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Frankfurter Bundesligist legt beim klaren 2:5 gegen Freiburg einen vogelwilden Auftritt in der Defensive hin.
Dino Toppmöller gab an, ziemlich stinkig zu sein. Er sei sogar „maßlos verärgert“ darüber, im ersten und gleichzeitig letzten Testspiel vor dem Bundesliga-Restart der Eintracht am Samstag in Leipzig fünf Gegentore gefangen zu haben. Im eigenen Stadion auch noch, der riesigen Schüssel im Stadtwald, in der am Samstag aufgrund des fehlenden Publikums echte Corona-Vibes aus Geisterspielzeiten zu vernehmen waren. 2:5 (1:2) gegen den SC Freiburg in der Generalprobe – das kann schon an die Nieren gehen. Oder doch nicht? Interessant allemal: Eintracht-Trainer Toppmöller wirkte gar nicht so angefressen wie artikuliert, sondern sehr aufgeräumt. Er habe für die Rückserie sogar ein gutes Gefühl. „Weil ich sehe, wie die Jungs arbeiten.“
Klar, kein Coach der Welt wünscht sich als Standortbestimmung eine deftige Niederlage. Und fünf Gegentreffer mit teils hanebüchenen Abwehrfehlern und einem generellen Defensivverhalten, das in einigen Situationen jeder Beschreibung spottete, ist nicht das, was einen Fußballlehrer frohlocken lässt.
Aber Dino Toppmöller kann diese herbe Schlappe sehr wohl richtig einordnen, er hat sie vielleicht nicht kommen sehen, aber zumindest damit gerechnet, dass es schwierig werden könnte gegen die Breisgauer, die die Partie ernst nahmen und sogar, wie im normalen Ligabetrieb, einen Tag vor dem Spiel anreisten. „Wir haben keine Rücksicht auf das Spiel genommen“, sagte hingegen Toppmöller, ohne das als Entschuldigung anzuführen. Der Testkick ist einfach in die kurze Vorbereitung integriert worden, noch am Tag zuvor standen zwei harte Einheiten auf dem Programm. Die empfindliche Niederlage ist also unangenehm und sorgt bestimmt nicht für einen Zugewinn an Selbstvertrauen, aber sie ist erklärbar.
Krasse Nkounkou-Fehler
Das ändert nichts daran, dass das Eintracht-Spiel in der Defensive reichlich fehlerbehaftet und nach vorne nicht zwingend genug war. Die Angriffsbemühungen waren eine Blaupause zu etlichen Spielen im alten Jahr: viel Ballbesitz, viel Quergeschiebe, wenig Kreativität, kaum Wucht. Und ständige diese Rückpässe. Enervierend.
Neu waren hingegen die kapitalen Fehler in der Rückwärtsbewegung, einige Ballverluste führten zu riesigen Konterchancen der Freiburger, die, auch das gehört zur Wahrheit, gnadenlos effektiv waren: fünf Torschüsse, fünf Tore durch Roland Sallai (29., 48.), Merlin Röhl (34.), Michael Gregoritsch (55.) und Vincenzo Grifo (64./FE). Für die Eintracht trafen nur Robin Koch (24.) und Aurelio Buta (76.).
Beim Frankfurter Dilettantenball in der Abwehr tat sich gerade Niels Nkounkou als linker Verteidiger hervor. Das ist, überspitzt formuliert, fast ein bisschen tragisch. Denn der Franzose hat sich in der Offensive mächtig gesteigert, macht viel Dampf und ist ob seiner Schnelligkeit nur schwer zu verteidigen. Kein Zufall, dass seine perfekte Flanke zum 1:0 durch Koch führte. Abwehrchef Koch musste in der Halbzeit aufgrund von Wadenproblemen vom Feld. Der Casus knacksus. Von da an ging’s bergab. Auffällig ist, wie viel schwächer Nebenmann Tuta agiert, wenn Koch nicht dabei ist. Der Brasilianer verschuldete nach einem schweren Fehler den Strafstoß, der zum fünften Gegetor führte. „Solche Fehler macht er sonst nicht“, bemerkte Toppmöller.
Niels Nkounkou hingegen schon. Der 23-Jährige sah in der Defensive zweimal uralt aus, verschätzte sich einmal schwer und ließ sich ein anderes Mal rauslocken – beide Male zappelte die Kugel Sekunden später im Kasten, 1:3 und 1:4. Messe gelesen. In der Bundesliga ist das fatal.
Trainer Toppmöller lobte den schnellen Außen explizit für seinen Offensivgeist, räumte aber das Offensichtliche ein: „Wir müssen an seinem Stellungsspiel feilen, da müssen wir ihn entwickeln.“ Merkwürdig dennoch: Solche gravierenden taktischen Mängel werden den Fußballern eigentlich schon in der Jugend abtrainiert, auf diesem Niveau darf das nicht passieren. Toppmöller findet dennoch: „Gut, dass es in einem Testspiel war, so können wir es noch korrigieren.“ Mal sehen.
Und dann gab es noch das Debüt des von Manchester United entliehenen Donny van de Beek, der im offensiven Mittelfeld eine durch und durch unauffällige Partie hinlegte. Für den 26-Jährigen war nach 45 Minuten Schluss, obwohl er seine neuen Mannschaftskollegen auf dem Feld kennenlernen muss. Durch die intensive Trainingsarbeit sei der Niederländer aber körperlich schwer belastet, weshalb die Athletiktrainer laut Toppmöller die „klare Empfehlung“ aussprachen, ihn nur eine Halbzeit spielen zu lassen.
Van de Beek unauffällig
Dem Coach ist nicht verborgen geblieben, dass van de Beek noch nicht ins Spiel eingebunden war. „Er muss in den Rhythmus kommen und so schnell wie möglich eine Bindung zu den Jungs aufbauen.“ Toppmöller wird den Neuzugang freilich nicht verheizen. „Wir werden da nichts übers Knie brechen, sondern haben eine Verantwortung der Gruppe gegenüber.“ Van de Beek werde Zeit bekommen, sich zu akklimatisieren. „Er soll uns nicht nur in Leipzig und Darmstadt helfen, sondern in der gesamten Rückrunde.“ Die Hoffnung ist klar: Je länger er da ist, desto stärker soll er das Spiel beeinflussen.
Toppmöller stellt aber klar, dass man sofort voll da sein und überdies schauen müsse, die Afrika-Cup-Teilnehmer (Chaibi, Marmoush, Skhiri) durch externe Zugänge zu ersetzen. „Sie haben hier eine prägende Rolle gespielt und brechen jetzt erst einmal weg.“ An der hohen Zielsetzung ändere das nichts. „Wir wollen gleich Punkte einfahren, um oben dranzubleiben. Das ist unser Anspruch.“
Von Ingo Durstewitz
