VonDaniel Schmittschließen
Ingo Durstewitzschließen
Eintracht Frankfurt wacht in Augsburg viel zu spät auf, verliert verdient und ist nun schon vier Pflichtspiele ohne Sieg.
Es hätte eine dieser Geschichten werden können, die vielleicht nur der Fußball schreibt. Von einem Profi, zwischenzeitlich ausgemustert, zum Aufbautraining aus dem laufenden Spielbetrieb genommen, der plötzlich zum Helden wird. In allerletzter Minute. Hätte, hätte ...
Jessic Ngankam, glückloser Stürmer von Eintracht Frankfurt, verpasste in der fünften Minute der Nachspielzeit am Sonntagabend beim Auswärtsspiel gegen den FC Augsburg den schmeichelhaften Ausgleich. Aus zentraler Position, elf, zwölf Meter vor des Gegners Kasten, freistehend noch dazu, verzog der im Dauertief agierende 23-Jährige und schoss die Kugel neben das Tor. Weit neben das Tor. Schluss, aus, vorbei, die 1:2 (0:1)-Niederlage aus hessischer Sicht stand fest. Es war eine verdiente. „Wir haben uns die Niederlage selbst zuzuschreiben, weil wir lange Zeit nicht stattgefunden haben“, analysierte der Frankfurter Torwart Kevin Trapp schonungslos wie treffend. „Das war komplett zu wenig.“
Schon die Startaufstellung von Trainer Dino Toppmöller hielt mehrere Überraschungen parat. Nicht etwa, dass Abwehrchef Robin Koch nach überstandener Verletzung zurückkehrte ins Team oder der weiterhin formschwache Mario Götze wieder auf der Bank Platz nehmen musste, sondern, dass Fares Chaibi, Kreativkopf und bester Standardschütze, anfangs neben dem Ex-Nationalspieler saß.
Gescheitertes Experiment
Stattdessen schickte Toppmöller den unter der Woche gegen Paok Saloniki recht auffälligen Paxten Aaronson auf die nicht ganz leicht zu bespielende Wiese. Der Dribbler habe bei seinen Einwechslungen zuletzt „frische Impulse“ gebracht und auch im Training überzeugt, begründete Toppmöller, „das wollen wir belohnen.“ Zumindest nachvollziehbar, was für die Nominierung des zuletzt doch arg unglücklich agierenden Ansgar Knauff weniger galt. Im zentralen Mittelfeld rückte Eric Dina Ebimbe für den am Oberschenkel verletzten Ellyes Skhiri ins Team, konnte dessen Abstinenz aber in keiner Weise auffangen. Hugo Larsson besetzte derweil die tiefe Sechserposition des Tunesiers.
Dort agierte der junge Schwede meist ordentlich, traute es sich zu, auch Zuspiele in engen Situationen zu fordern, brachte es gar auf einen hundertprozentige Passquote im ersten Abschnitt. Ehe es einmal doch schiefging. Nach einem miesen Pass von Abwehrmann Tuta machte Larsson die Grätsche, legte sich unfreiwillig auf den Rasen und gab die Kugel frei für die Augsburger Offensiven. Ein Querpass, ein Schuss, und zack, das 1:0 durch den rechten Flügelläufer Frederik Jensen (35.).
So sehr die Frankfurter auch mitgeholfen hatten bei diesem Treffer, unverdient war er zu diesem Zeitpunkt des Spiels nicht. Zwar agierten auch die bayerischen Schwaben, wie so oft, recht bieder, das reichte jedoch, um eine an Fantasielosigkeit kaum zu überbietende Eintracht-Mannschaft locker in Schach zu halten. Glück hatten die Gäste noch, als ein Treffer des Augsburgers Felix Uduokhai wegen einer knappen Abseitsstellung die Gültigkeit verwehrt blieb (28.).
Die Eintracht ihrerseits spielte viel hintenherum, schob sich die Bälle zu, stets quer, fast nie nach vorne - und sie schläferte sich damit ein. Irgendwann wirkten die Gästespieler wie eingefroren im Augsburger Eisschrank, die Temperatur: minus zehn Grad. Bis auf eine frühe Doppelchance von Aaronson und Ebimbe (8.) sowie ein spätes Schüsschen des jungen US-Amerikaners (45.) brachten die Hessen in Hälfte eins nichts Erquickliches zustanden. Das erinnerte doch arg an die Einfallslosigkeit vom Saisonbeginn.
Ngankams kläglicher Versuch
Entsprechend reagierte Trainer Toppmöller in der Pause, beendete sein gewagtes Experiment, das als gescheitert gewertet werden muss, und schickte Chaibi auf den Rasen. Bloß: Es half erst mal wenig. Die Eintracht kam einfach nicht rein ins offensive Spiel, sie kam kaum zu Chancen, lange überhaupt nicht, während die Augsburger ihre eigenen eiskalt - wie passend an diesem Tag - nutzten. Eine verunglückte Flanke hoppelte quer durch den Frankfurter Strafraum, unbedrängt von Abwehrbeinen, erreichte den Brasilianer Iago, der ungedeckt von Landsmann Tuta zum 2:0 für die Fuggerstädter vollendete (58.). „Wir hatten viel zu große Lücken. Der Rückstand war verdient“, so Trapp.
Doch war das zweite Augsburger Tor auch die Vorentscheidung? So schien es jedenfalls, zumal die Hausherren per Strafstoß, verursacht von Willian Pacho, den Deckel hätten endgültig drauf machen können. Doch Trapp tauchte in seine linke Ecke ab, fischte den gar nicht mal so schwach geschossenen Versuch von Ermedin Demirovic gerade noch raus (76.). Und da quasi im Gegenzug Philipp Max an ehemaliger Wirkungsstätte einen Ball scharf vor das Augsburger Tor brachte, der vom FCA-Keeper Finn Dahmen ungelenk ins eigene Netz bugsiert wurde, das 1:2 (78.) aus Gästesicht, kam noch einmal Spannung auf. Mit dem Höhepunkt in der Schlussminute, als Jessic Ngankam kläglich vergab. Das war’s.
So bleibt nach diesem Abend festzuhalten: Es ist der Wurm drin bei der Eintracht, die Tendenz steil abfallend. Vier Pflichtspiele sind die Hessen nun schon ohne Sieg, kassierten drei Niederlagen in Serie und jeweils zwei Gegentore. Die meisten davon wären zudem vermeidbar gewesen, sind individuellen Fehlern geschuldet. Vorne wirkt die Mannschaft uninspiriert, was selbst eine ordentliche Moral nicht kaschieren kann. Vom spielerischen Flow aus dem Frühherbst ist wenig übrig geblieben. Körperlich gehen einige Profis nach den vielen Spielen sichtbar auf dem Zahnfleisch. Ausfälle von Leistungsträgern wie zuletzt Robin Koch oder nun Ellyes Skhiri wiegen in dieser Gemengelage doppelt und dreifach schwer.
Und die schlechten Nachrichten reißen ja eher nicht ab: In der Bundesliga trifft die Eintracht nun auf das Spitzenduo Bayern München und Bayer Leverkusen. Es könnte für Eintracht Frankfurt noch ein sehr frostiger Dezember werden.

