VonFrank Hellmannschließen
Nach einer Halbzeit endet das Debüt von Nnamdi Collins, dabei badet er nur aus, was Julian Nagelsmann ausgeheckt hat
Es gibt am Fuße der Altstadt von Bratislava eine schöne Statue, bei der Touristen oft rätseln, wer das eigentlich ist. Dabei handelt sich um Hans Christian Andersen, der über die damalige Stadt Preßburg in sein Tagebuch schrieb: „Ich liebe diese Stadt, sie ist so lebhaft und bunt.“ Im Gegensatz zum dänischen Dichter hat ein deutscher Fußballer hier weniger gute Erfahrungen gesammelt: Nnamdi Collins konnte es am Freitag mit der Abreise gar nicht schnell genug gehen. Wortlos war der Profi von Eintracht Frankfurt in der Nacht zum Bus getrottet. Erst das verlorene Finale mit der U21-Nationalelf, nun das bereits zur Halbzeit beendete Debüt in der A-Nationalmannschaft. Das Nationalstadion der Slowakei scheint ein Unglücksort für den 21-Jährigen, der zudem wie Jonathan Tah und Antonio Rüdiger zur Zielscheibe rassistischer Kommentare in den Sozialen Medien wurde.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) leitete die Attacken der Staatsanwaltschaft zu und tat kund: „Wir sind nicht zufrieden. Ihr seid nicht zufrieden. Aber bevor ihr jetzt unter diesem Post kommentiert, denkt bitte daran, dass Hass Situationen noch nie besser gemacht hat.“ So cool kann der junge Mann gar nicht sein, dass ihn das alles nicht berührt. Ausgerechnet dem von Julian Nagelsmann überschwänglich empfangenen Hoffnungsträger fiel der nicht ausgereifte Matchplan des Bundestrainers auf die Füße.
Die neue Nummer 13 sollte hoch stehen, im Rückwärtsgang hatte der gebürtige Düsseldorfer mit dem Tempo und den Tricks des erst 19 Jahre alten Linksaußen Leo Sauer massive Probleme. „Nnamdi hatte keinen super Tag, aber ich werde nicht einen Debütanten verantwortlich machen“, erklärte Nagelsmann. „Es sind Spieler drumherum, die unfassbar viele Spiele hatten. Sein Gegenspieler hatte einen sehr guten Tag, das ist ein großes Talent des slowakischen Fußballs.“
Unter dem Strich musste sich der Neuling wie ein Bauernopfer fühlen, weil es weitere Kandidaten für eine Auswechslung gegeben hätte. Irgendwie absurd, dass der bis dahin gute Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt auf die Collins-Position rückte. Kapitän Joshua Kimmich sprang dem Leidtragenden des windschiefen Systems zur Seite. „Ich glaube, er ist der Letzte, an dem es lag. Gerade wenn man ein Debüt gibt, neu dazukommt, ist man ein Stück weit mehr abhängig, dass man in eine funktionierende Truppe kommt. Ich hoffe, dass er sich da jetzt nicht einen allzu großen Kopf macht. Weil er war nicht schlechter als wir alle.“
Kimmich hatte einst mit 21 ebenfalls gegen die Slowakei debütiert – und bei einer 1:3-Pleite schlecht gespielt. Unterschied: Joachim Löw holte ihn erst nach 75 Minuten runter und machte ihn kurz darauf bei der EM 2016 zur Stammkraft rechts hinten. Es wird erwartet, dass Kimmich dort auch gegen Nordirland in Köln (Sonntag 20.45 Uhr/RTL) ran muss. „Das ist immer eine Option, das habe ich die ganze Zeit gesagt“, sagte Nagelsmann, der außer Collins keinen anderen Rechtsverteidiger nominiert hat. Solch schlechte Geschichten hat sich Hans Christian Andersen früher nie ausgedacht.
