VonUli Kellnerschließen
Bei der Mitgliederversammlung des TSV 1860 zeichnet sich ein Ende ab: Die Pro1860 Fraktion gewann klar. Der e.V. wird den momentanen Kurs also beibehalten.
München – Es ging stramm auf 20 Uhr zu, als sich die verfeindeten Lager erstmals an diesem langen Sonntag einig waren. Gemeinsam wurde die weise Entscheidung getroffen, die letzte Fragerunde einfach zu streichen – obwohl 16 weitere Redner Beiträge angemeldet hatten. „Das widerspricht eigentlich meinem demokratischen Verständnis“, sagte Roman Beer von Pro1860, der die Programmverkürzung dennoch vorschlug. „Ich glaube, es ist jetzt alles gesagt“, sagte Bündnis-Vertreter Klaus Ruhdorfer, ehe der Antrag von den gut 2000 anwesenden Mitgliedern angenommen wurde.
2018 hatte Ruhdorfer mit dem „Team Profifußball“ einen Politikwechsel geplant, diesmal mit dem „Bündnis Zukunft 1860“, damals wie heute ging es darum, die erdrückende Macht der investorkritischen Pro1860-Organisation einzudämmen. Beide Lager, insgesamt 23 Kandidaten, hatten am Sonntagabend noch mal für ihre Positionen geworben, in inzwischen aufgeheizter Atmosphäre. Hinter allen in der Zenith-Halle lag eine Versammlung von der Länge eines Arbeitstages. Auch Hasan Ismaik hatte sich bereits um 9 Uhr auf den Weg nach Freimann gemacht – und fast bis zum Ende durchgehalten.
Kein Neuanfang wie von Ismaik erhofft
Es war ein bitteres Ende, wenn man wie Ismaik und Ruhdorfer auf einen Neuanfang bei 1860 gehofft hatte. Wie schon 2018 fuhr das Lager von Pro1860 einen überwältigenden Sieg ein. Nicht ein Bündnis-Vertreter schaffte den Sprung in den Verwaltungsrat, dafür alle neun von Pro1860 vorgeschlagenen Kandidaten.
Wie Ismaik die Stimmung in der Halle empfand, konnte man zunächst nur erahnen. Links in Reihe 10, wenige Meter von Notausgang 5 entfernt, hatte er sich niedergelassen. Das heißt: Nicht nur Ismaik, auch mehrere Personenschützer, die sich vor, neben und hinter ihm postierten – dazu ein Übersetzer und sein Bruder Yahya. Als Ismaik gegen 10.30 Uhr die Mitgliederversammlung im Zenith betreten hatte, ausgerechnet während der Präsidentenrede seines Gegenspielers Robert Reisinger, war das Publikum abgelenkt. Vereinzelt gab es Applaus für den Investor, beim Anstehen vor der Halle war aber auch das Scheich-Lied gesungen worden, eine von vielen Provokationen. Ismaik reckte kampfeslustig die Faust und sagte zu unserer Zeitung: „Mir macht das Spaß hier. Auch wenn die Gegner pfeifen, brüllen und Buh rufen – es zeigt mir, wie lebendig dieser Verein ist.“
Mit stoischer Ruhe bei der Mitgliederversammlung
Vom Notausgang machte Ismaik keinen Gebrauch, im Gegenteil. Er hörte sich geduldig die Rede Reisingers an. Hin und wieder kam einer an, um seine Aufwartung zu machen, auch Ruhdorfer, Klaus Lutz und Martin Gräfer vom „Bündnis Zukunft 1860“. Ansonsten verfolgte Ismaik das Geschehen mit der stoischen Ruhe eines Theaterbesuchers. „1860 ist nicht etwa Drittligist, weil ihn die angeblichen Verzwerger so gerne in den unteren Ligen sehen“, polterte Präsident Reisinger, der vom alten und neuen Verwaltungsrat gestützt wird: „Nein, der TSV 1860 ist 2017 sogar ein Viertligist geworden, weil ihn Menschen mit hochtrabenden Plänen und Größenwahn genau dort hingebracht haben.“ Als „Glücksritter“ bezeichnete er diese Menschen, zu denen er wohl auch die Bündnis-Vertreter zählt. Eindringlich sagte er: „Ich warne davor, die gleichen Fehler immer wieder zu machen.“
Als Reisinger seine Rede beendet hatte, tobte der Saal. Im vorderen Bereich, wo sich die e.V.-Unterstützer breitgemacht hatten, blieb kaum einer sitzen. „Wir sind der Verein“, skandierte die Menge. Schon da war abzusehen, dass es das Bündnis schwer haben würde. Und trotzdem: Die Wahlsieger reichen den Verlierern die Hand. Norbert Steppe, neu ins Vize-Amt gewählt, sagte, er werde gleich heute anfangen, die tiefen Gräben im Verein „zuzuschütten“. Uli Kellner
