VonManuel Bonkeschließen
Der FC Bayern kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Aus in der Champions League wackelt auch der Meistertitel. Die Zukunft der Bayern-Bosse ist ungewiss.
München – Zählt ein Klub noch zur internationalen Elite, wenn er das dritte Mal in Folge im Viertelfinale der Champions League scheitert? Diese Frage beschäftigt den FC Bayern nach dem Königsklassen-K.o. wie nie zuvor. Zumal die Münchner im DFB-Pokal die gleiche grausige Statistik vorweisen. Es bleibt einmal mehr lediglich die Meisterschaft, der dritte „Mono-Titel“ in Folge - und auch der ist längst nicht sicher, die Bayern wackeln auch im Kampf um die Liga-Krone wie lange nicht.
Hat das Image des FCB gelitten? Oliver Kahn findet: „Nein, dem würde ich nicht zustimmen.“ Vor dem Spiel gegen City nahm er bei DAZN Stellung zum Wirbel bei den Bayern – und beschwichtigte: „Natürlich haben wir sportlich eine schwierige Phase, das hätten wir uns anders gewünscht. Dadurch gibt es Unruhe, aber damit müssen wir umgehen.“
FC Bayern: Zukunft von Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic ungewiss
So nüchtern-analytisch sehen das nicht alle. An der Säbener Straße werden hinter vorgehaltener Hand bereits Wetten abgegeben, wer im Sommer im Falle einer titellosen Saison den Hut nehmen muss: CEO Kahn oder Sportvorstand Hasan Salihamidzic? Man erinnert sich an die titellose Spielzeit 2011/2012, an deren Ende Sportdirektor Christian Nerlinger gehen musste und Matthias Sammer als Sportvorstand kam.
Ob im Vorstand wirklich Köpfe rollen, obliegt laut Konzern-Regularien dem Aufsichtsrat der FC Bayern München AG mit Präsident Herbert Hainer als Vorsitzendem und Uli Hoeneß als Stellvertreter. Die Arbeit des Duos Kahn/Salihamidzic jedenfalls wird genau beobachtet.
Für den Sportvorstand keine neue Situation: Bereits im vergangenen Sommer stand er massiv in der Kritik. Prompt lotste Salihamidzic Stars wie Sadio Mané und Matthijs de Ligt nach München. So sehr Salihamidzic zuvor für seine Arbeit kritisiert wurde, so laut waren die Jubelrufe danach. Bei seiner Bewertung gibt es gefühlt nur schwarz oder weiß – die Wahrheit dürfte dazwischen liegen. Aktuell scheint es, als habe Salihamidzic nach dem Triple-Gewinn 2020 den Kader zu sehr verwaltet und mit zu vielen Champions-League-Siegern für teures Geld verlängert – nun fehlt der Titelhunger. Unterschiedsspieler wie Leroy Sané oder Sadio Mané setzten nur wenige Impulse. Kahn sagte der Sport Bild: „Zuletzt war zu wenig Wille, zu wenig Bereitschaft zu erkennen.“
Oliver Kahn will sich nach dem Champions-League-Aus mehr auf das Sportliche fokussieren
Gut möglich, dass der CEO künftig häufiger bei Themen rund ums Team laut wird. Eigentlich hat Kahn als Vorstandsvorsitzender das „große Ganze“ im Blick, während Salihamidzic für den sportlichen Bereich verantwortlich zeichnet. Der Titan will Brazzo in der Rolle des starken Sportvorstandes sehen, als ersten Ansprechpartner für alle Aspekte rund um die Mannschaft. Kahn hat sich jedoch vorgenommen, ein größeres Augenmerk auf sportliche Themen zu legen, sie gegebenenfalls zur Chefsache zu erklären. Dieser Entschluss fiel nach den Turbulenzen um die Freistellungen von Toni Tapalovic und Julian Nagelsmann sowie dem Ausraster Manés.
Gleichzeitig darf er seine Aufgabengebiete in der Erschließung neuer (TV-)Märkte oder der Klub-Vereinigung ECA nicht vernachlässigen. Kahn sieht den FCB mehr denn je im Stresstest mit den finanziell überlegenen Ligen aus England und Spanien. Auch deshalb will er einen Posten im DFL-Präsidium. Wenn über die Misserfolge diskutiert wird, projiziert sich vieles auf Kahn und Salihamidzic. Dabei wird gerne über die Leistung der Spieler hinweggesehen.
Bei der Kaderplanung wird nun genau darauf geachtet, welchem teuren Star die Siegermentalität zugetraut wird – und wem nicht. Es wird im Zuge der Zusammenstellung der „Tuchel-Bayern“ harte Entscheidungen geben, um wieder für eine Titelgier zu sorgen. Absolute Priorität hat die Verpflichtung eines Mittelstürmers. Neuester Kandidat: der Däne Rasmus Højlund (20) von Atalanta Bergamo. Aber auch vermeintliche Leistungsträger, die erst kürzlich mit den bereits erwähnten lukrativen Verträgen ausgestattet wurden, sind nicht mehr unantastbar, um den Kern des FC Bayern wiederzubeleben: das Mia san mia.
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