Rennwochenende in Spanien

Brisanter Mercedes-Crash in der Formel 1: „Junger Herausforderer will den Platzhirsch ablösen“

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Die Boliden von Lewis Hamilton und George Russel kommen sich beim F1-Qualifying in Spanien etwas zu nah. Ralf Schumacher glaubt nicht an einen Zufall.

Barcelona – Rad-an-Rad-Duelle geben den Rennen der Formel 1 erst die richtige Würze. Lassen den Puls bei Fahrern wie Fans in die Höhe schnellen. Umso mehr, wenn sich zwei Teamkollegen duellieren und nichts schenken. Wenn zwei Stallgefährten aber schon im Qualifying etwas zu sehr auf Tuchfühlung gehen, muss gewaltig was schiefgelaufen sein.

Und das gestand auch Toto Wolff während des Rennwochenendes in Spanien ein. „Misskommunikation“, erklärte der Mercedes-Teamchef im Sky-Interview: „Beide haben geglaubt, dass der jeweils andere die Runde beendet. Das darf nicht sein.“ Er wolle darüber mit beiden sprechen. Gemeint sind die Silberpfeil-Piloten Lewis Hamilton und George Russell.

Die sorgten im zweiten Abschnitt des Qualifyings für den – nach der Absage des Imola-Grand-Prix – sechsten WM-Laufs für einen Schreckmoment in der Mercedes-Garage und Erheiterung bei der Konkurrenz. Denn als sich der siebenmalige Weltmeister auf der Zielgeraden des Circuit de Catalunya vor den Toren von Barcelona an seinen jungen Landsmann heransaugte, um ihn dann links zu überholen, kam es zur Berührung der beiden schwarzlackierten Silberpfeile. Weil auch Russell nach links zog, als Hamilton sich neben ihn gesetzt hatte. Der Youngster hatte in dem Moment offenbar nur Augen für den Ferrari von Carlos Sainz, an dem er sich mit ausreichend Abstand vorbeischieben wollte.

Sind seit vergangenem Jahr Teamkollegen: Lewis Hamilton (l.) und George Russell kommen sich auf der Strecke manchmal zu nah.

Russell über Unfall mit Hamilton: „Habe nur nach vorne geschaut - dann war Lewis auf einmal da“

Dumm gelaufen! Auch Russell sprach jedenfalls später laut Sport1 von „massiver Misskommunikation“. „Ich habe nur nach vorne geschaut, um einen Windschatten von Carlos zu bekommen. Dann war Lewis auf einmal da“, erklärte der 25-Jährige die Berührung, die Hamiltons Bolide einen Teil des Frontflügels kostete und ihm selbst sowie dem Team eine Verwarnung einbrachte. Dennoch schaffte es der Routinier im Gegensatz zu Russell noch ins Q3 und startet nach der Strafe gegen Pierre Gasly, der laut den Rennkommissaren Max Verstappen und Sainz behindert hatte, von Platz vier ins Rennen am Sonntag (ab 15 Uhr hier im Live-Ticker).

Über Funk schimpfte Hamilton kurz nach dem Vorfall: „George hat einen Rückzieher gemacht. Das ist wirklich gefährlich. Das Auto könnte beschädigt sein.“ Später jedoch sah auch er die Kollision als „Missverständnis. Ich bin davon ausgegangen, dass George seine Runde abgebrochen hat und bin aufs Gas. Ich fuhr dann in seinen Windschatten und er war rechts, also bin ich davon ausgegangen, dass er mir Windschatten spendet und bin nach links. Dann zog er plötzlich wieder rüber.“

Wolff zeigte sich derweil zumindest auch etwas versöhnlich, denn eine Diskussion um das Zusammenspiel seiner Piloten kann er nach bislang erst einem Podestplatz in dieser F1-Saison nicht auch noch gebrauchen. „Sie fahren sich ja nicht absichtlich ins Auto“, befand der Österreich, demzufolge deshalb auch „niemand dafür verantwortlich“ zu machen sei.

Schumacher über Mercedes-Crash: „Der junge Herausforderer will den Platzhirsch ablösen“

Ganz so einfach wollte Ralf Schumacher den einstigen Seriensieger aber nicht aus der Sache entlassen. Der Sky-Experte vermutet mehr hinter der Szene: „George wollte Lewis keinen Windschatten geben und hat die Tür zugemacht. Das ist meine Analyse. Der junge Herausforderer will den Platzhirsch ablösen. Die kommen ja auch privat nicht so gut miteinander aus.“

Mercedes-Piloten, die privat nicht so gut miteinander auskommen? Das kennt Nico Rosberg noch aus eigener Erfahrung. Den Jahren, als er mit Hamilton plötzlich im gleichen Auto um Titel raste und nicht nur die einstige Freundschaft in die Brüche ging. Unvergessen bleibt der Crash vom Spanien-Grand-Prix 2016 – nur einige hundert Meter Asphalt entfernt vom Ort des Qualifying-Zwischenfalls.

Damals räumte Pole-Setter Hamilton im Kampf um die verlorene Spitzenposition nach einem Ausritt ins Gras samt Dreher bereits nach wenigen Kurven den Boliden des vor ihm liegenden Deutschen ab. Die Folge: Beide Fahrzeuge landeten im Kiesbett, die Formel-1-Welt klopfte sich auf die Schenkel und lachender Dritter war Verstappen, der seinen ersten F1-Sieg einfuhr. Die Rennkommissare sahen damals übrigens von einer Strafe ab, werteten das Mercedes-Fiasko als Rennunfall.

Macht sich Gedanken um das Innenleben des Mercedes-Teams: Ralf Schumacher sieht den Crash zwischen Lewis Hamilton und George Russell kritischer als die Piloten selbst.

Rosberg sieht Hamilton als Auslöser: „Die Rivalität bei Mercedes ist schon intensiv“

Daran musste Rosberg, der noch im selben Jahr als Weltmeister abtrat, nun wieder denken, gestand er Sport1: „Das erinnert mich schon ein wenig an 2016: George wollte Lewis nicht vorbeilassen, er hat sich danach aber entschuldigt. Ich denke aber, Lewis muss sich auch entschuldigen: Weil er hinten war, muss er in so einer Situation auf die schnellen Runden im Qualifying mehr aufpassen.“

Im Gegensatz zu Schumacher sieht er also eher Hamilton als Auslöser. Denn, und da legte er den Finger in die Wunde des Rekordweltmeisters: „Es war unglücklich, aber ich denke, da gibt es sicher noch ernste Diskussionen. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Rivalität bei Mercedes schon intensiv ist: George ist wirklich voll da, er pusht Lewis sehr hart.“

Mercedes gegen Mercedes: Lewis Hamilton (r.) will sich an George Russell vorbeischieben, doch damit hat der offenbar nicht gerechnet.

Die vergangene Saison, seine erste bei den Silberpfeilen, schloss Russell 35 Punkte und zwei WM-Plätze vor Hamilton ab. Vor dem Rennen in Spanien liegt diesmal der 38-Jährige in der Fahrerwertung mit 69:50 vorne. Von der Spitze sind beide aber wie schon 2022 weit entfernt.

Weshalb Mercedes den Vorfall im Qualifying so gar nicht gebrauchen konnte. Und er schon schmerzen dürfte. Denn nach dem Hamilton-Rosberg-Crash 2016 schlug Silber umgehend zurück, gewann in jener Saison 19 der 21 Rennen, acht per Doppelsieg. Da darf es auch mal ein Rad-an-Rad-Duell sein, das in Erinnerung bleibt. Außer Blechschaden ist ja nicht viel passiert. (mg)

Rubriklistenbild: © Screenshot Twitter/@F1

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