VonIngo Durstewitzschließen
Frank Hellmannschließen
Tradition gegen Retorte: Wenn Eintracht Frankfurt im Pokalfinale auf RB Leipzig trifft, kommt es auch zu einem Clash der Kulturen.
Ein dürrer Fakt gleich zu Beginn: RB Leipzig, der Gegner der Frankfurter Eintracht am Samstag (20 Uhr/ZDF) im Finale von Berlin, hat Interesse signalisiert, den bis 2026 an den hessischen Klub gebundenen Jesper Lindström zur neuen Saison unter Vertrag zu nehmen. Das ist verbrieft, das hat die Eintracht sogar bestätigt. Doch ob es so weit kommt, steht auf einem anderen Blatt, denn die von den Sachsen gebotene Ablöse soll nicht mal im Entferntesten an die 30 Millionen Euro heranreichen, die Eintracht Frankfurt als Entschädigungssumme akzeptieren würde. Ist der Poker also eröffnet? Oder geht Lindström lieber nach England (was er gerne tun würde)? Oder bleibt er doch in Frankfurt? Und weshalb sickerte das Leipziger Vorhaben eigentlich genau jetzt nach draußen, kurz vor dem Anpfiff des Endspiels?
Genau diese Frage stellen sie sich bei der Eintracht, und auch, weshalb eine abstruse Boulevard-Geschichte wie die, dass die Eintracht ein Medienteam auf ihren eigenen Trainer Oliver Glasner angesetzt hätte, um dessen öffentlichen Auftritte zu begutachten, am Mittwoch aufploppte. Die Vermutung, die sie im Stadtwald hegen: Unruhe stiften beim Gegner, Störfeuer zünden, ein paar Prozentpunkte Konzentration abziehen. In Leipzig, sagt einer aus dem inneren Eintracht-Zirkel, sei man auf so etwas spezialisiert. Ob es was bringt?
Groß tangiert hat es die Frankfurter Verantwortlichen dennoch nicht. Sie sind trotz derlei Ablenkungsmanöver darum bemüht, das eh schon brisante Duell nicht noch zusätzlich anzuheizen. Denn klar ist: RB, das Kunstprodukt, das erst vor 14 Jahren von Brausegigant Red Bull gegründet wurde, nur sieben Jahre später schon in die Bundesliga eingezogen ist und sich zur dritten Kraft aufgeschwungen hat, ist nicht gerade der Lieblingsverein vieler Menschen, und wir reden nicht von Nostalgikern oder Romantikern. Viele lehnen den vom verstorbenen Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz gegründeten Retortenklub, der nur durch juristische Winkelzüge überhaupt eine Lizenz für den Profifußball bekam, rundweg ab.
Ja, dem Verein schlägt Ablehnung entgegen, zuweilen blanker Hass. Und so werden die Sympathien bei diesem Endspiel relativ klar verteilt sein, auch bundesweit. Es würde eine breite Mehrheit freuen, wenn sich die Eintracht den Pokal krallen würde, zum sechsten Mal in ihrer langen Historie. Das Aufeinandertreffen in Berlin wird ein Kampf der Systeme, ein Clash der Kulturen.
Die Eintrachtfans haben schon mehrfach ihren Protest ausgedrückt, unvergessen, wie sie vor fünf Jahren – eigentlich – gegen das erste Montagsspiel mobil machten, mit Tennisbällen auf dem Feld und Trillerpfeifen im Mund. Der ungeliebte Gegner, RB, kam aber genau richtig, bekam die Wut zu spüren. Auch die Verantwortlichen distanzieren sich kühl und still: Bei der Eintracht taucht auf den digitalen Kanälen oder gedruckten Plakaten bis heute nicht das RB-Logo auf. Offiziell firmiert der Klub unter dem Namen Rasenballsport Leipzig.
Zuweilen machen es die Sachsen einem auch leicht, sie nicht zu mögen. Nach dem letztjährigen Finale etwa moserten sie voller Selbstgerechtigkeit trotz des eigenen Pokalsiegs über den Schiedsrichter, was die FR scharf kommentierte: „Schlechte Gewinner!“ Höhepunkt des schlechten Geschmacks waren indes sicher die Bilder von Kevin Kampl, der auf die glorreiche Idee kam, eine Dose Red Bull in die imposante Trophäe, besetzt mit zwölf Turmalinen, zwölf Bergkristallen und 18 Nephriten, zu kippen. Ein Sturm der Entrüstung setzte ein, und viele meinten, nicht mal im Spaß, der Pokal sei entweiht.
Im Zuge dieser aufgeladenen Gemengelage will kein Eintracht-Oberer auch noch den Klassenkampf ausrufen. Beide Vereine waren so klug, Themen wie einen gemeinsamen Fanschal gar nicht anzugehen – daran hatte sich im Vorjahr mit dem SC Freiburg ein Streit entzündet. „Es sind zwei unterschiedliche Konzepte und Klubstrukturen“, sagt Vorstandssprecher Axel Hellmann. „Aber es ist kein Spiel Gut gegen Böse.“ Der Eintracht-Boss erkennt durchaus an, „ dass Leipzig in den vergangenen Jahren im Sport viel bewegt hat“. Doch wem die Herzen zufliegen werden und wer die Stadt und das Olympiastadion einnehmen wird, daran gibt es keinen Zweifel: „Wir gehen wir mit der großen Wucht, der Power und Energie eines Traditionsvereins in dieses Duell. Das wird sich anhand der Zuschauerzahlen und Sympathien widerspiegeln.“
Selbst Präsident Peter Fischer hat sich bisher mit markigen Ansagen zurückgehalten, vielleicht kommt das noch, als Einpeitscher ist er am Freitagabend auf dem Empfang mit Promis, Ex-Spielern und Sponsoren in der sogenannten Frankfurter Botschaft in Berlin fest eingeplant. Bisher sagte er im ZDF nur: „Es tritt an: Der Traditionsverein gegen das Konstrukt.“ Das ist auch Fakt.
Auch die Rasenballer sind um Ausgleich bemüht. Sie kennen die Vorbehalte gegen ihren Verein, weisen aber darauf hin, „dass es Menschen gibt, die unseren modernen und innovativen Ansatz schätzen“, wie Manager Max Eberl sagt. „Dass sich andere eher als Traditionalisten begreifen, das kann ich nachvollziehen.“ Eberl und Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche haben sich vor dem Finale viel Zeit für ein Doppelinterview im Fachmagazin „Kicker“ genommen, um für einen friedlichen Vorlauf des Endspiels zu sorgen. Beide haben eher Gemeinsamkeiten als Unterschiede herausgearbeitet.
Zumal die Beschwörung der Gegensätze für den Pragmatiker Krösche nicht verfängt. Das Aufeinanderprallen zweier Fußballwelten spiele auf dem Platz „gar keine Rolle“, sagte der 42-Jährige. „Es geht darum eine gute Leistung zu zeigen – egal gegen wen.“ Krösche hat freilich auch eine RB-Vergangenheit. Die wurde ihm schon bei der verkündeten Trennung vom beliebten Trainer Glasner vorgehalten.
In der Führungsetage in Leipzig verweisen sie darauf, dass 14 Jahre Vereinsgeschichte ausgereicht haben, um in repräsentativen Beliebtheitsstudien mittlerweile auf einem guten Mittelplatz zu landen. Zwar weiter hinter der Eintracht, aber vor vielen anderen namhaften Marken. „Bei Kindern und Jugendlichen sind unsere Umfragewerte noch deutlich besser“, insistiert Eberl. Tatsächlich ergab eine repräsentative DFL-Studie Anfang vergangenen Jahres, dass in der Altersgruppe der Acht- bis 14-Jährige RB Leipzig bereits an dritter Stelle der Beliebtheitsskala steht.
Zudem lehnt eine nicht an Dogmen gebundene Generation Z einen deutschen Topverein nicht kategorisch ab, nur weil ein österreichischer Brausekonzern als Gründer dahinter steht. Jungen Leute haben durchaus einen Bezug zum FC Chelsea oder Manchester City aus der vom Kapital getriebenen Premier League. Der Erfolg macht’s möglich.
RB Leipzig betont überdies, dass der aktuelle Kader einen gewissen Wiedererkennungswert hat: Die Fluktuation ist deutlich geringer als in anderen Topklubs. Zehn Profis sind noch dabei, die bereits 2019 im Finale standen, einige haben noch den Aufstieg aus der zweiten Liga 2016 miterlebt.
Und: Mittlerweile hat sich der Klub unter die Top 16 in Europa vorgearbeitet, wird bei der nächsten Champions-League-Auslosung wieder im zweiten Lostopf liegen, weil er zwischendrin auch mal Marken wie Real Madrid, Manchester City, Manchester United oder Paris St. Germain bezwang. „Leipzig hat in der Art des Fußballs und in der Art, wie Transfers getätigt wurden, großartige Arbeit geleistet“, findet Eberl. Dass aktuell das Trainerteam mit Marco Rose, Alexander Zickler und Marco Kurth eine ostdeutsche Vita einbringt, hilft dem Klub, doch geht das Einzugsgebiet längst über die Grenzen des Freistaates hinaus. Sonst wäre der Besucherschnitt diese Saison nicht auf 45 600 (97 Prozent Auslastung) gestiegen. Gleichwohl: Gegen die in Berlin erwarteten 80 000 Frankfurter Fans, von denen die Hälfte auch im Olympiastadion sein wird, kommt RB eben nicht heran. Dafür fehlt etwas. Tradition zum Beispiel.

