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EM-Finale: Showdown zwischen England und Spanien

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Schafft es Spanien erneut, wie hier gegen Frankreich?
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Das Finale der EM in Deutschland führt in Berlin die Gegensätze auf: Der schöne Geist der Spanier trifft auf die harte Realität der Engländer.

Um was es bei der EM 2024 in Deutschland geht, haben die Macher:innen dieses Turniers jeden Tag vor Augen gehabt. Zur Motivation stand eine menschenhohe Nachbildung des Pokals direkt hinter dem Empfang der ehemaligen DFB-Zentrale am Ende der Otto-Fleck-Schneise im Frankfurter Stadtwald, wo die zentrale Steuereinheit des Turniers untergebracht war. Nun sind weite Teile der Crew der Euro 2024 GmbH nach Berlin umgezogen, ehe dann alles wieder abgebaut wird.

Aber erst einmal muss im Olympiastadion ermittelt werden, wer wirklich das Original empfängt. Acht Kilo schwer, 60 Zentimeter hoch. Echtes Sterlingsilber. Es ist bereits die zweite Version einer nach dem ersten Uefa-Generalsekretär Henri Delaunay benannten Trophäe, die erstmals der spanische Kapitän Iker Casillas 2008 im Wiener Ernst-Happel-Stadion in die Höhe reckte.

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Wird nun der spanische Kapitän Alvaro Morata derjenige sein, der 16 Jahre später für die Iberer im Berliner Olympiastadion als alleiniger Rekordeuropameister jubelt? Oder bekommt der englische Anführer Harry Kane diesen Cup, um das 58 Jahre währende Trauma zu besiegen?

Dass sich Spanien und England im EM-Finale (Sonntag 21 Uhr/ARD und Magenta TV) duellieren, ist eine würdige Konstellation. Zwei Königreiche, die ganz unterschiedliche Eindrücke hinterlassen haben. Im Grunde sind ihre bezogenen Quartiere ein Sinnbild dessen, was ihren Fußball geprägt hat.

Die eine Mannschaft, „La Furia Roja“, wohnt in Donaueschingen in einer Wohlfühlregion in Baden-Württemberg. Eine der tüchtigsten Gegenden des Landes. Das Luxus-Wellnesshotel „Öschberghof“ kennt sich aus mit prominenten Gästen, auch aus dem Fußball. Viele finden, dass die Spanier mitunter so schön spielen, wie dieser idyllische Landstrich rüberkommt. Kreativ, inspirierend. An Aktivitäten zur Abwechslung herrscht kein Mangel. Zwischen Schwarzwald, Bodensee und der Schweiz hat man Lust, immer was Neues zu entdecken.

Für diesen schönen Geist der guten Unterhaltung steht die spanische Nationalelf. „Ich kann mich sehr glücklich schätzen, 26 Fußball-Genies leiten zu können“, sagt Trainer Luis de la Fuente. Sein größtes Verdienst ist es, den Ballbesitz nicht mehr als Selbstzweck zu verstehen. Es wird hoch gepresst und schnell umgeschaltet. Zudem hat der 63-Jährige früh vom Titel gesprochen. Ein beharrlicher Fußballlehrer will werden, was er mit zwei spanischen Nachwuchsteams schon war: Europameister. Sein Ensemble mit dem stabilen Anker Rodri vereint Tempo und Technik. Die Flügelzange mit Nico Williams und Lamine Yamal ist das freudigste Element, das diese EM gesehen hat. Der eine (Williams) feierte am Freitag seinen 22. Geburtstag, der andere (Yamal) wird am Samstag gerade erst 17. Was sich das Wunderkind wünscht? „Nichts, nur gewinnen, gewinnen, gewinnen!“

Zum Spiel

Finale in Berlin: Spanien–England (21.00 Uhr/ARD/MagentaTV)

Spanien: 23 Simón – 2 Carvajal, 3 Le Normand, 14 Laporte, 24 Cucurella – 16 Rodri, 8 Ruiz – 19 Yamal, 10 Olmo, 17 Williams – 7 Morata

England: 1 Pickford – 2 Walker, 5 Stones, 6 Guehi – 7 Saka, 26 Mainoo, 4 Rice, 3 Shaw – 10 Bellingham, 11 Foden – 9 Kane

Schiedsrichter: François Letexier (Frankreich)

Das andere Team, „Three Lions“, reist aus Blankenhain nach Berlin, ein unscheinbarer Ort ein gutes Stück weg von Jena und Erfurt. Immerhin haben die Leute noch drei Einkaufsmöglichkeiten und ein echtes Schloss. Das abseitige Resort „Weimarer Land“ ist bekannt, seitdem die deutsche Nationalmannschaft Ende Mai zum ersten Trainingslager Hof hielt, ehe die Engländer diese von einem privaten Besitzer ertüchtigte Anlage für Genussgolfer übernahmen. Auch hier gibt es sanfte Hügel, aber Thüringen ist keine boomende Region. Manche sagen, dass die Engländer mit ihrem Pragmatismus gut hierher passen. Effizient, distanziert. Man macht das Beste aus der Lage, bildet die harte Realität einfach ab.

Die Entourage hätte längst die Koffer gepackt, wenn nicht Jude Bellingham in der Nachspielzeit im Achtelfinale für einen Fallrückzieher quer in der Luft gelegen hätte. Danach gewann die Auswahl von Gareth Southgate ein Elfmeterschießen, holte Rückstände auf und genoss auch Schiedsrichterglück. Wie früher das für seine Hartnäckigkeit beneidete Germany auf seinem Streifzug durch die EM 1996 im Mutterland des Fußballs.

Was für England spricht: Diese Gemeinschaft hat sich gesteigert und zumindest eine Halbzeit lang im Halbfinale endlich auch aufregend gespielt. Phil Foden von Manchester City und Arsenals Bukayo Saka können mit ihren Sololäufen jederzeit Unheil anrichten – gerade Irrwisch Foden wartet noch auf mehr Belohnung. Vielleicht kommt das Beste wirklich ganz zum Schluss. Was ein EM-Triumph in der deutschen Hauptstadt an Emotionen beim englischen Anhang auslösen würde, können sich vielleicht nicht mal diejenigen vorstellen, die regelmäßig auf ihrem Kiez die Nächte durchfeiern. Die Sehnsucht, ins Geschichtsbuch zu kommen, ist riesig – der Respekt vor der letzten Hürde aber auch.

„Wir spielen gegen das beste Team des Turniers, und wir haben einen Tag weniger zur Vorbereitung. Aber wir sind immer noch hier“, sagt Teamchef Gareth Southgate. Beim 53-Jährigen spielen noch die bitteren Erinnerungen ans EM-Finale 2021 gegen Italien mit, als er mit der Auswahl seiner Elfmeterschützen die ganze Nation gegen sich aufbrachte. Bereits in Dortmund hat der englische Trainer deshalb demütige Worte gewählt: „Wenn ich 2021 im Finale nicht alles richtig gemacht haben sollte, entschuldige ich mich hiermit. Ich versuche, es diesmal besser zu machen.“

Für jeden Sieger gäbe es also Gründe, aber auf den Sockel des Pokals wird nur ein Name graviert.

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