„Ein FCB-Titel ist nicht genug“: Wann hat dieser Unsinn begonnen?
VonPeter Grad
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Mit größter Wahrscheinlichkeit wird der FC Bayern in dieser Saison zum 34. Mal Deutscher Meister. Dennoch gibt es Kritik. Welche Gründe gibt es dafür?
München - Nach einem Jahr Titelpause steht der FC Bayern ganz kurz vor seiner 33. Bundesliga-Meisterschaft, der 34. Deutschen Meisterschaft seiner Vereinsgeschichte. Der neue Trainer Vincent Kompany hat mit seinem mutigen Spielsystem den Spielern wieder Mut und Selbstvertrauen eingehaucht, diese danken ihm mit größtenteils erstklassigen, meisterlichen Leistungen. Dennoch melden sich kurz vor dem Vollzug der Meisterschaft zahlreiche Experten zu Wort, welche die Saison negativ bewerten. Hauptgrund: Ein Titel wäre für die Maßstäbe an der Säbener Straße nicht ausreichend.
„Außenseiter“ FC Bayern kurz vor der souveränen Deutschen Meisterschaft
Blicken wir ein knappes Jahr zurück: Bayer Leverkusen hatte in der mit weitem Abstand besten Spielzeit der eigenen Vereinsgeschichte souverän das Double gewonnen und galt auch für die noch laufende Saison bei vielen als Titelfavorit, Bayern lediglich als Herausforderer, für manche „Experten“ nicht einmal als erster, sogar RB Leipzig wurde stärker eingeordnet.
Nach dem 31. Bundesliga-Spieltag hat der FC Bayern mit 75 Punkten den besten Punkteschnitt der europäischen Top-4-Ligen (PSG ist noch etwas besser) und mit 90:29 Toren das beste Torverhältnis der europäischen Top-5-Ligen. Obwohl manche die offensichtliche Überlegenheit der Bayern schon wieder als langweilig empfinden und Play-Off-Spiele zum Meisterschaftsende fordern, kritisieren andere selbst diese überragende Bilanz, weil so mancher Punkt leichtfertig liegengelassen wurde. Stimmt natürlich, ist aber genau betrachtet auch wieder nur der Ausdruck von hoher Überlegenheit und großer Klasse.
Unnötige Kritik am frühen Pokal-Aus
Der Hauptkritikpunkt richtet sich aber auf das „frühe“ Ausscheiden in den beiden Pokalwettbewerben: Im DFB-Pokal-Achtelfinale und im CL-Viertelfinale. Eben nicht der Maßstab des Rekordmeisters.
Speziell das erneut frühe Ausscheiden im DFB-Pokal - nun schon zum fünften Mal in Folge - wird moniert. Dabei wird einmal mehr völlig außer Acht gelassen, wie es passiert ist: Nach dem sehr frühen Platzverweis für Kapitän Manuel Neuer verlor die Mannschaft von Vincent Kompany äußerst unglücklich mit 0:1 gegen die deutsche Nummer 2 aus Leverkusen. Interessant und vergessen: In der Runde zuvor gewann Bayern äußerst souverän mit 4:0 in Mainz, welches lange Zeit sogar um die CL-Plätze mitspielte.
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Und jetzt eine möglicherweise ketzerische Frage an all die Fußball-Nostalgiker und großen Pokal-Fanatiker: Welchen Wert hat ein Wettbewerb tatsächlich, wenn am Ende ein Drittligist und der aktuelle Tabellen-Elfte der Bundesliga im Finale stehen? Der DFB-Pokal ist und bleibt der „Cup der Außenseiter“. Obwohl der FCB auch in diesem Wettbewerb mit 20 Titeln der Rekordsieger ist, nimmt er eben dort derzeit seine gewünschte Rolle ein. In anderen Ländern haben die Außenseiter aufgrund anderer Austragungs-Modi übrigens gar keine Chance.
In der Champions League wäre mehr möglich gewesen
Weitaus schmerzhafter war für den FC Bayern sicherlich das Viertelfinal-Ausscheiden in der Champions League gegen Inter Mailand: Stark ersatzgeschwächt kann so etwas - zumal äußerst knapp und unglücklich - passieren. Die Leistungen zuvor waren übrigens keineswegs so schlecht, wie sie nach dem Ausscheiden geschrieben wurden: Das Offensiv-Feuerwerk beim 9:2-Auftakt-Rekordsieg gegen Dinamo Zagreb, das 1:0 gegen PSG, einen der Titelfavoriten, der 2:1-Auswärtssieg bei Celtic Glasgow und nicht zusätzlich die zwei famosen AF-Auftritte gegen Bayer Leverkusen (3:0; 2:0). In der Form und Aufstellung dieser beiden Siege würde der FC Bayern ganz gewiss nicht chancenlos dem FC Barcelona im Halbfinale gegenüberstehen.
Meisterschaft: Der „ehrliche“ Titel
Aber all diese nachvollziehbaren Argumente zählen für viele Kritiker nicht bei der Saisonbewertung. „Nur ein Titel ist nicht gut genug, nicht der Maßstab des FC Bayern!“ Wer sagt das eigentlich? Vom Verein selbst wird seit vielen Jahrzehnten der Meistertitel als das große, „ehrliche“ Saisonziel ausgegeben. Die Meisterschaft ist nun einmal auch dieser „ehrliche“ Titel, die Belohnung für die Konstanz einer ganzen Saison. Deswegen bleibt die Forderung nach Play-Off-Spielen zur Ermittlung des Meisters nach der Hauptrunde auch ein völliger Unsinn. Unfair und es wären dann noch mehr Spiele in einem sowieso schon völlig überladenen Spielplan. In den Pokalwettbewerben gibt es diese KO-Spiele, das genügt.
Alles begann mit Pep - Rummenigge unbedacht
Woher kommt das Märchen, dass „nur“ ein Titel für den FC Bayern nicht genug wäre? Es hat wohl seinen Anfang in der dreijährigen Pep-Guardiola-Ära (2013-2016) beim FC Bayern gefunden. Der „weltbeste Trainer“ übernahm im Sommer 2013 von der Trainerlegende Jupp Heynckes die zu dem Zeitpunkt sicherlich weltbeste Mannschaft, die legendären ersten Triple-Gewinner des FC Bayern.
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Selbst ein Guardiola galt am Ende - medial und in den Augen vieler Fans - in München als gescheitert bzw. „unvollendet“. Drei äußerst souveräne Meistertitel genügten nicht, weil er mit seinen Teams jeweils im CL-Halbfinale scheiterte. 2014 nahm er nach der frühesten Meisterschaft aller Zeiten zu sehr den Fuß vom Gaspedal und brachte seine Mannschaft aus dem Tritt. 2015 schlug ein unglaubliches Verletzungspech in der entscheidenden Saisonphase zu und 2016 hatten die Bayern in den zwei Spielen gegen Atlético Madrid mindestens dreimal so viele hochkarätige Torchancen wie der Gegner und scheiterte trotzdem (an der Auswärtstorregel). 2025 ist eine Kombination aus 2015 und 2016.
Vor dem Amtsantritt von Guardiola war die Erwartungshaltung nach dem 2013er-Triple unfassbar hoch: Danach gewann man 2014 „nur“ das Double und ein Jahr später, nach dem dramatischen Ausscheiden im Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund gab es tatsächlich im Netz auch höhnische Kommentare wie: „Triple- Double - Single“. Und tatsächlich veranlasste diese „Schmach“ (eine souveräne Deutsche Meisterschaft!) unter anderem den damaligen FCB-CEO Karlheinz Rummenigge vor der Saison 2015/16 zu der Aussage, dass „nur“ ein Titel den Ansprüchen des Rekordmeisters nicht gerecht werden würde.
FCB-Vereinslegenden mit weitaus weniger Titeln
Und diese durchaus unbedachte Äußerung von Rummenigge, auch Ausdruck der damaligen haushohen Überlegenheit des FC Bayern in Deutschland, fliegt den Bayern noch heute um die Ohren. Er selbst musste übrigens in seiner 10-jährigen Spielerzeit beim FC Bayern (1974-1984) sechs Jahre auf die erste Meisterschaft warten und konnte diese lediglich zweimal gewinnen. Ein Double war ihm nie vergönnt.
Selbst die ganz großen Vereinslegenden Franz Beckenbauer und Gerd Müller gewannen in ihren 13 bzw. 15 Profi-Jahren beim FCB lediglich vier Meistertitel und drei „Doubles“: 1967 Pokalsieg und Europapokalsieg der Pokalsieger, 1969 das erste Double aus Meisterschaft und Pokalsieg der Vereinsgeschichte und 1974 als Krönung der Titel-Hattrick und der erste Europapokal der Landesmeister. National gelang danach leider gar nichts mehr.
Auch dem heutige großen „FCB-Kritiker“ Lothar Matthäus gelang in seinen elf FCB-Spielzeiten, die er in München zu Ende spielte, lediglich ein einziges Double (1986), Didi Hamann war in seiner Münchner Zeit (1993-1998) selbst davon weit entfernt.
FCB-Titelserie einmalig im europäischen Top-Fußball
Die heutigen Bayern werden nach dieser Saison zum zwölften Mal in den vergangenen 13 Spielzeiten Deutscher Meister sein, das ist der absolute Spitzenwert in den europäischen Top-4-Ligen: Dahinter folgt Juventus Turin mit acht Titeln in dieser Zeitspanne. Der letzte liegt allerdings schon fünf Jahre zurück, aktuell ist die „Alte Dame“ froh, wenn sie sich überhaupt für die Königsklasse qualifizieren kann. Dann kommt Manchester City mit sieben nationalen Meisterschaften, der FC Barcelona könnte da in dieser Saison gleichziehen.
Wo schlägt der FC Bayern zu? Die aktuellen Transfergerüchte im Überblick
Nimmt man die nationalen und internationalen Supercup-Titel wie auch Ligapokale und Mini-WM-Titel weg, ist der FC Bayern auch klarer Europa-Spitzenreiter in diesen 13 Jahren, was die Triumphe in den „Triple-Wettbewerben“ betrifft: 19. Diese grandiose Erfolgsgeschichte scheint aber immer mehr zur Last als zur Freude zu werden.
Macht die Klub-WM die FCB-Saison noch zu einer sehr guten?
Übrigens kann der Rekordmeister diese Saison sogar noch mit einem sehr hochwertigen Double abschließen: Mit dem Gewinn der FIFA-Klub-Weltmeisterschaft, die vom 14. Juni bis 13. Juli in den USA ausgetragen wird. Gewinnt Kompanys Team tatsächlich diese erste echte Vereins-WM der Geschichte, hat sie ihr Soll mehr als erfüllt und die Saison muss mit einem „sehr gut“ bewertet werden. Kann sie im Co-Austragungsland der nächsten „großen WM 2026“ ohne den Titel überzeugen, wäre auch noch eine „Zwei plus“ als Saisonfazit verdient. Alles andere ist schlichtweg „Unsinn“.