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Ein Umbruch im Nationalteam, in aller Ruhe

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Der Stuttgarter Angelo Stiller kommt in seiner intelligenten Spielweise Kroos am nächsten.
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Bundestrainer Julian Nagelsmann versucht, den Umbruch in der Nationalmannschaft gemächlich zu gestalten. Nach den unruhigen Vorjahren macht das Sinn - ein Kommentar.

Als Julian Nagelsmann nach dem EM-Aus Anfang Juli gefragt wurde, wie er sich die Zukunft mit dem DFB-Team vorstellt, dachte der Bundestrainer laut nach: „Wir haben einen Kader, der nicht extrem jung ist und ein paar ältere Semester dabei.“ Das klang verdächtig nach Umbruch. Da wusste er noch nicht, dass die ältesten dieser älteren Semester allesamt abdanken würden. Kroos, 34, Müller, 34, Gündogan, 33, Neuer, 38 - alle weg.

Die Vokabel „Umbruch“ wird im Profifußball nicht selten benutzt, um hektische, oft beratergetriebene Aktivitäten am Transfermarkt zu erklären. Die Umbrüche geraten meist viel größer als geplant, ein volles Dutzend Spieler werden in Klubs gern mal in einer einzigen Transferperiode ausgetauscht. Ob das Sinn macht? Eher nicht! Aber die Heerscharen an Scouts und Kaderplaner brauchen ja Arbeitsnachweise.

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Nagelsmann hat darauf geachtet, den aufgrund der vier prominenten Rücktritte erzwungenen Umbruch so gering wie möglich zu halten. Das darf nach den unruhigen Vorjahren und gescheiterten Experimenten unter Löw, Flick und anfangs auch ihm selbst als kluge Herangehensweise interpretiert werden. Tatsächlich drängt sich bis auf Angelo Stiller kein weiterer Profi zwingend auf, als Debütant nominiert zu werden. Der Stuttgarter kommt in seiner intelligenten Spielweise Kroos am nächsten und war vor der EM nah an einer Berufung dran. Er hat sich das verdient.

Das Motto „Nur die Ruhe“ hat der DFB auch mit der Quartierauswahl beherzigt. Sieben Wochen später trifft das Team sich dort, wo es schon während der Heim-EM, abgesehen von ein paar lästigen Mücken, zur Zufriedenheit logiert hatte: in Herzogenaurach auf einem geschützten Gelände des Partners Adidas, mit optimalen Trainingsbedingungen und extrem kurzen Wegen.

Wobei vor diesem Hintergrund umso mehr auffällt, dass der vor zwei Jahren eröffnete DFB-Campus in Frankfurt für das Eliteteam des Verbands wenig Mehrwert darstellt. Andernfalls hätte man sich dort auf zwei Länderspiele gegen Ungarn und die Niederlande vorbereiten können. Die Verzahnung von Organisation und Sport, das gegenseitige Kennenlernen, der enge Austausch auch mit den Besten im Land steckten ursprünglich als Idee hinter dem 200 Millionen Euro teuren Bau mit seinen sorgsam gepflegten Fußballplätzen. Eine Idee, die von der Realität stellenweise überholt worden ist.

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