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Eintracht Frankfurt verpatzt den Auftakt in Europa

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Da sah es noch gut aus: Torschütze Hugo Ekitiké (M), Omar Marmoush und Niels Nkounkou jubeln nach dem Tor zum 1:0.
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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt kassierte in der Schlussminute gegen Viktoria Pilsen noch den 3:3-Ausgleich.

Der Rahmen hat gepasst, die Arena im Stadtwald war dem besonderen Ereignis entsprechend festlich, ja euphorisch gestimmt, die sehr lautstarke Anhängerschaft des hessischen Europa League-Teilnehmers hatte sich mal wieder nicht lumpen lassen. Und so trieben die rund 56 500 Zuschauenden die Frankfurter Eintracht zwar an, zum allenthalben erhofften ersten Erfolgserlebnis hatte es freilich nicht gereicht: Eintracht Frankfurt musste ein bitteres Ende hinnehmen, eine kalte Dusche im strömenden Regen, unmittelbar vor dem Ende war Viktoria Pilsen nach einem schweren Fehler von Torhüter Kaua Santos durch den aufgerückten Vaclav Jemelka noch zu einem nicht mehr für möglich gehaltene 3:3-Ausgleich gekommen. Dabei hatte die Eintracht bis vier Minuten vor Schluss noch mit 3:1 geführt und sah wie der sichere und verdiente Sieger aus. „Das ist extrem bitter, weil wir eigentlich ein gutes Spiel gemacht haben.“ Zum Schluss habe man als Mannschaft „zu sorglos und zu naiv verteidigt“, sagte Sportvorstand Markus Krösche in einer ersten Stellungnahme. Es habe auch die erforderliche Aggressivität gefehlt, aus diesem Spiel gelte es zu lernen „und bis zum Ende konsquent zu spielen“, sagte Krösche.

Das Remis gegen den tschechischen Vertreter von FK Viktoria Pilsen war ein Schlag ins Kontor, damit hatte im Vorfeld kaum einer ernsthaft gerechnet, zumal die Hessen bereits mit zwei Toren vorne lagen und alles im Griff zu haben schienen. Der Auftakt im Frankfurter Lieblingswettbewerb ist der Eintracht also daneben gegangen, nach drei Siegen in Folge in der Bundesliga bedeutete dies ein echter Rückschlag. Diese verschenkten zwei Zähler werden fehlen und könnten am Ende noch richtig wehtun. Ein Dreier gegen die tschechische No-Name-Truppe von Trainerfuchs Miroslav Koubek war eigentlich fast zu einer Pflichtaufgabe erklärt und fest eingeplant worden. Und in genau einer Woche treffen die Hessen in der neu orchestrierten Europa League auf Besiktas Istanbul, eine Hürde, die sicherlich höher ist als jene vom Donnerstagabend bei frühherbstlichen Bedingungen, selbst wenn die Türken am Donnerstag bei Ajax Amsterdam 0:4 untergingen. Bereits Sonntag treten die Frankfurter schon wieder in der Bundesliga beim bislang noch sieglosen Aufsteiger Holstein Kiel an, es geht Schlag auf Schlag.

„Richtig Bock auf Europa“ habe sein Team, hatte Trainer Dino Toppmöller am Tag zuvor allen Fans den Mund wässrig gemacht. Ehe es dazu kam, hatte er freilich ein paar Umstellungen personeller Art zu bewerkstelligen und sorgte dann auch gleich für zwei Überraschungen: Zum einen hatte der Fußballlehrer erstmals alle drei Stürmer nominiert, also neben Omar Marmoush und Hugo Ekitiké, die erwartet worden waren, auch Igor Matanovic, der damit erstmals in einem Pflichtspiel in der Startelf stand. Und noch eine Personalie verblüffte: Mo Dahoud, auf den letzten Drücker aus England geholt, durfte ebenfalls von Anfang ran, ein Vergnügen, das dem 28-Jährigen sehr lange Zeit nicht vergönnt war. Für ihn saß Hugo Larsson auf der Bank. Robin Koch fehlte verletzungshalber, für ihn rückte Niels Nkounkou auf die linke Seite.

Tuta als Kapitän

Die Eintracht, die mit einer Dreierkette agierte, in der der Brasilianer Tuta erstmals die Kapitänsbinde trug, hatte in den ersten 45 Minuten zwar das, was sie in der Bundesliga eher selten hat, nämlich mehr Ballbesitz als der erwartungsgemäß tief stehende Gegner, fast 70 Prozent, aber Kapital konnte sie daraus zunächst nicht schlagen. Das lag daran, dass die Gastgeber nicht gerade ein fußballerisches Feuerwerk abbrannten. Vieles wirkte wieder sehr bedächtig, vorsichtig, der sichere Pass wurde dem riskanten im Zweifelsfall vorgezogen, der Rest verrutschte im strömenden Regen.

Klar, es gab vereinzelte halbe Möglichkeiten, vor allem durch Igor Matanovic, der seine Chancen aber reihenweise eher halbgut nutzte: Viermal war der lange Stürmer allein in der ersten Halbzeit zum Abschluss gekommen, allenfalls Schüsschen auf den Torwart kamen dabei heraus. Hinzu kam: Weil der Schlaks im Zentrum postiert war, agierten Marmoush und Ekitiké dahinter - was insbesondere Marmoush viel von seiner Stärke nahm. Ihm gelang anfangs kaum etwas.

Auch Dahoud, obzwar sehr bemüht und immer anspielbar, verschleppte mehr das Tempo als es zu forcieren. Zudem fehlte es an den Tiefenläufen von Angreifern und den beiden Schienenspielern mit dem Ergebnis, dass Viktoria Pilsen gar nicht so viel tun musste, um die Gefahr vor dem eigenen Tor gering zu halten. Also musste mal wieder ein kleiner Geniestreich für die Frankfurter Führung herhalten. Ekitiké, der sich auch häufig im dichten Abwehrnetz der Tschechen verhedderte, spielte nach diversen Übersteigern einen feinen Doppelpass mit Rasmus Kristensen und schlenzte die Kugel dann mit links clever ins Tor. 38 Minuten waren da gespielt und es sah danach aus, als laufe alles nach Plan.

Notfall vor der Kurve

Auch deswegen fiel der Ausgleich ziemlich aus heiterem Himmel, und es war Pavel Sulc, torgefährlichster Tscheche bei Pilsen, der den weitgehend beschäftigungslosen Kaua Santos im Frankfurter Kasten mit einem platzierten Flachschuss aus 20 Metern bezwang (41.).

Unmittelbar nach der Pause hatte ein medizinischer Notfall direkt vor der Nordwestkurve für minutenlanges Schweigen des Blocks gesorgt. Ein Fan mit Kreislaufproblemen war auf den Kopf gestürzt und musste in ein Krankenhaus gebracht werden.

Doch der Faden war nach Wiederbeginn kurzzeitig gerissen, Pilsen bekam sogar plötzlich Oberwasser und die Eintracht geriet zeitweilig ein wenig ins Schwimmen, aber nur kurz. Mit der Einwechselung von Eric Dina Ebimbe (für Matanovic) und Fares Chaibi (für Ansgar Knauff) wollte Toppmöller frischen Wind bringen. Und er hatte das richtige Näschen: Kaum drei Minuten nach seiner Einwechselung erzielte Ebimbe (63.) nach glänzendem Pass von Ekitiké sehr überlegt und abgezockt die neuerliche Führung. Und es dauerte nur vier Minuten später, da stockten die Hessen noch auf. Eine Ecke von Chaibi erreichte über Umwege Rasmus Kristensen und der Däne drosch die Kugel aus elf, zwölf Metern ins Tor, humorlos nennt man das. Damit schien der Deckel drauf, zumal Omar Marmoush und Jean-Matteo Bahoya noch zwei gute Gelegenheiten auf dem Fuß hatten.

Dann aber kam die 86. Minute, die Prince Adu erst zum Anschlusstreffer nutzte, da sah die Hintermannschaft inklusive Torwart Santos nicht gut aus. Und beinahe mit dem Schlusspfiff das bittere Ende: Jemalka schaffte mit einem „Slapsticktor“ (Toppmöller) noch den Ausgleich. Der lange so stimmungsvolle Abend war gelaufen, die Gesichter entsprechend lang.

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