Bayern-Mediendirektor Mennerich und Ex-Pressechef Hörwick packen aus
VonHanna Raif
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Die tz vergleicht in der Serie „Die rote (R)evolution“ das Gestern und Heute beim FC Bayern. In Teil fünf geht es um die Medien-Arbeit des deutschen Rekordmeisters.
München - FC Bayern, forever number one… Die rote Vereinshymne kennt wohl jeder Fußballfan. Aber wie kamen die Münchner eigentlich an die Spitze? Wie lief diese Entwicklung und wo liegen die Unterschiede zur aktuellen Generation von Spielern und Fans? Die tz geht in der Serie Die rote (R)evolution auf Spurensuche, vergleicht das Gestern und Heute beim größten Verein der Welt.
FC Bayern München
Gründung:
27. Februar 1900
Mitglieder:
330.000
Erfolge (Auswahl):
33 x Deutscher Meister, 20 x DFB-Pokalsieger, 6 x Europapokal der Landesmeister/Champions-League-Sieger
Bayerns Mediendirektor Mennerich und Ex-Pressechef Hörwick packen aus
In Teil fünf geht es heute um die Medienarbeit des FC Bayern. Wie viele Interview-Anfragen flattern pro Tag ins Haus? Wie haben sich die Prioritäten der Presse in den vergangenen Jahrzehnten verschoben? Und welcher Bayern-Trainer war in Sachen Kommunikation eigentlich eine besonders harte Nuss?
Diese und weitere Fragen beantworten Mediendirektor Stefan Mennerich, unter dessen Regie der deutsche Rekordmeister einen Reichweiten-Rekord nach dem anderen aufstellt und Ex-Pressechef Markus Hörwick, dem Erfinder der Medienarbeit in der Bundesliga.
Zählt natürlich zu den prominentesten Beispielen der Pressearbeit des FC Bayern: die regelmäßigen Pressekonferenzen im Presseclub der Allianz Arena. Hier mit (v.l.n.r.) Stefan Mennerich, Herbert Hainer, und Jan-Christian Dreesen.
Am ersten Tag, es war im Juli 1983, wurde Markus Hörwick gleich eine entscheidende Frage gestellt. Sie kam vom damaligen Geschäftsführer Walter Fembeck und lautete: „Was machst Du hier?“ Die Antwort kam dem 26 Jahre alten Neuling beim FC Bayern, extra um 8.15 statt 8.30 Uhr angetanzt, aus dem Mund geschossen: „Ja, ich fange heute hier an.“ Ach ja, dachte Fembeck, da war ja was: „Da müssen wir noch Platz schaffen.“ Es sollte sich lohnen.
Markus Hörwick erzählt die Geschichte heute, mehr als 40 Jahre später, mit einem breiten Grinsen im Gesicht – denn er weiß ja, was in den mehr als drei Jahrzehnten passiert ist, die er an jenem Schreibtisch saß, den Fembeck ihm damals zugeteilt hat. Wenn er über seine Anfangszeit sagt: „Wir waren die Ersten!“, dann meint er vor allem sich selbst, denn Hörwick, heute 67, war im deutschen und im internationalen Fußball ein Pionier.
Er kannte die andere Seite aus fünf Jahren bei der Bild-Zeitung sowie zwei weiteren im PR-Bereich bei adidas – und er hatte von Beginn an ein Ziel: „Pushen, pushen.“ Denn er hatte bereits erkannt, wovon er andere im Verein noch überzeugen musste: „Um das Bild des FC Bayern in der Öffentlichkeit zu prägen, müssen wir die Journalisten füttern.“ Heute ist der Plan von damals – Vereinsgelände öffnen, Termine anbieten, Gespräche vermitteln – längst nicht mehr umzusetzen.
Bayerns Ex-Pressechef Hörwick: „Habe mich als Dienstleister gesehen“
Hörwick erinnert sich noch gut an einen Tag, an dem er – zunächst verantwortlich für die Mitgliederzeitung Bayern Magazin – mit Uli Hoeneß aus dem Bürofenster auf den Trainingsplatz blickte. Der damalige Manager traute seinen Augen nicht, als er den Zaungast der Bild-Zeitung schon wieder sah. Er sagte: „Markus, der ist jetzt schon den dritten Tag in Folge da!“ Statt Ärger gab es Erstaunen, als Hörwick antwortete: „Uli, das muss unser Ziel sein!“ Mit einem ungläubigen „Viel Vergnügen!“ schloss Hoeneß die Konversation. Das sollte Hörwick haben.
„Gezielte Medienarbeit“ ist das, was Hörwick über seine Anfangsjahre sagt: „Ich habe mich als Dienstleister gesehen.“ Immer mehr Fans strömten ins Stadion, und was Bayern machte, beeindruckte: Von 18 Bundesligisten kamen „mindestens 14“, um Hörwick über die Schulter zu sehen, die UEFA drehte sogar eine Doku, die sie den Teilnehmern der Champions League zur Verfügung stellte, um zu zeigen, wie gute Medien- und Öffentlichkeitsarbeit funktioniert.
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Auch Hörwick selbst allerdings stellte sich immer breiter auf. Die Programmhefte aus England inspirierten ihn, Vorberichte, Interviews und Seitenanzahl vergrößerten sich. Wenn er heute das Magazin 51 aufschlägt, das von Max Breitner geleitet wird, sagt er anerkennend: „Das war das Ziel. Ich lese eine Seite – und komme nicht mehr los davon. Klasse gemacht“
Nicht ganz so wohlwollend sieht der gebürtige Münchner die heutige Medienlandschaft im Fußball. Zwar weiß er: „Das aus meiner Zeit und das von heute hat nichts mehr miteinander zu tun.“ Trotzdem wünscht er sich mehr Zugang, mehr Nahbarkeit, mehr Mit- statt Gegeneinander. So argumentierte er auch während der rasanten Entwicklung seiner Amtszeit bis 2016, geprägt vom Aufkommen des Privatfernsehens und natürlich der Anonymität des Internets. Als Karl-Heinz Rummenigge einst zu ihm sagte: „Markus, wir können doch alles über unsere Kanäle selber machen“, entgegnete Hörwick: „Kalle, vergiss nicht: diese Medien haben unseren Verein groß gemacht.“ Er spricht von einem „Echo“. Gerne immer und immer wieder.
Das aus meiner Zeit und das von heute hat nichts mehr miteinander zu tun.
Nach Hausbrand von Breno ließ Hörwick Handy auch nachts eingeschaltet
33 Jahre lang hat Hörwick den Job gemacht, nach dem Hausbrand von Breno im Jahr 2011 ließ er sein Handy auch nachts eingeschaltet. Für ihn war das Ereignis ein echtes Aha-Erlebnis, das „Ende der Vernunft“.
Denn in jener Nacht, in der er für sechseinhalb Stunden ohne Mobiltelefon war, erschienen im Internet druckfertige Interviews „mit dem Feuerwehrhauptmann, dem Berater und dem Nachbarn“. Die Frage „Was machst Du hier?“ erübrigte sich am Tag danach.
Das sagt Stefan Mennerich
Herr Mennerich, wie hat sich die Medienarbeit beim FC Bayern im Lauf der Jahre verändert?
Früher drehte sich die Kommunikation beim FC Bayern fast ausschließlich um den Fußball, um die Ergebnisse, um die Spieler. Durch die gesellschaftliche Entwicklung geht es heute auch stark um soziale Verantwortung, um das Thema Umwelt, ganz allgemein um Nachhaltigkeit. Zudem sind auch wirtschaftliche Themen immer mehr in den Vordergrund gerückt. Wir sind außerdem internationaler geworden, haben Redaktionsbüros in New York, Bangkok, Shanghai und Kairo, verbreiten unsere Nachrichten in zwölf Sprachen. Dazu die Digitalisierung, wodurch das Tempo, die Hektik und leider auch die Zahl ungeprüfter Nachrichten und Gerüchte rasant zugenommen hat. Damit umzugehen, mussten alle erst lernen, auch wir beim FC Bayern. Durch die Digitalisierung kam es auch zum Aufbau eigener Medienplattformen von Websites über Apps und Social-Media-Kanälen bis hin zu TV-Angeboten, eigenen Doku-Serien und virtuellen Welten.
Wie hat sich das Verhältnis externe/interne Medien verändert?
Ich habe erst vergangene Woche eine Auswertung dazu bekommen. Die Anzahl der Interviews, die unsere Spieler oder Trainer mit externen Medien führen, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren kaum verändert. Allerdings sind die Anforderungen der clubeigenen Medien, aus dem Sponsoring und anderen Bereichen gestiegen. Die Spieler haben also mehr Termine zu erledigen als früher.
Sind Club-Medien wichtiger für Fan-Bindung als traditionelle Medien?
Wichtiger für Fan-Bindung und -Gewinnung als traditionelle Medien? Über die Club-Medien können wir unsere Fans rund um den Globus täglich mit unseren Inhalten erreichen und so können wir auch mit ihnen im Austausch bleiben. Wir haben rund 170 Millionen Follower auf unseren Social-Media-Plattformen, geben über unsere Medien täglich rund 350 Posts, Videos, Texte und Bilder raus. So erreichen und binden wir Fans. Aber die traditionellen Medien sind genauso wichtig für uns. Sie formen ein unabhängiges Bild mit Kritik, manchmal auch mit Lob und mit einer Einordnung der Themen. Das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Welt - und das hält manchmal auch wach (lächelt).
Wie viele Interviews würde man jede Woche führen, würden Anfragen positiv beantworten?
Wir haben im Schnitt 80 Anfragen pro Tag aus dem In- und Ausland.
Ist die neue Spielergeneration Medien gegenüber verschlossener als die alte?
Jede Aussage kann heutzutage in Sekundenschnelle „viral gehen“, kann sofort hunderttausend Kommentare bekommen und zur Schlagzeile werden. Dadurch sind einige Spieler vorsichtiger geworden. Daher rührt dann teilweise auch die Kritik an stromlinienförmigen Aussagen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.
Wie viele Journalisten sind im Schnitt akkreditiert?
Wie ist das Verhältnis national/international bei Champions-League-Spielen? Bei einem durchschnittlichen Bundesligaspiel sind rund 150 Medienvertreter aus den Bereichen Print, online, Radio und TV akkreditiert. Bei einem Spiel in der Gruppenphase der Champions League sind es rund 250 Medienvertreter und in der K.o.-Phase noch mal mehr. Das Verhältnis von nationalen zu internationalen Medienvertretern beträgt bei Champions-League-Spielen in der Allianz Arena rund siebzig zu dreißig. Meilensteine früherer Jahre waren die Einführung des Privat-Fernsehens, dann das Aufkommen des Internets.
Was waren/sind aktuell für Sie die größten Herausforderungen, aber auch Chancen?
Es gibt fast im Monatstakt neue Entwicklungen, die dann gerne zu Supertrends hochgejubelt werden. FTs, NFTs, gamification, das Metaverse, AI, KI und so weiter und so fort. Die Herausforderung daran ist, nicht auf jeden Zug sofort aufzuspringen und somit Geld, Fokus und Ressourcen zu verschwenden, dabei aber gleichzeitig die aktuellen Trends zu kennen, um dann dort dabei zu sein, wo es für uns sinnvoll ist und vor allem, wo es sich die Fans wünschen. Das Wichtigste dabei ist aber, jeden Post, jeden Text, jedes Bild und jedes Video im Sinne des FC Bayern zu gestalten. Wir dürfen niemals aus Reichweiten- oder Algorithmus-Gründen unsere DNA verbiegen. Wo FC Bayern draufsteht, muss auch FC Bayern drin sein. Das gilt für unser Printmagazin genauso wie fürs Metaverse.
Gibt/Gab es besonders „harte Nüsse“ unter den Spielern/Trainern?
Klar, es gibt Spieler und Trainer, die mehr kommunizieren als andere. Nicht jeder ist ein Thomas Müller, das ist doch völlig normal und für mich verständlich. Das war schon immer so und das wird auch so bleiben.
Was war bisher der interessanteste/intensivste Tag als Mediendirektor?
Es gab so viele aufregende Tage. Gewonnene und verlorene Finalspiele in der Champions League, Entlassungen und Neuverpflichtungen wie zuletzt die von Harry Kane, als wir über Nacht mit 15 Kolleginnen und Kollegen unzählige Inhalte produziert und ausgespielt haben und damit Reichweitenrekorde aufgestellt haben. Das ist alles immer sehr intensiv und auch spannend. Dennoch mag ich ruhigere Tage auch sehr gerne (lächelt).
Was sagt der Blick in die Zukunft?
Wie wird die KI das Aufgabenfeld verändern? KI hilft heute schon. Bei Servicefunktionen in unserem Call Center, bei der Verschlagwortung von Datenbanken und dem Schnitt von Videos. Aber KI wird den Journalismus nicht ersetzen. Denn bei Recherche und Interviewführung, bei der Einordnung von Themen und der Bewertung von Sachverhalten ist die menschliche Intelligenz der künstlichen überlegen. Aber auch hier müssen wir abwarten, was die Zukunft bringt und jederzeit bereit sein, zu reagieren. Hanna Raif