Eintracht Frankfurt verliert Krimi gegen Union Berlin
VonJörn Polzin
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Ingo Durstewitz
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In einem spektakulären Fußballspiel verliert Eintracht Frankfurt gegen Union Berlin mit 3:4 und muss sich vor allen Dingen über eine vogelwilde Abwehr ärgern
Frankfurt – Nach dem Wildwest-Spektakel im Frankfurter Stadtwald präsentierte sich Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche erstaunlich abgeklärt. Klar, der Mann ist Vollprofi, lässt sich nicht so sehr von Emotionen leiten. Doch dieses aufwühlende, wilde 3:4 (1:2) des hessischen Bundesligisten gegen Union Berlin hätte bei anderen für andere Gemütsregungen gesorgt. Markus Krösche aber resümierte sachlich: „Es ist ärgerlich und unnötig. Aber das gehört zum Prozess dazu, jetzt geht es weiter, dann müssen wir es besser machen.“ Ruhepuls wahrscheinlich 65.
Der Sportboss erwies sich gleichwohl als fairer Verlierer, räumte „die verdiente Niederlage“ unumwunden ein. Er lobte die Moral und die Einstellung seines jungen Teams, das schon geschlagen am Boden lag und scheinbar hoffnungslos mit 1:4 zurücklag, dann aber noch das 3:4 machte und am Unentschieden schnupperte. Doch es sollte nicht sein. „Wir haben zu viele Fehler gemacht und naiv gespielt“, befand der Manager. Eintracht-Kapitän Robin Koch flankierte: „Es ist sehr enttäuschend, wir haben die Tore hergeschenkt.“
Zweite Niederlage in Folge für Frankfurt
So oder so: Es ist ein herber Rückschlag für die Eintracht, die in der Liga nun zweimal hintereinander verloren hat. Der Saisonstart mit sechs Punkten ist okay, aber nicht mehr wirklich gut. Könnte spannend werden in den kommenden, anspruchsvollen Wochen. „Das sind gebrauchte Tage, die im Fußball vorkommen“, urteilte Trainer Dino Toppmöller. „Ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen, sie sind angerannt mit allem, was wir hatten. Sie haben alles investiert, was drin war.“
Die Partie, drei Tage nach dem 5:1-Festakt gegen Galatasaray in der Königsklasse, begann wieder stimmungsvoll, erneut mit einer imposanten Choreografie. Dieses Mal wurde das 100-jährige Bestehen des Waldstadions gefeiert, die Anzeigetafel präsentierte sich im coolen Retrolook, und aus den Boxen klang der Evergreen von früher: „Im Wald, da spielt die Eintracht.“
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Die Frankfurter ließen sich von den schönen Bildern offenbar auch gleich mal ein bisschen inspirieren, Linksverteidiger Nathaniel Brown war es, der mit einem fiesen Flatterball Union-Keeper Frederik Rönnow prüfte und auch ein bisschen überraschte. Irgendwie bekam der Ex-Eintracht-Schlussmann aber noch die Faust an den Ball (7.). So sollte es aber nicht weitergehen, analog zum Champions-League-Spiel gegen Gala klingelte es abermals früh im Tor der Hessen.
Rückkehr von Eintracht-Keeper Kaua Santos ohne Wirkung
Den Gegentreffer durch Ilyas Ansah leitete Kapitän Robin Koch mit einem doppelten Fehlpass und Hugo Larsson mit einem unglücklichen Abspiel ein. Kaua Santos im Kasten der Frankfurter war gegen den platzierten Schuss ins lange Eck chancenlos. Der Brasilianer war erwartungsgemäß in die Kiste zurückgekehrt und löste Michael Zetterer ab. Gebracht hat es nichts. Den Beweis, mit dem Ball am Fuß annähernd so gut wie Zetterer zu sein, blieb Santos schuldig. Mehr noch: Man merkte ihm die fehlende Spielpraxis an, oft genug fehlte das rechte Timing, etwa beim 1:4. Zum Ende der Partie kam er auf Betriebstemperatur.
Die Platzherren präsentierten sich in der Folge ganz schön fehleranfällig, vor allem aber spielten sie zu langsam und behäbig. Natürlich standen die Berliner geballt in der eigenen Hälfte, und natürlich ist es die Königsdisziplin, einen tiefen Block auszuhebeln. Aber ein paar Ideen mehr sollten es schon sein, Esprit suchte man vergebens. Stattdessen wurde der Ball zu oft quer und zurück gepasst, das Spieltempo war zu langsam. Entsprechend hatten die Eisernen keine Mühe, die Angriffe der Eintracht locker wegzuverteidigen.
Und sie schlugen nach Kontern eiskalt zu, der schnelle Oliver Burke etwa setzte sich nach einem abgewehrten Einwurf der Eintracht tatsächlich gegen drei Frankfurter durch und schoss eiskalt zum 0:2 ein (32.). Ein Wirkungstreffer für die Gastgeber, die aber nach dem 1:2 durch Nathaniel Brown, dessen Schuss Can Uzun noch leicht abfälschte, wieder Morgenluft witterten (45.). Das Tor fiel, kurz vor dem Pausenpfiff, zu einem psychologisch wichtigen Zeitpunkt. Sagt man ja so. Doch dieses Mal war das ein Trugschluss.
Schlagabtausch zum Schluss zwischen Frankfurt und Union
Denn Union machte mit den Hessen nach Wiederanpfiff kurzen Prozess. Der bockstarke Ansah narrte die komplette und völlig neben den Schuhen stehende Eintracht-Deckung, legte ab zum furiosen Andrej Ilic, der flankte auf den überragenden Burke, 1:3 (53.). Drei Minuten später: Ilic auf Burke, 1:4. Drei Treffer Burke, vier Assists Ilic – gibt es auch nicht alle Tage. Der Doppelschlag war scheinbar das Ende für die Eintracht, deren Abwehr einem Torso glich und die vorne jede Durchschlagskraft vermissen ließ.
Doch dann, oh Wunder, die plötzliche sportliche Auferstehung. Der agile Can Uzun verkürzte auf 2:4 (80.). Und plötzlich war das Stadion wieder da, die Frankfurter setzten alles auf eine Karte und berannten mit wilden Angriffen das Union-Tor. Und sie kamen tatsächlich noch einmal zurück: der eingewechselte Jonathan Burkardt verwandelte einen Strafstoß zum 3:4 (87.). Natürlich stand das Stadion dann Kopf, und die Eintracht warf in der Schlussphase und der zehnminütigen Nachspielzeit alles nach vorne, doch reichen sollte es am Ende nicht mehr.