- VonPatrick Hilmesschließen
Die Zukunft ist jetzt: Die erst 20-jährige Selina Grotian feiert im Massenstart ihren ersten Weltcup-Sieg. Die Biathletin aus Mittenwald setzte sich in der Schlussrunde gegen Franziska Preuß durch.
Der ARD-Reporter sagte es schon ganz richtig. Viele verheißungsvolle Talente im Biathlon brauchen lange, um den Sprung nach einer erfolgreichen Jugendzeit in den Erwachsenenbereich zu schaffen, manchen bleibt er gar ganz versagt. Doch scheinbar nicht Selina Grotian. Gleich zu Beginn ihrer erst zweiten Weltcup-Saison ist der 20-Jährigen bereits der erste ganz große Coup gelungen. Die Athletin vom SC Mittenwald hat sich am Sonntag in einem mitreißenden Massenstartrennen im französischen Le Grand Bornand den ersten Sieg ihrer noch jungen Karriere geholt.
Pech in der Verfolgung, Perfektion im Massenstart
Verschlug auch ARD-Experte Erik Lesser die Sprache: „Mit fehlen die Worte.“ Als er dann doch welche fand, wählte er dieselben wie die strahlende Siegerin selbst. Die sagte hinterher: „Ich bin baff, kann es noch gar nicht glauben.“ Ohne Erwartungen war sie an den Start gegangen, auch weil zuletzt immer ein Teil für die absolute Spitze gefehlt hatte. Am Freitag im Sprint hatte ihr der eine Fehler am Schießstand den möglichen Sieg gekostet, am Samstag in der Verfolgung stürzte sie, verlor ihren Ski und dadurch mächtig Zeit, landete schlussendlich dennoch auf Rang 14. „Ich hatte immer etwas Pech“, sagte Grotian. Doch dann folgte der Sonntagnachmittag. „Heute ist es perfekt gelaufen.“
Auch ein Schießfehler kann Grotian nicht stoppen
In Runde eins wollte sich die Mittenwalderin nach eigener Aussage „nicht stressen“, kam im großen Pulk erstmals an den Schießstand. Nach fünf Treffern kehrte sie als Siebte mit 7,7 Sekunden Rückstand auf die Spitze auf die Loipe zurück. Fortan legte die Werdenfelserin eine Schippe drauf, lief die viertschnellste Runde aller Athletinnen. Nach dem zweiten Schießen lag sie bereits auf Rang zwei. Doch nachdem sie das dritte Mal zur Waffe gegriffen hatte, musste sie eine Strafrunde drehen. Die Konsequenz: 21,6 Sekunden Rückstand als Fünfte. Doch Grotian lief die Lücke wieder zu und lieferte ein sagenhaftes viertes Schießen ab. Fünf Treffer in 23,5 Sekunden bei mittlerweile starken Schneefall. Als Zweite mit 4,2 Sekunden Rückstand auf Teamkollegin und Weltcupführende Franziska Preuß, die im gesamten Rennen fehlerlos geblieben war, ging es auf die Schlussrunde. Die weitere Konkurrenz war da bereits chancenlos.
Auf der Schlussrunde Preuß kassiert
Und als die Kameras die beiden Deutschen das nächste Mal eingefangen hatten, lag Grotian bereits in Front. Sie erarbeitete sich ein kleines Polster auf Preuß, die aber nicht abreißen ließ. So manch eine junge Athletin hätte die Situation, den ersten Weltcup-Sieg der Karriere vor Augen zu haben, womöglich gelähmt, Grotian schien sie hingegen zu beflügeln. Sie ließ Preuß nicht mehr herankommen und streckte jubelnd beide Arme in die Lüfte, als sie die Ziellinie mit über zwölf Sekunden Vorsprung. „Unglaublich“, kommentierte sie noch. Und Lesser wusste: „Realisieren wird sie das erst, wenn sie beim Weihnachtsessen daheim das Essen auf dem Tisch steht.“ Das wird wahrscheinlich im Hause Grotian diesmal besonders gut schmecken.
