Mittelfeld

Eintracht Frankfurt zählt auf Mo Dahouds feine Füße

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Gutes Drehmoment: Mo Dahoud (re.) lässt den Bayern Aleks Pavlovic ins Leere laufen.
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Der Neuzugang könnte nach zuletzt guten Auftritten im defensiven Frankfurter Mittelfeld bald eine tragende Rolle einnehmen – auch, weil Ellyes Skhiri schwächelt.

Ganz sicher war den Zuschauern und auch Trainer Dino Toppmöller der Atem gehörig ins Stocken geraten, als Mahmoud Dahoud urplötzlich und unerwartet zu diesem rasanten, eigentlich wahnwitzigen Dribbling ansetzte. Es war deswegen wahnwitzig, weil Dahoud, nicht gerade der schnellste Spieler unter der Sonne, in der ersten Halbzeit nah am eigenen Strafraum im Istanbuler Hexenkessel des Tüpras-Stadyumu mit dem Ball am Fuß losfintierte, es auf einen Zweikampf mit Ciro Immobile ankommen ließ und eigentlich Glück hatte, dass ihn der Italiener im Dress von Besiktas regelwidrig von den Beinen holte. Das Solo des Deutsch-Syrers hätte auch böse enden können, die Partie in der Europa League stand zu diesem Zeitpunkt noch auf des Messers Schneide.

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Diese Aktion zeigt aber auch eines: Dem Manne, 28 Jahre inzwischen und ordentlich herumgekommen in der Fußballwelt, mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Zumindest nicht auf dem Platz, jenseits der Kreidemarkierungen gehört Mo Dahoud eher zu den Leiseren, der öffentliche Auftritt womöglich vor Mikros und Kameras behagt ihm wenig. Da kann es schon mal passieren, dass ihm ein vorübergehender Blackout die Stimme versagen lässt, wie bei seiner legendären Vorstellungs-Pressekonferenz in Frankfurt.

Dieser zwar schiefgegangene, dennoch durchaus sympathische Auftritt passte so gar nicht zum ansonsten offenen Wesen des Mittelfeldspielers, der keine Mühe hatte, sich ruckzuck ins Team der Eintracht zu integrieren. Und er ist wahrlich keiner, der in der Kabine schüchtern und verhuscht in der Ecke säße.

Vor allem ist Mo Dahoud eines erstaunlich schnell geworden: eine echte Alternative fürs defensive Frankfurter Mittelfeld.

Maske stört Eintracht-Spieler Skhiri

Es gab ja schon Stimmen, die dem späten Transfer des langjährigen Bundesligaspielers (für Mönchengladbach, Dortmund, zuletzt Stuttgart) wenig abgewinnen konnte. Er habe seine besten Tage hinter sich, trotz seiner erst 28 Jahre, sei zudem zu langsam für modernen Hochgeschwindigkeitsfußball, zudem sei auch sein Engagement in England bei Brighton & Hove Albion wenig überzeugend verlaufen. Kurz: Die Erwartungen waren nicht hoch.

In den vergangene vier wichtigen Spielen gegen Kiel und die Bayern in der Liga, sowie Pilsen und Besiktas hat er eine tragende Rolle eingenommen, im zentralen Mittelfeld, und da hat er seine Stärken ausspielen können. Ballsicherheit, eine feine Technik, hohes Spielverständnis, ein gutes Auge. Vor dem 3:3-Ausgleich am Sonntag gegen die Bayern hatte auch er seine Füße im Spiel. So viele Partien nacheinander waren eigentlich gar nicht vorgesehen, sagte etwa Trainer Toppmöller, der lobte: „Mo kann das Spiel aus der tiefen Sechs heraus lenken.“ Er habe gezeigt, dass er „ein sehr wichtiger Spieler für uns sein kann“. Vor allem brauchte er keine lange Anlaufzeit.

Der Aufwind von Dahoud, der als Baby mit seinen Eltern aus Syrien nach Deutschland gekommen war, geht einher mit einer anhaltenden Schwächephase des etablierten Sechsers, Ellyes Skhiri, aktuell gerade mit der Nationalelf Tunesiens auf Dienstreise. Skhiri hinkt deutlich hinter den Erwartungen hinterher. Ja, es hat zeitweise den Anschein, etwa jüngst gegen den FC Bayern, als sei das Spiel momentan viel zu schnell für den 29-Jährigen. Er trifft falsche Entscheidungen, verliert den Ball, ist nicht auf der Höhe, auch gedanklich. Wäre beispielsweise er in das Dribbling gegen Immobile gegangen, vermutlich wäre ihm der Ball abgejagt worden.

Skhiri, der verlässliche Kilometerfresser, ist aktuell tatsächlich ein bisschen ein Sicherheitsrisiko und keinesfalls derjenige, der für Ruhe und die richtige Balance im zentralen Mittelfeld sorgen würde. Dazu hat er zu viel mit sich selbst zu tun. Insgesamt wirkt der sensible, nachdenkliche Tunesier verunsichert.

Das mag auch mit der Maske zu tun haben, die er seit dem ersten Spiel in Dortmund tragen muss, dort hatte er sich einen Jochbeinbruch zugezogen, einige Wochen wird er diesen Carbon-Schutz noch tragen müssen. Bereits zu seiner Kölner Zeit hatte er sich, 2022, eine solche Fraktur zugezogen. Dabei hatte sich Skhiri für diese Saison viel vorgenommen, schon in der letzten Runde konnte er an seine überragenden Leistungen von Köln nicht anknüpfen. In der Vorbereitung sah das noch ganz gut aus, dann setzte ihm die Verletzung zu. Sportdirektor Timmo Hardung nimmt ihn in Schutz: Er sei sehr wichtig fürs Team, „weil er Wege zumacht“.

Dennoch könnte es demnächst zu einer Wachablösung kommen, Dahoud jedenfalls steht bereit. Und eine Option mehr auf dieser sensiblen Position dürfte angesichts vieler Englischer Wochen auch nicht ganz verkehrt ein.

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