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Eintracht-Sternstunde gegen den FC Bayern

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Völlig losgelöst: Die Eintracht-Spieler feiern den Kantersieg über den Lieblingsgegner aus München. dpa
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    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt walzt mal wieder mit 5:1 über den Serienmeister Bayern München hinweg, will aber trotz der großartigen Leistung „auf dem Teppich bleiben“– das ist richtig so.

Nach der nicht unbedingt zu erwartenden Galavorstellung im Stadtwald schalteten nicht alle Frankfurter sofort in den Feierbiestmodus. Okay, aus der Eintracht-Umkleide dröhnten die Beats bis hinaus in die Mixed Zone, Stürmer Omar Marmoush durfte den DJ geben, das macht er gerne, der Ägypter, der den Bayern zuvor Knoten in die Beine gespielt hatte und sich über das beste Spiel und das schönste Erlebnis seiner Karriere als Fußballer diebisch freute. „Das war ein überragendes Spiel, das ist etwas ganz Besonderes“, sagte der 24-Jährige. „Das ist einfach geil.“

Andere waren trotz der 5:1 (3:1)-Packung für den Branchenführer deutlich reservierter, wenig überraschend waren es diejenigen, die die Verantwortung tragen für das, was Eintracht Frankfurt auf dem Fußballfeld veranstaltet. Das war gegen die Bayern Extraklasse, in den Partien zuvor maximal Schmalspur. „Wir haben der launischen Diva alle Ehre gemacht“, sagte Trainer Dino Toppmöller lächelnd.

Der 43-Jährige war ansonsten aber hörbar darum bemüht, den Ball auf Höhe der Grasnarbe zu halten, die Ausschläge in beide Richtungen in etwa in die Mitte zu balancieren. „Mir ist wichtig, dass wir Niederlagen richtig einordnen und genauso diesen Sieg richtig einschätzen“, sagte der Fußballlehrer. Also nicht in „Depressionen verfallen“, wenn es mal nicht läuft wie erhofft und nicht abheben und in „megagroße Euphorie“ ausbrechen, wenn man einen Sahnetag erwischt. „Immer schön auf dem Teppich bleiben.“ Richtig so.

Und so erinnerte Toppmöller auch nach dem furiosen Parforceritt gegen die Bayern noch einmal an Saarbrücken, dieses blamable Pokal-Aus bei einem Drittligisten nur drei Tage zuvor. „Da waren wir einfach schlecht“, hob der Saarländer an. „Ich bin immer noch traurig, sauer und enttäuscht, das tut einfach weh.“

Doch sehr wahrscheinlich wäre eine Leistung wie am Samstag gegen die Bayern ohne dieses Schockerlebnis am Mittwoch im Saarland gar nicht möglich gewesen. Denn alle Frankfurter Spieler waren, wie es der Trainer gefordert hatte, geradezu angezündet, wollten die Schmach vergessen machen. Mit allem, was in ihnen steckte. „Man hat gesehen, dass die Jungs brennen und zu was die Mannschaft zu leisten imstande ist“, bemerkte Toppmöller, der eine mutige taktische Ausrichtung wählte, die Münchener früh attackieren und auf dem ganzen Feld Mann gegen Mann spielen ließ, auch in der Abwehr gegen die schnellen Außen Leroy Sané und Kingsley Coman sowie die ausgebufften Zielspieler Eric Maxim Choupo-Moting und Harry Kane. Es war eine riskante Herangehensweise, die belohnt wurde. Marmoush (12.), Eric Dina Ebimbe (31., 50.), Hugo Larsson (36.) und Ansgar Knauff (60.) schossen den Kantersieg heraus, für die erschreckend schwachen Gäste traf nur der erschreckend schwache Joshua Kimmich mit einem Sonntagsschuss am Samstag (44.). „Gegen die Bayern musst du mutig sein und ihr System brechen“, urteilte Sportvorstand Markus Krösche.

Für die Eintracht war es ein Feiertag mit netten Randaspekten. So durfte Oldie Makoto Hasebe sein 300. Pflichtspiel im Frankfurter Dress feiern, Youngster Elias Baum kam zu seinem Bundesligadebüt – und die Hessen schafften das Kunststück, den Bayern mal wieder fünf Dinger einzuschenken – wie schon 2019. Damals musste Niko Kovac nach der Demütigung seinen Spind an der Säbener Straße räumen. Dieses Schicksal bleibt Thomas Tuchel, der sich fast 90 Minuten auf seiner Trainerbank verschanzte, den Eindruck von maximaler Distanz zu seinem Team vermittelte und die Niederlage im Nachgang einigermaßen wirr analysierte („die Expected Goals haben wir gewonnen“), dieses Mal erspart.

In diesem Jahrtausend verloren die Münchner nur vier Bundesligaspiele mit vier Toren Differenz, zwei davon gegen die Eintracht. Klingt nicht nach Lieblingsgegner. Dass sie es anders können zeigten sie letzte Saison, da gab es für die Eintracht eine 6:1-Abreibung. Die wäre jetzt, anders herum, auch drin gewesen.

Der größte Unterschied am Samstag zwischen den beiden Kontrahenten, und das ist in der Gesamtanalyse nicht uninteressant, war die Einstellung und Haltung zum Spiel. Während die Eintracht quasi mit dem Anpfiff mit höchster Intensität, Bereitschaft und Willen unterwegs war, schalteten die Bayern eher in den Verwaltungsmodus und wollten die Partie offenbar eher durch ihre individuelle Klasse zu Ihren Gunsten drehen.

Genau hier entsteht diese Diskrepanz, genau das gibt den Kleineren die Möglichkeit, die Größeren zu ärgern. Wie Saarbrücken die Eintracht (und auch die Bayern). Und genau deshalb sind solche zwei Gesichter binnen weniger Tagen doch erklärbar, ist Fußball zwar oft genug „verrückt“, wie der junge Hugo Larsson befand, aber in diesem Fall sehr wohl herleitbar. „Wir waren füreinander da“, bekundete Torschütze Omar Marmoush.

Coach Toppmöller wurde grundsätzlich, er hat sich darüber geärgert, dass seinem Ensemble nach den blutleeren Auftritten zuletzt ein Einstellungsproblem attestiert worden war. „Für die Jungs lege ich meine Hand ins Feuer. Sie haben einen super Charakter, geben immer Gas, darauf lasse ich nichts kommen.“ In 23 Partien sei das Team 21-mal ans absolute Limit gegangen, nur zweimal nicht. „Ich zweifele niemals an der Mentalität meiner Mannschaft.“

Und doch waren nach den vier Niederlagen am Stück die Zügel angezogen worden, Sportvorstand Krösche hatte den Ton verschärft und dem Team klargemacht, dass der Verein es nicht dulde, wenn die Ziele leichtfertig in Gefahr gebracht würden. „Wenn wir das Gefühl haben, dass gewisse Dinge nicht so umgesetzt werden, wie wir es verlangen, sprechen wir es an“, sagte der Sportchef und fügte an: „Manchmal musst du eben ein paar Dinge in Erinnerung rufen.“

Zur Belohnung gibt es jetzt vor dem bedeutungslosen Conference-League-Spiel in Aberdeen am Donnerstag zwei freie Tage für die Akteure, die hochbelasteten Dauerspieler dürfen noch einen zusätzlichen Urlaubstag in Anspruch nehmen. Haben sie sich nach der Sternstunde vom Samstag verdient.

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