es manchen Protagonisten gefallen ist, mit dem frischen Ruhm klarzukommen.

Etwa Bundestrainer Joachim Löw, der sich nach den Feierlichkeiten alleine nach Sardinien begab und nicht recht wusste, was er mit sich anfangen sollte. „Meine Stimmung war nicht so auf dem Höhepunkt, wie ich gedacht hätte, wenn du die WM gewinnst. Das hätte ich so nie erwartet … Wenn man mir vorher gesagt hätte, du wirst Weltmeister, hätte ich gedacht, dann bin ich wahrscheinlich der glücklichste und zufriedenste Mensch dieser Welt.“ Stattdessen sei er „nachts häufig aufgewacht“, habe gegrübelt, wie der Erfolg konserviert werden könnte. Eine depressive Verstimmung, mindestens, der es Löw auch später bisweilen schwermachte, mit voller Energie seiner Arbeit nachzugehen.

Joachim Löw erzählt sechs Stunden lang

Sechs Stunden sind aus dem Gespräch mit Löw geworden, das ursprünglich auf zehn Minuten begrenzt sein sollte. Der Freiburger öffnete sich gegenüber Roschitz und Kaulbars auf beeindruckende Art und Weise. Das tun auch Per Mertesacker und Benedikt Höwedes, anders als der an der Oberfläche bleibende WM-Held Mario Götze. Roschitz und Kaulbars sind „überrascht über diejenigen, deren Geschichten so gar nicht zu den Jubelbildern und dem goldenen Konfetti in Rio passen wollten“.

Mertesacker berichtet vom allzu kurzen Glück nach dem Titel und erzählt von einer durchwachten Nacht in Rio, nachdem ihm Löw vor dem Viertelfinale gegen Frankreich eröffnet hatte, dass er nach 103 Länderspielen plötzlich nicht mehr zur Stammelf gehören wird. „Ich habe nicht eine Sekunde geschlafen und immer nur gedacht: Warum ich? Warum ich? Warum ich? Voll krasser Ego-Anfall.“ Auch Löw berichtet, er habe nach dem unangenehmen Gespräch mit dem Abwehrspieler „die halbe Nacht nicht geschlafen“.

Schlafloser Per Mertesacker nach Entscheidung von Joachim Löw

Mertesacker bekam den Dreh erst nach Sonnenaufgang: „Zwölf Stunden hat es für mich gedauert, bis ich mir gesagt habe: Jetzt muss ich Vorbild Nummer eins sein.“ Fortan feuerte er die Mannschaft von der Bank aus an, reichte Getränke, gab Tipps. Im WM-Finale wurde der Lange zum Ende der Verlängerung eingewechselt. „Als das Signal kam, dass ich reinkomme, ist eine Energie durch mich gegangen: Ich brech jetzt hier durch Wände. Unbeschreiblich … Da noch mal auf dem Platz zu sein eine oder zwei Minuten lang, wenn die Pfeife ertönt, dass das Spiel zu Ende ist, das ist schon magisch.“

Den größten Platz in der aufwendigen Doku bekommt einer, der als Wackelkandidat in den Kader gerutscht war und dann jede Partie von Anfang bis Ende mitmachte: Benedikt Höwedes. Die beiden Journalisten fahren mit dem Verteidiger erst an die Unfallstelle des Vorbereitungstrainingslagers nach Südtirol, dann fliegen sie mit ihm nach Brasilien ins legendäre Campo Bahia, nach Belo Horizonte und nach Rio de Janeiro.

Schwerer Unfall mit Benedikt Höwedes in Südtirol

Höwedes hatte vor der WM als Beifahrer in dem 600-PS-Boliden gesessen, den DTM-Pilot Pascal Wehrlein für eine Werbeaktion des damaligen DFB-Sponsors Mercedes über eine enge Bergstraße im Passeiertal lenkt. Davor Formel-1-Pilot Nico Rosberg mit Spieler Julian Draxler. Die beiden Rennwagen fahren laut Unfallgutachten 96,6 km/h in einem Abstand von nur 6,5 Metern, als nach einer Kurve an einer Pension jemand vortritt und winkt, Rosberg solle bremsen. Der macht eine Vollbremsung. Wehrlein hat drei Möglichkeiten: Auf Rosberg auffahren, rechts in den steilen Abhang rasen oder während des Bremsens nach links ausweichen. Dort stehen zwei Männer, ein Streckenposten und ein Urlauber aus Thüringen. Höwedes erzählt: „Den einen haben wir ein bisschen am Rücken erwischt, der andere schlug direkt in meiner Windschutzscheibe ein. Ich bin aus dem Auto getaumelt. Alle waren am Schreien. Ich war wie gelähmt in Schockstarre. Ich sah den Mann blutend am Boden und war völlig neben der Spur.“

Der Urlauber aus Thüringen ist seitdem pflegebedürftig. Mercedes einigte sich mit der Familie auf eine in der Höhe unbekannte Einmalzahlung. Manager Oliver Bierhoff besucht die Familie später. Höwedes erzählt, er fühle sich „mitverantwortlich für ein anderes Leben.“ Er erlebte danach häufig „Momente, wenn ich die Augen zumache, diesen Moment vor Augen, wie der Mann in der Windschutzscheibe einschlägt. Ich habe immer noch Probleme als Beifahrer, da kriege ich schweißnasse Hände.“

Höwedes schiebt Frust wegen seines Haarausfalls

Zehn Jahre später sitzt Höwedes im Campo Bahia genau dort, wo er 2014 gewohnt hat und erinnert sich plötzlich und für die Autoren völlig unerwartet: Er habe damals die Bilder des Regenspiels gegen die USA in Recife gesehen und sich erschreckt: „Da erkenne ich, dass ich eine Halbglatze kriege. Ich habe meine Haare immer sehr gemocht. Und dass die ganze Welt dann sieht, wie ich sie verliere, das tat mir weh. Es war nicht der richtige Moment für mich, Glatze zu tragen.“

Höwedes sucht das Gespräch mit Doktor Müller-Wohlfahrt: „Wir haben darüber gesprochen, mir die Haare implantieren zu lassen.“ Tatsächlich begibt sich der Spieler schon einen Tag nach der WM-Feier in Berlin bei einem Spezialisten in Düsseldorf unters Messer. Ein Eingriff, der ihm auf Dauer nicht helfen sollte. Mittlerweile hat Höwedes seinen Frieden mit der Glatze gemacht. Jogi Löw hadert derweil bis heute mit sich selbst. Er hätte früher aufhören sollen als Bundestrainer. Das Amt hatte zu viel Kraft gekostet.

Der Podcast kann in der ARD-Audiothek abgerufen werden, der Film wird ab 22. Mai in der ARD-Mediathek freigeschaltet und am 25. Mai nach dem Pokalfinale im linearen Fernsehen.

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