VonKorbinian Kothnyschließen
Simon Wulff pulverisiert seinen 100-Meter-Rekord. Und das in seinem letzten Rennen. Der 23-Jährige wechselt die Sportart.
Dresden – 10,06 Sekunden stand da am Ende auf der Anzeigetafel des Heinz-Steyer-Stadions in Dresden. Gelaufen von Simon Wulff über die 100 Meter. Die viertschnellste Zeit, die je ein Deutscher über diese Distanz gesprintet ist. Und so richtig gerechnet hat damit keiner – noch war die Bestzeit von Wulff geplant.
Wulff wird Anschieber für Bob-Olympiasieger
Der 23-Jährige war über Jahre ein Sprinter aus der zweiten Reihe. „Ich habe ihn mit seiner Zeit von 10,23 Sekunden, die er aus seiner USA-Zeit stehen hatte, im Bereich seines Limits gehalten“, gibt sogar sein Trainer Jannik Engels gegenüber SPORT1 zu.
Für den Wettkampf in Dresden hatte Wulff auch eigentlich gar keine großen Ambitionen mehr. Viel mehr sollte es ein zumindest temporärer Abschied von der Leichtathletik sein. „Wir sind nur deshalb in die Saison eingestiegen, weil wir in Dresden noch mal laufen wollten, um einen kleinen Abschied für mich zu schaffen“, erklärt der Sprinter.
Abschied? Mit Bestzeit? Richtig. Schon früh im Jahr entschied sich Wulff für einen Sportart-Wechsel. Der viermalige Bob-Olympiasieger Francesco Friedrich hatte angefragt, ob Wulff nicht Teil seines Teams werden wolle. Mit einer Körperlange von 2,06 Metern und über 100 Kilo Gewicht besitzt der 23-Jährige Gardemaße für den Job des Anschiebers. Schon vor Wulff gingen einige Leichtathleten diesen Weg.
Wulff-Paukenschlag öffnet Trainer die Augen
Die Aussicht auf olympisches Gold 2026 in Mailand und eine dadurch bessere Förderung ließen Wulff nicht lange überlegen. Er sagte zu. Voraussetzung des Bob-Verbands war, dass der Sprinter an Muskelmasse zulegen müsse. Gesagt, getan. Wulff schuftete im Kraftraum und nahm in kurzer Zeit über acht Kilo Muskelmasse zu.
Für Sprinter keine gängige Trainingsmethode. „In der Leichtathletik hätte man nie im Leben darauf abgezielt, in so einer Zeit zum Beispiel acht Kilo Muskelaufbau zu erreichen“, erklärt sein Trainer. Trotzdem pulverisierte Wulff seine Bestleistung in Dresden und stieß in ungeahnte Sphären vor.
„Das hat auf jeden Fall die Augen geöffnet. Da muss man einfach sagen, dass der Bobsport uns ein bisschen den Horizont geöffnet und mich – und ich glaube auch einige andere Leichtathletiktrainer – zum Nachdenken gebracht hat“, räumt der Coach unumwunden ein.
Wulff schließt Rückkehr in die Leichtathletik nicht aus
„Der Start war überragend, das habe ich alles aus dem Training für den Bobsport. Das sind immer Beschleunigungen gegen Widerstände, einfach diese Power und Explosivität“, erklärt Wulff seine ungeahnte Leistungssteigerung. Dass die neue Bestzeit ihn zum Grübeln gebracht hat, will der Sprinter gar nicht verheimlichen. Aber seine Entscheidung steht: Er wird Bob-Anschieber.
Eine Rückkehr in die Leichtathletik nach Olympia 2026 ist aber alles andere als ausgeschlossen. „Fakt ist, dass ich die Leichtathletik sehr liebe und sie mein ganzes Leben gemacht habe“, sagt Wulff. Und bis dahin können vielleicht schon andere Sprinter von seinen ungewöhnlichen Trainingsmethoden profitieren … (kk)
Rubriklistenbild: © IMAGO / Beautiful Sports / Hentschel

