VonThomas Kilchensteinschließen
Ausgerechnet vor dem Millionenspiel gegen Lewski Sofia lässt Eintracht-Stürmer Randal Kolo Muani den Transferstreit eskalieren.
Den entscheidenden, den wichtigsten Satz hatte Dino Toppmöller ziemlich zu Beginn der Pressekonferenz zum Playoff-Spiel heute Abend (20.30 Uhr/RTL) gegen Lewski Sofia gesagt. Ein Satz, der die Richtung vorgibt: „Eintracht Frankfurt ist immer größer als ein einzelner Spieler.“
Selbst wenn der Spieler Randal Kolo Muani heißt.
Das hat Toppmöller nicht gesagt, aber genau darum ging es, das extrem wichtige Spiel am Donnerstag um den Einzug in die Conference League geriet angesichts aktueller Schlagzeilen da fast zur Nebensache. Kolo Muani, der beste Frankfurter Spieler und Torschütze am laufenden Band, hatte am Mittwochmorgen das Abschlusstraining geschwänzt. Er war in Streik getreten, um seinen gewünschten Transfer zum französischen Spitzenklub Paris Saint-Germain zu erzwingen. Laut „L’Équipe“ soll der 24 Jahre alte Spieler, noch mit einem ohne Klauseln versehenen Kontrakt bis 2027 an Eintracht Frankfurt gebunden, am gestrigen Mittwoch sogar nach Paris geflogen sein. Dieser Streik ist der Höhepunkt eines sich seit Wochen hinziehenden Pokers um den Wechsel des Angreifers, der sich seit langem mit PSG einig ist. Allerdings haben sich die Franzosen bislang außerstande gesehen, die geforderte Ablösesumme von rund 100 Millionen Euro zu bieten.
Kolo Muani hat jetzt, ganz offensichtlich auf Druck seiner Berateragentur, die einen zweistelligen Millionenbetrag als Provision für einen abgeschlossenen Deal einstreichen könnte, den Poker eskalieren lassen. Kolo Muani hatte erst nach den Champions-League-Spielen gegen den SSC Neapel im Februar seine Berateragentur gewechselt, er lässt sich seitdem von den selben Leuten vertreten wie Ousmane Dembele, der sich einst von Borussia Dortmund zum FC Barcelona streikte.
Das hatten die Frankfurter Verantwortlichen im Fall von Kolo Muani eigentlich ausgeschlossen. Entsprechend enttäuscht reagierten sie: „Wir haben Randal anders kennengelernt und wissen um seinen eigentlichen Charakter. Es prasselt aktuell sehr viel auf ihn ein und daraus resultiert diese Reaktion, die falsch ist, was wir ihm und seinem Umfeld auch klar und in allen Auswirkungen verdeutlicht haben“, sagte Sportvorstand Markus Krösche. Kolo Muani wird also nicht für das Millionenspiel gegen Sofia zur Verfügung stehen, das die Eintracht nach dem 1:1 im Hinspiel gewinnen muss. Klar sei aber auch: „Das Verhalten hat keinen Einfluss auf Transferaktivitäten.“ Bedeutet: Der Spieler solle nicht glauben, mit dieser miesen Masche durchzukommen. Wenn PSG den französischen Vizeweltmeister wolle, müsste man den geforderten Preis zahlen. „Wir haben die Kontrolle“, hat Krösche schon vor Wochen gesagt.
Einiges an Unverständnis schimmert im Stadtwald aber doch durch über das Geschäftsgebaren der Pariser, die sich deutlich früher und deutlich intensiver um den Transfer hätten kümmern müssen. Ein 100-Millionen-Geschäft wickelt man für gewöhnlich nicht in den letzten Stunden der Transferperiode ab (schließt diesen Freitag, 18 Uhr). Dazu kommt: Weil PSG so lange zögerte und auch der Umzug von Jesper Lindström für 34 Millionen Euro zum SSC Neapel dauerte, war der eigentlich schon fixe Deal mit Elye Wahi aus Montpellier geplatzt, Wahi ging, weil er nicht mehr warten wollte, zu RC Lens. Auch die Gespräche mit Victor Boniface (inzwischen Bayer Leverkusen) kamen zum Erliegen. Erst jetzt, viel später als geplant, konnte die Eintracht den Zugang von Fares Chaibi (vom FC Toulouse) klarmachen. Dazu kommen PSG-interne, hausgemachte Probleme: Sportdirektor Luis Campos steht unter Druck, weil er Hugo Ekitiké, 21, als großes Talent preist, für das englische Klubs das doppelte des Marktpreises (20 Millionen Euro) zu zahlen gewillt sind, er den Angreifer aber als Draufgabe für Kolo Muani nach Frankfurt verscherbeln wollte.
Trotz des Hick-Hacks ist nicht ausgeschlossen, dass Kolo Muani, sollte der Wechsel tatsächlich nicht zustande kommen, eine weitere Saison in Frankfurt spielt. Oder Paris erfüllt Frankfurter Forderungen, wobei dann immer noch offen ist, wer als Ersatz zu den Hessen kommt.
Alles keine guten Voraussetzungen für das heutige „Endspiel“ gegen Sofia. „Wir müssen gemeinsam als Gruppe beweisen, dass wir stärker sind als ein Spieler“, appellierte Toppmöller ans Team. Er weiß aber auch: Ohne Kolo Muani „verlieren wir individuelle Qualität“. Wer den Topstürmer in diesem Spiel ersetzen wird, ist offen: Omar Marmoush wird spielen, womöglich Jens Petter Hauge als Nebenmann in der Spitze eine Bewährungschance bekommen. Oldie Makoto Hasebe weiß: „Ein Sieg und wir können das Kolo-Theater vergessen.“
Natürlich noch kein Thema für heute Abend ist die jüngste Frankfurter Neuerwerbung: Der algerische Nationalspieler Chaibi, 20, erhält einen Vertrag bis Sommer 2028. Er ist in der Offensive flexibel einsetzbar, auf der Achter- oder Zehner-Position, er agiere „gut zwischen den Linien“, sagt Toppmöller, und soll die Lindström-Lücke schließen. Dem Vernehmen nach beträgt die Ablösesumme zwischen zehn und 15 Millionen Euro. Der entwicklungsfähige Spieler absolvierte beim FC Toulouse 41 Pflichtspiele, mit acht Toren und sieben Vorlagen.
Schließlich stehen die Hessen kurz vor einer Einigung mit Niels Nkounkou von AS Saint Etienne. Er soll für Dampf über den linken Flügel sorgen, ihn zeichnet eine starke Präsenz aus, er sucht gerne den direkten Zug nach vorne. Darüber hinaus deutet vieles daraufhin, dass Rafael Borré auf den letzten Drücker sich doch noch dem FC Valencia anschließt. Toppmöller jedenfalls weiß, was er tun wird, wenn das schier endlose Wechseltheater am Freitag – an dem Tag werden im übrigen auch die Gruppen der Conference League ausgelost – vorbei ist: Er wird sich einen Äppler genehmigen. Mindestens einen.
