Die drei Probleme des Nick Woltemade – und warum der FC Bayern sie ignorieren sollte
VonMarius Epp
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Bei einem Bayern-Transfer von Nick Woltemade gibt es mehrere Hürden. Max Eberl sollte trotzdem zugreifen, findet Bayern-Reporter Marius Epp.
München – Max Eberl ist das Reisen gewohnt. Doch auch für den viel beschäftigten Sportvorstand des FC Bayern muss es einen triftigen Grund gegeben haben, als er plötzlich aus den USA abreiste. Geschulte Sportjournalisten feilten schon mal ihre Nägel, um in Erwartung einer gewichtigen Transfermeldung besonders zielsicher in die Tasten hauen zu können.
Welche Gespräche Eberl genau führte und warum es vor Ort sein musste, bleibt sein Geheimnis. Doch die besagte Transfermeldung, sie folgte wenige Tage später: Der FC Bayern und Nick Woltemade sind sich einig! Zumindest sind sich alle einschlägig bekannten Transfer-Experten einig, dass das so ist.
Woltemade zum FC Bayern? Ein deutscher Stürmer mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, das macht auf den ersten Blick Sinn. Doch auf den zweiten Blick lauern gleich mehrere Probleme, denen sich die Münchner bewusst sein sollten. Genauer gesagt drei:
1. Wolte-Wucher!
Will sich der Rekordmeister die Dienste des technisch beschlagenen 1,98-Meter-Schlakses sichern, muss er tief in die Tasche greifen. Schmerzhaft tief. Der VfB Stuttgart hat nämlich berechtigterweise so gar kein Interesse daran, Woltemade abzugeben. Ausstiegsklausel? Fehlanzeige. Zudem läuft der Vertrag noch bis 2028.
Die Schwaben wären keine Schwaben, wenn sie sich den möglichen Verlust ihres Superstürmers nicht ordentlich entlohnen lassen würden. Laut dem kicker fordert der VfB 100 Millionen Euro. Die Schmerzgrenze des FC Bayern liegt Informationen von Absolut Fussball zufolge bei 55 Millionen Euro. Für Florian Wirtz hätte man die dreistellige Summe bezahlt – der hat aber auch schon mehrere Jahre Weltklasse-Leistungen gezeigt. Davon ist Woltemade noch weit entfernt.
Wer ein paar Spiele von Nick Woltemade gesehen hat, weiß: Trotz seiner Körpergröße ist er kein klassischer Stürmer. Er fühlt sich deutlich wohler hinter der Spitze. Und diesen Platz hat ein gewisser Jamal Musiala für das nächste Jahrzehnt gepachtet. Im Sturmzentrum wird Harry Kane keine Anstalten machen, kürzer zu treten.
Außen? Sind die Bayern gerade auf der Suche nach einem neuen Hochkaräter. Obwohl Woltemade theoretisch auch das kann, dürfte sein Platz dann doch im Zentrum liegen. Die Frage, wo Woltemade denn überhaupt spielen soll, muss erst beantwortet werden. Denn eins ist sicher: Auf der Bank ist er verschenkt.
3. Woltemessi oder doch nur Woltemade?
Dass dieser Kerl etwas Besonderes hat, ist offensichtlich. Körpergröße und Filigranität kombinierten in dieser Form bisher nur ganz wenige: Zlatan Ibrahimovic ist so einer. Doch ob Nick Woltemade wirklich ein ganz Großer wird oder nur einen bestechenden Lauf hat, lässt sich Stand jetzt schlicht nicht sagen.
Der FC Bayern steht vor einem Dilemma: Eigentlich müsste man bei Woltemade noch abwarten – doch tut man das, läuft man Gefahr, dass man zu spät kommt. Halb Europa ist am Stuttgarter dran.
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Warum der FC Bayern bei Woltemade die Stoppschilder ignorieren muss
Klar ist: Einfach wird das Thema Woltemade für die Bayern nicht. Doch die sportliche Führung sollte alles in ihrer Macht Stehende und rational Mögliche tun, um den Transfer einzutüten. Im Vergleich zu den anderen großen Nationen wie Frankreich oder England gibt es keinen riesigen Pool an außergewöhnlichen deutschen Offensivtalenten.
Der FC Bayern braucht dringend Identifikationsfiguren – mit Thomas Müller geht die größte der letzten Jahre, Kapitän Manuel Neuer wird bald folgen. Von der Sorte Spieler, die sich fast nach jedem Spiel bereitwillig und eloquent den Fragen stellen, wäre dann eigentlich nur noch Joshua Kimmich übrig. Woltemade hat in diversen Auftritten schon seinen erfrischenden und reflektierten Charakter unter Beweis gestellt.
Ein weiterer großer Vorteil ist, dass das Offensiv-Juwel offenbar richtig scharf auf einen Wechsel nach München ist. Was den FC Bayern wieder in eine bessere Verhandlungsposition bringt. Ein denkbares Modell wäre auch, Woltemade fest zu verpflichten, ihn aber direkt nochmal für ein Jahr an den VfB zu verleihen, damit er dort weiterhin Erfahrung sammeln kann. Den Bayern gingen zuletzt zu viele Spieler durch die Lappen – jetzt ist es an der Zeit, zuzuschlagen. (epp)