VonJan Christian Müllerschließen
Die organisierten Fans lehnen auch die neue, weniger üppige Investorenrunde der Deutschen Fußball-Liga ab. Die Bundesligaklubs entscheiden am Montag.
An den vergangenen Wochenenden demonstrierten die Fankurven Einigkeit. Fein aufeinander abgestimmt signalisierten sie ihre tiefe Abneigung dagegen, dass die Deutsche Fußball-Liga (DFL) mit Unterstützung der Klub nahezu eine Milliarde Euro am Finanzmarkt eintreiben will, indem sie sich einen Investor ins Haus holt. Abwechselnd „Scheiß DFB“ (obwohl der Deutsche Fußball-Bund mit diesen Plänen rein gar nichts zu tun hat) und „Scheiß DFL“ hallte es im gegenseitigen Echo von den Stehplätzen vieler Bundesligastadien. Dazu wurden Banner ausgerollt: „Gegen Investoren - für einen nachhaltigen Fußball!“
Die beiden neuen Bosse der Deutschen Fußball-Liga (DFL) haben das natürlich vernommen. Dennoch kämpfen Steffen Merkel und Marc Lenz mit aller Kraft dafür, dass ein sogenannter Strategischer Partner (klingt freundlicher als Investor) über die kommenden 20 Jahre für 950 Millionen Euro bis zu maximal acht Prozent der Medienrechte der beiden Fußball-Bundesligen erwirbt.
Vor einem halben Jahr, ehe Merkel und Lenz ihre Jobs als Co-Geschäftsführer der DFL angetreten hatten, scheiterte ein Modell mit dem geplanten Verkauf von 12,5 Prozent im damaligen Gegenwert von zwei Milliarden Euro an der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit der 36 Erst- und Zweitligisten. Nun soll eine abgespeckte Version sich durchsetzen. Doch es gibt wieder Widerstand.
Sechs Bewerber aus dem Private Equity-Bereich stehen vor der Tür. Die Fonds haben ihre noch unverbindlichen Angebote unterbreitet. Am 11. Dezember entscheiden die Klubs bei der Vollversammlung in Frankfurt, ob das überarbeitete Modell angenommen wird. Der SC Freiburg und der 1. FC Köln haben ihre Ablehnung bekundet, die Mitglieder des FC St. Pauli und von Fortuna Düsseldorf haben ihre Klubchefs beauftragt, dagegen zu stimmen. Der DFL-Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Joachim Watzke hat wissen lassen, dass es keinen dritten Anlauf geben wird, sollte der zweite Versuch wieder scheitern.
Das Zinsumfeld hat sich aus der Sicht der DFL gegenüber dem Frühjahr 2023 verschlechtert. Die interessierten Hedgefonds erwarten für ihr Risikoinvestment stolze Renditen von 15 bis 17 Prozent. Die lassen sich in dieser Größenordnung nur erwirtschaften, wenn die Einnahmen aus der nationalen (derzeit 1,1 Milliarden Euro pro Saison) oder internationalen Vermarktung (200 Millionen pro Spieljahr und somit weniger als ein Zehntel der englischen Premier League) der TV- und Streamingrechte der Bundesligen spürbar steigen. Die DFL erhofft sich mit einem finanzkräftigen und kompetenten Partner an ihrer Seite genau das.
Das frische Kapital von nahezu einer Milliarde Euro soll vornehmlich in den Aufbau eines eigenen Streamingangebots fließen. Damit wollen die beiden DFL-Topmanager vor allem eine besser Durchdringung des Weltmarktes erreichen. In vielen Ländern spielt die Bundesliga nur eine untergeordnete Rolle und muss ihre Rechte zum Teil wie Ramschware verhökern, um überhaupt einen TV-Kanal zu finden, der Bundesligafußball präsentiert. Mit einem eigenen Angebot könnte man dagegenhalten.
Weiteres Geld soll in Lizenzgeschäfte und den Kampf gegen Piraterie gesteckt werden. Denn die DFL hat herausgefunden: Derzeit schaut ein Millionenpublikum deutschen Profifußball rechtlos und kostenlos auf illegalen Plattformen im Internet. Dagegen will sie angehen. Rund 100 Millionen Euro sollen darüber hinaus in die Unterstützung von Klubs gehen, die Fernreisen auf sich nehmen, um sich und die Bundesliga in Übersee zu präsentieren. Ein Engagement, das DFL und die allermeisten Vereine bisher über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt hatten.
Ausstattung mit Eigenkapital: Die Reichen und die Armen
Zum Vergleich: Der SC Freiburg hat über die Jahre ein Eigenkapital von mehr als hundert Millionen Euro angehäuft und somit ausreichend Kapital, um seinen Beitrag zu Zukunftsinvestitionen in die mediale Vermarktung der Bundesliga aus eigener Kraft zu stemmen.
Woanders sieht es bescheidener aus: Werder Bremen liegt mit fast 18 Millionen Euro negativem Eigenkapital am Ende der Erstligakonkurrenz. Union Berlin präsentierte dieses Jahr erstmals seit den 1990ern wieder ein knapp positives mickriges Eigenkapital von 1,7 Millionen Euro, Eintracht Frankfurt liegt bei 25 Millionen Euro, Mainz 05 bei 38 Millionen, Darmstadt 98 bei 17 Millionen, Köln bei 15.
Zweitligist Schalke 04 hat zuletzt ein negatives Eigenkapital von 110 Millionen (!) Euro ausgewiesen. Letzter Platz im Finanzranking des deutschen Lizenzfußballs.
Branchenführer Bayern München verfügt über eine Rekord-Eigenkapital von 536 Millionen Euro und wäre auf einen Bundesliga-Investor am allerwenigsten angewiesen. Dank der Einlage von Dietmar Hopp ist auch die TSG Hoffenheim mit mehr als 200 Millionen Euro Eigenkapital sehr üppig ausgestattet. jcm
Der Plan von Lenz und Merkel ist, nach dem erhofften Zwei-Drittel-Plazet der Bundesligaversammlung noch im Dezember weitere Gespräche mit den finanzkräftigen Bewerbern zu führen und bis zum geplanten Vertragsabschluss im Frühjahr 2024 zu vertiefen. Sollten die Vereine am Montag ihr Okay geben, hätten die beiden DFL-Geschäftsführer weitergehende Verhandlungsrechte, als dass im Mai der Fall gewesen wäre. Ob Verträge unterschrieben werden, müsste nun nur noch das neunköpfige DFL-Präsidium auf dem kurzen Dienstweg abnicken, nicht mehr das gesamte Plenum aller 36 Bundesligisten auf einer Vollversammlung. Ein Rückzieher der Klubs wäre somit nicht mehr möglich. Das ist eine Erwartung, die die interessierten Investoren deutlich gemacht hatten, weil der finale Bewerberprozess sie bereits Millionen kostet und sie nicht in letzter Minute zurückgepfiffen werden wollen.
Während der 1. FC Köln schon im Frühjahr gegen das Investorenmodell auch öffentlich opponiert hatte, gehörte der SC Freiburg mit seinem Vorstand Oliver Leki an der Spitze seinerzeit noch zu den engagiertesten Befürwortern des damaligen Zwei-Milliarden-Euro-Deals. Leki war derjenige, der gemeinsam mit dem Vorstandsprecher von Eintracht Frankfurt, Axel Hellmann, als Interimschefs der DFL eingesprungen waren, nachdem Geschäftsführerin Donata Hopfen Ende 2022 gehen musste.
Freiburg begründet seine ablehnende Haltung nun damit, aufgrund des um mehr als die Hälfte geschrumpften Investments sei es möglich, das nötige Geld für Zukunftsprojekte aus dem gewöhnlichen Geschäftsbetrieb der Fußballklubs abzuziehen. Also aus der eigenen Kasse ohne fremde Hilfe, gern auch mit Unterstützung weiterer Ligasponsoren. Der Klub schrieb seinen (darüber mehrheitlich erfreuten) Mitgliedern kürzlich, man sei „der Überzeugung, dass das deutlich reduzierte Investitionsvolumen, das zudem über mehrere Jahre verteilt wird, aus eigener Kraft finanziert werden sollte“. Die sei „der Beteiligung eines Dritten immer vorzuziehen. Diese Position werden wir in der Form auch konsequent vertreten.“
Derzeit erhält die DFL eine jüngst auf 7,75 Prozent gesteigerte Abgabe der 1,3 Milliarden Euro aus der Medienvermarktung von den Klubs für ihren Geschäftsbetrieb. Eine statt der Hedgefonds-Millionen notwendige Steigerung auf rund den doppelten Anteil lehnen viele Vereine ab. Sie brauchen das Geld selbst. Ihre Eigenkapitaldecke ist - anders als die der relativ reichen Freiburger (siehe Infobox) - nämlich zu kurz, obwohl sich die Gesamteinnahmen alleine der ersten Liga von knapp 1,3 Milliarden Euro aus dem Spieljahr 2004/05 auf inzwischen rund 3,5 Milliarden Euro fast verdreifacht haben. Geld, das zumeist auf die Gehaltskonten der Profis, Klubvorstände und Sportdirektoren floss.
Die Kölner, finanziell recht schmal auf der Brust, unterstützen auch das neue Modell ausdrücklich nicht. Und zwar aus grundsätzlichen Überlegungen heraus: „Der deutsche Fußball mit seiner Historie und Verankerung in der Gesellschaft“ würde mit dem „Ansatz eines Private-Equity-Unternehmens kulturell nicht zusammenpassen“, sagte FC-Vize Eckhard Sauren der Sportschau und verwies dabei auch auf die hohen Renditeerwartungen der potenziellen Investoren.
Die DFL argumentiert unter anderem dagegen, es gehe nicht nur ums Geld, sondern: Ein Strategischer Partner helfe dem Geschäftsmodell auch mit dessen Knowhow der internationalen Märkte. Ein Beispiel: Der Fonds CVC Capital Partners gilt mit seinem Frankfurter Büro und besten internationalen Verbindungen auch deshalb als Mitfavorit, weil er bereits an der spanischen und französischen Liga milliardenschwere Beteiligungen erworben hat.
Anders als noch vor einem halben Jahr hat die DFL ihr Anliegen diesmal auch für die interessierte Öffentlichkeit transparent gemacht. Tenor: „Wir haben nichts zu verbergen.“ Auf der DFL-Homepage werden bis in die Details hinein seitenweise Fragen beantwortet, vor allem auch Fragen danach, wie viel Einfluss ein Private Equity Fonds auf Entscheidungen bezüglich der Spielplangestaltung hat. Die Klubs sind Anfang November auf zwei Veranstaltungen umfassend informiert worden. Es dürfte spannend werden am kommenden Montag bei der Vollversammlung am Frankfurter Flughafen.
