VonFrank Hellmannschließen
Beim Treffen der Europäischen Olympischen Komitees in Frankfurt bekommt DOSB-Präsident
Thomas Weikert zu spüren, wie beschwerlich der Weg zu Olympischen Spielen in Deutschland sein wird.
Eine ganze Weile lauschte Thomas Weikert, weil der Wortschwall an seiner linken Seite gar nicht enden wollte. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hörte fast andächtig Ekrem Imamoglu zu, der bei der 54. Generalversammlung der Europäischen Olympischen Komitees (EOC) den ganz großen Bogen spannte. Die European Games 2027, für deren Ausrichtung die Verträge seit Freitag offiziell ratifiziert sind, sollen nur der Probelauf für den ganz großen Wurf sein: für die Olympischen Spielen 2036, die natürlich auch in der Metropole am Bosporus stattfinden sollen. Deswegen war der Bürgermeister von Istanbul ja auch zur Pressekonferenz im Ballsaal des Marriott Hotel an der Frankfurter Messe gekommen, wo im Sektor für die hochrangigen Abgesandten vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) fein säuberlich auf jedem Tisch ein Fähnchen mit den olympischen Ringen stand.
Obwohl die Dolmetscherin einige Mühe hatte, alles in Englische zu übersetzen, blieb die Botschaft hängen: Nach fünf vergeblichen Anläufe um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele sei Istanbul endlich „bereit“. Und welche Stadt würde sich besser zur Verbindung von Menschen eignen, als die Brücke zwischen Europa und Asien, argumentierte Imamoglu, der als CHP-Politiker in Opposition zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan steht. Man wolle jedenfalls Paris 2024 noch einmal übertreffen und sei schließlich ebenfalls ein spektakuläres „Freiluftmuseum vielen bestehenden Sportstätten“, erklärte Istanbuls erster Mann. Was Weikert wohl dachte, als der türkische Repräsentant die deutsche Bühne so vehement als Werbeplattform benutzte?
Immerhin: Auch der DOSB-Chef, seit 2021 an der Spitze der Dachorganisation des deutschen Sports, hatte über seine Olympiaträume gesprochen. Weikert erzählte also, ihn hätten viele bei der zweitägigen Veranstaltung angesprochen, dass es „mal wieder Zeit“ für eine deutsche Bewerbung sei. Zuletzt München 1972 – wer erinnert sich noch?
Wäre also dumm gewesen, die Gelegenheit beim Convent des EOC, dem Europa-Ableger den IOC, in Frankfurt nicht zu nutzen, wo doch unter den 280 Delegierten immerhin auch 25 IOC-Mitglieder, darunter Noch-Präsident Thomas Bach weilten. In seiner Rede sprach der 71-Jährige nicht über deutsche Olympia-Chancen, wohl aber in der Bild-Zeitung. Sein Rat: „Wir müssen uns in Deutschland endlich mal wieder für etwas Positives begeistern. Das dann auch wirklich wollen und anstreben. Und nicht immer nur zweifeln, was alles schiefgehen könnte. Das sage ich als deutscher Staatsbürger, nicht als IOC-Präsident.“
Weikert hatte die Olympischen und Paralympischen Spiele als „eine einmalige Chance“ gewürdigt, „den Sport und seine Werte in einer ganzen Gesellschaft zu verankern. Diese Impulse wollen wir für Deutschland im Herzen von Europa nutzen“. In einem ganz ähnlichen Duktus hatte auch (Noch-)Innenministerin Nancy Faeser bei der Begrüßung gesprochen, um für den auf vielen Ebenen im Abschwung befindlichen Standort Deutschland die Werbetrommel zu rühren. „Deutschland ist eine Sportnation. Und wir haben das klare Ziel, große und nachhaltige Sportereignisse in Deutschland auszurichten.“ Wobei unklar ist, dass die SPD-Politiker in der künftigen Regierung ihren Posten behält – und damit auch für den Sport zuständig bleibt.
Deutschland lässt bewusst offen, ob man sich für 2036, 2040 oder 2044 bewerben möchte. Könnte ja sein, dass nach Los Angeles (2028) und Brisbane (2032) erstmal Indien als aufstrebende Großmacht zum Zuge kommt. Hierzulande steht noch gar nicht fest, welche Stadt oder Region es sein soll. Berlin, Hamburg, München oder Rhein-Ruhr? Müsste Europa sich nicht strategisch auf einen starken Kandidaten verständigen, zumal auch Budapest große Ambitionen nachgesagt werden? Weikert wich solchen Fragen aus: „Das ist nicht das, was wir hier besprechen.“ Der deutsche Zeitplan stehe ja, versicherte der 63-Jährige: „Die vier Regionen bringen die technischen Dinge bis Mai ein.“ Letztlich soll dann die DOSB-Mitgliederversammlung Ende des Jahres über die Bewerberstadt abstimmen. Danach folgen die Bürgerbefragungen. Geduld und Hartnäckigkeit sind gefragt.
Laut Weikert würde sich das Bewerberfeld für 2036 ja weltweit gerade erst sortieren. Und: „Das IOC wird nicht vor 2027 über die Spiele entscheiden.“ Überdies müsse man ja auch mal sehen, wer denn auf Bach folgt. Danach, so der Jurist aus Limburg, werde man besprechen, „wie unsere Bewerbung aussieht“. Erst einmal habe man mit der Veranstaltung in Frankfurt gepunktet, „weil so viele IOC-Mitglieder hier sind“.
Der DOSB-Präsident gehört diesem Zirkel nicht an, zog aber immerhin als eines von zwölf Mitgliedern in die EOC-Exekutive ein, um die langjährige Hockey-Funktionärin Uschi Schmitz zu ersetzen – die 72-Jährige aus Hanau hatte nicht wieder kandidiert. Weikert weiß, dass die internationalen Netzwerke intensiver gepflegt werden müssen als in der Vergangenheit: „Wir haben einige Jahre sicherlich zu wenig auf dieser Ebene gemacht und wollen uns wieder mehr einbringen.“
So ein bisschen olympisches Flair kam in Deutschland auf, als München im Sommer 2022 die European Championschips veranstaltete – nicht mit den Europaean Games zu verwechseln. Damals entstand überraschend ein sehr lebendiger Beweis aus der bayrischen Landeshauptstadt, dass Kernsportarten wie Leichtathletik, Rudern, Radfahren oder Turnieren immer noch Menschenmassen begeistern können – und Deutschland mehr beherrscht als nur Fußballevents.
Weikert fügt an dieser Stelle noch an, dass so etwas auch hilft, die immer schlechter gewordene Medaillenausbeute aufzuhalten. 65 Plaketten waren es in Atlanta 1996, nur noch 23 in Paris 2024, „da ist eine Olympia-Bewerbung ein wichtiger Baustein.“
Dass München, Berlin, Hamburg und Rhein-Ruhr heute anders denken als bei ihren teils kläglich gescheiterten Anläufen der Vergangenheit, hat natürlich mit Paris zu tun. Die letztjährigen Sommerspiele führte das Lehrbeispiel vor, was entstehen kann, wenn ein Ausrichter im Zentrum von Europa groß denkt, einiges investiert, perfekt plant – und dann wirklich alle bis zur Schlussfeier mitziehen.
„Die olympische Bewegung nimmt jetzt anders Fahrt auf. Paris hat alles Kritiker widerlegt. Wir können jetzt mit einer positiven Stimmung punkten“, stellte kürzlich Hamburgs Innen- und Sportsenator Andy Grote auf dem Sportbusinesskongress Spobis heraus. Vor zehn Jahren hatte die Elbmetropole ein exzellentes Konzept wieder in die Tonne treten müssen, weil die Bürgerbefragung scheiterte.
Doch jetzt will Hamburg das Tor zur Sportwelt sein, versicherte Grote. Dass es im Gegensatz zu Berlin oder München kein Olympiastadion gibt, betrachtet er gar nicht aus Nachteil: Grote denkt an ein temporäres Stadion, vielleicht sogar auf dem Heiligengeistfeld, das nach den Spielen wieder zurückgebaut würde. Auch Paris habe ja nicht das Stade de France zum Herz der Spiele gemacht.
Der SPD-Politiker ist mehr denn je überzeugt, dass es eine deutsche Olympiabewerbung viel bewirken könnte: „Sport ist das Einzige, was alle Teile der Gesellschaft erreicht. Wenn wir die Polarisierung aufheben wollen, brauchen wir den Sport.“ Überdies könne auch woanders Gutes getan werden: „Sport ist nicht präsent genug. Wir bewegen uns nicht genug. Eigentlich können wir uns das gar nicht leisten!“ Der Sportsenator plädierte vehement dafür, das Votum der Bevölkerung früh einzuholen. „Dann hätten wir auch so ein bisschen diesen Wettbewerbsgedanken, und man wüsste dann auch, bevor man sich für eine Stadt entscheidet, wie hoch ist denn eigentlich die Zustimmung.“ Auch dieses Plädoyer hatte sich Weikert als Teilnehmer jener Talkrunde im Hamburger Congress Center angehört.
Der Kampf um die Bach-Nachfolge
Es ist nicht mehr lange hin, dann ist die Ära von Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Geschichte. Sieben Kandidaten gibt es, die sich am 20. März im griechischen Costa Navarino in einer Ferienanlage am Ionischen Meer für die Nachfolge bewerben. Kirsty Coventry, Sebastian Coe, Johan Eliasch, David Lappartient, Juan Antonio Samaranch Junior, Prinz Feisal al-Hussein und Morinari Watanabe, die allesamt bei der Generalversammlung des Europäischen Olympischen Komitees (EOC) in Frankfurt zu Gast waren.
Bach nutzte sein Grußwort nicht nur, um sich bereits bei den europäischen Delegierten zu verabschieden. Der Fechter aus Tauberbischofsheim erteilte auch ersten Reformvorstellungen möglicher Nachfolger eine Absage. Der Spanier Samaranch hatte eine Art olympischen Investorenfonds vorgeschlagen, was Bach für überflüssig hält: „Für die olympische Bewegung ist Geld kein Daseinszweck“, sagte der 71-Jährige und verwies auf die exzellente Finanzlage des IOC. „Es könne nicht sein, „dass man Anteile in der olympischen Bewerbung kaufen oder in Finanzvehikel kaufen kann, die von der olympischen Bewegung aufgesetzt werden.“
Samaranch Junior, Sohn des früheren IOC-Präsidenten, gilt gemeinsam mit dem ehemaligen britischen Leichtathleten Coe als Favorit bei der Wahl. Zuletzt hatte es geheißen, Bach würde mit Kirsty Coventry aus Simbabwe die einzige Frau aus dem Kreis bevorzugen. Im Januar hatten sich alle sieben in Lausanne hinter verschlossenen Türen den IOC-Mitgliedern vorgestellt. sid/hel
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