VonIngo Durstewitzschließen
Jörg Hanauschließen
Eintracht Frankfurt dreht in Spiel eins nach Kolo Muani mächtig auf, kommt aber nicht über ein spätes 1:1 gegen Köln hinaus
Am Ende konnte Markus Krösche, der ob der Kolo-Turbulenzen in den letzten Tagen schon ein wenig gestresste, aber durchaus auch gestählte Sportchef der Frankfurter Eintracht, seine Irritation nur mühsam unterdrücken. In der verbalen Nachlese der intensiven Partie gegen den 1.FC Köln rieb ihm ein Reporter nonchalant unter die Nase, dass ein karges 1:1 gegen die Rheinländer ja wohl nicht der Anspruch von Eintracht Frankfurt sein könne. Krösche schaute ein wenig verdutzt, sammelte sich für den Bruchteil einer Sekunde und entgegnete dann mit ruhiger Stimme: „Wir haben ein sehr gutes Spiel gemacht, das wir hätten gewinnen müssen, aber nicht gewonnen haben.“ Noch Fragen? Nein, und Abgang.
Eintracht Frankfurt fahndet noch immer so ein bisschen nach sich selbst, daran hat auch das zweite Remis im dritten Spiel nichts geändert. Gegen die Domstädter zeigten die Hessen gerade im zweiten Abschnitt ein sehr manierliches Spiel, „von der Spielkontrolle her unser bestes in dieser Saison“, wie Coach Dino Toppmöller befand. Sie drückten die Gäste mit wütenden Angriffe in die Verteidigung, sie feuerten aus allen Lagen, versuchten alles, um den Rückstand durch Florian Kainz (Elfmetertor nach plumpem Foul von Eintracht-Verteidiger Philipp Max, 43.) wettzumachen. Alleine der Kölner Rammbock hinten drin, Julian Chabot, 1,95 Meter groß und ein Kerl wie ein Baum, warf sich in bester Braveheart-Manier in jeden heranrauschenden Schuss. Chabot, nur mal am Rande, spielte in der Jugend auch mal für Eintracht Frankfurt, geboren ist er in Hanau. Und am Sonntagnachmittag entpuppte er sich als echter Spielverderber für die Mannen von Dino Toppmöller.
Nur einmal war der Hüne nicht zur Stelle, konnte er nicht sein, weil er da schon verletzt ausgewechselt auf der Ersatzbank hockte. Und das nutzte Niels Nkounkou eiskalt aus. Der neue der Eintracht, erst seit Freitag in Frankfurt, für sieben Millionen Euro ausgelöst von St. Etienne, eingewechselt nach 73 Minuten, stand plötzlich, kurz vor Schluss, frei am linken Flügel, freigespielt von Paxten Aaronson, und dann schweißte der Linksfuß den Ball ein im langen Eck (87.) – so wie es einst Filip Kostic mit traumwandlerischer Sicherheit und immer wieder getan hatte. „Es war ein traumhafter Einstand für mich“, sagte der schüchterne 21-Jährige später in der Mixed Zone. „Ich hätte es mir nicht besser vorstellen können.“ Keine Frage.
Der Punkt für die Eintracht, daran gibt es keinen Zweifel, war hochverdient, „mehr als verdient“, wie der Kölner Trainer Steffen Baumgart einwarf. „Die Eintracht hat ein sehr gutes Spiel gemacht.“ So ähnlich sah es auch der Kölner Leart Paqarada: „Der Druck der Eintracht war riesig, wir konnten nicht mehr alles wegverteidigen.“ Und das alles in Spiel eins nach Randal Kolo Muani, dem Starstürmer, der sich am Freitag zu Paris Saint-Germain gestreikt hatte.
Die Mannschaft ist heilfroh, dass das Theater endlich, endlich vorüber ist, auch wenn die Spieler natürlich wissen, dass ein Kolo Muani in Topform und ohne Flausen im Kopf das ganze Ensemble auf ein anderes Level heben würde. Doch Kolo Muani ist nun Geschichte in Frankfurt, und Torwart Kevin Trapp sendete noch ein paar frostige Grüße hinüber nach Frankreich: „Es ist wichtig und gut, dass jetzt nur noch Spieler da sind, die Bock auf den Verein haben und Bock darauf, in diesem Stadion zu spielen.“ Auch Coach Toppmöller drückte sein Unverständnis über das ausgeschiedene Mitglied der Eintracht-Familie deutlich aus: „Es war eine Wahnsinnsaktion, die Gruppe so im Stich zu lassen.“ Genau deshalb sei er „stolz“ darauf, dass jeder im Stadion habe sehen können, dass jeder Spieler sein Herz auf dem Platz gelassen habe: „Jeder hier zerreißt sich für Eintracht Frankfurt.“
Das war in der Tat zu sehen, die Partie war intensiv, hektisch, unruhig und auch ein bisschen wild. Und sie war, zumindest im ersten Abschnitt, für die Eintracht irgendwie ein Spiegelbild der bisherigen Saison. Sie kombinierte nicht unschön, ließ den Ball laufen, hatte deutlich mehr Ballbesitz als der Kontrahent (65:35 Prozent), und sie ging auch keinem einzigen Zweikampf aus dem Weg. Doch gerade im Angriff blieb sie weitgehend harmlos, Chancen waren Mangelware, richtig gefährliche Situationen ebenfalls. „Im letzten Drittel haben wir falsche Entscheidungen getroffen und zu unsauber gespielt“, monierte Toppmöller. Sie betreibt einen riesigen Aufwand für einen überschaubaren Ertrag. Selbst der späte Ausgleich ist eigentlich zu wenig, drückt die Kräfteverhältnisse nicht ausreichend aus. Überraschenderweise fand Fußballlehrer Toppmöller aber gerade in der deutlich besseren zweiten Hälfte ein paar Haare in der Suppe: „Ich hätte mir gewünscht, dass wir noch mehr in der Struktur bleiben, um noch besser zu Chancen zu kommen.“ Insgesamt aber war er sehr einverstanden mit dem gezeigten: „Die Jungs haben 90 Minuten nach vorne gespielt, das war von jedem top.“
Der Saisonauftakt kann sich – gerade im Hinblick auf die vielen Störgeräusche – absolut sehen lassen, nach insgesamt sechs Pflichtspielen sind die runderneuerten Frankfurter (sechs Neue standen am Ende auf dem Platz) noch immer ungeschlagen. Im DFB-Pokal stehen sie in der zweiten Runde, die Qualifikation für die Gruppenphase der Conference League ist gepackt, in der Bundesliga haben sie nach drei Begegnungen fünf Punkte auf dem Konto. Das ist in Ordnung, in Anbetracht der Gegner aber nun auch wiederum nicht die Welt. Darmstadt, Mainz und Köln sind, gerade in der aktuellen Verfassung, eher im hinteren Drittel der Liga anzusiedeln. Davor sollten die Verantwortlichen nicht die Augen verschließen, was sie gewiss nicht tun werden. „Wir haben fußballerisch einen Schritt nach vorne gemacht“, urteilte Sportboss Krösche nicht zu Unrecht. In dieses Horn bläst auch Keeper Trapp, der ein gutes Gefühl hat: „Wir pushen, wir können, wir machen Druck, das ist gut zu wissen, der Rest wird kommen.“ Vielleicht schon nach der Bundesligapause, dann aber geht es ausgerechnet nach Bochum. Dort gab es zuletzt nichts zu holen für die Eintracht.

