Krise

Eintracht Frankfurt am Boden

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Die Leere des Verlierers: Junior Dina Ebimbe konnte auch sein Tor nicht trösten.
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Nach dem Aus in Europa fließen Tränen der Enttäuschung. Das Team fremdelt mit sich selbst, die Leistung gegen Saint-Gilloise war unterirdisch. Trainer Toppmöller gerät unter Druck.

Zum Schluss sollte dann das Urgestein retten, was nicht mehr zu retten war. Eintracht-Recke Timmy Chandler hat sich dann in Rekordzeit aber erst mal eine Gelbe Karte abgeholt, die auch eine andere Farbe hätte haben können, acht Sekunden hat er dazu gebraucht, rüdes Einsteigen mit offener Sohle. Am linken Flügel hat er noch ein paar Sprints gezogen, den späten Anschluss durch den Kollegen Eric Dina Ebimbe durfte er auf dem Feld bejubeln, aber es sollte nicht mehr sein in dieser K.o.-Partie gegen Royale Union Saint-Gilloise, in der die Eintracht schließlich k.o. auf die Bretter ging. 1:2. Ende Gelände. Raus ohne Applaus.

Hinterher musste Chandler auch noch den schweren Gang in die Mixed Zone zu den Medien antreten, um das zu erklären, was jeder gesehen hat, aber trotzdem nur schwer zu erklären ist. Nämlich das: „Wir hatten keine Energie auf dem Platz, das Feuer hat gefehlt. Wir wollten den Pokal gewinnen, jetzt sind alle Träume kaputt.“ Das hat er gut zusammengefasst, der ewige Chandler.

Merkwürdig war trotzdem, dass der 33-Jährige auf einmal gleich doppelt in Erscheinung treten durfte, denn die Frohnatur spielt bei Eintracht Frankfurt nur noch eine untergeordnete Rolle, eigentlich gar keine mehr, zumindest sportlich. In der Bundesliga schaffte er es nur sechsmal in den Kader, durfte aber keine einzige Minute spielen. Doch sehr wahrscheinlich hat Trainer Dino Toppmöller sich an Chandlers bislang einzigen Auftritt in dieser Saison erinnert, ebenfalls in der Conference League, als er bei der Gala gegen HJK Helsinki eingewechselt und von den Fans frenetisch abgefeuert wurde, am Ende sogar noch einen Treffer zum 6:0 vorbereitete. Das Stadion stand Kopf.

Krösche mit harter Kritik

Womöglich stand auch jetzt der Gedanke dahinter, die prallgefüllte Arena noch mal anzufachen, ein emotionales Feuer auf den Rängen zu entzünden, das dann auf das Feld zurückgeführt wird. Nur: Eigentlich sollte es umgekehrt sein, und dieser traurige Donnerstag im Stadtwald war der Beweis dafür, dass magische Nächte in Frankfurt nicht auf Knopfdruck zu erzeugen sind oder dann, wenn das Flutlicht angeknipst wird und der Gegner nicht aus der Ostalb, sondern aus einem anderen Fleckchen Erde in Europa kommt. Für dieses besondere Fluidum muss etwas symbiotisch wachsen, und es muss ihren Ursprung unten in der Arena haben, auf der Wiese.

Genau dort versagten die Hessen auf ganzer Linie, brachten nie auch nur annähernd das aufs Feld, was sie früher, gerade in europäischen Nächten, ausgezeichnet hatte. „Das war nicht Eintracht Frankfurt international, und das war nicht das, was wir insgesamt erwarten“, zürnte ein sichtlich angefressener Sportvorstand Markus Krösche. Der Manager ging mit seiner Mannschaft hart ins Gericht. „Wir sind verdient ausgeschieden, so kannst du nicht Fußball spielen, gerade international nicht. Das war das schlechteste Spiel, was wir bisher gemacht haben.“ Indes: So viel besser war es davor auch nicht.

Dass die Eintracht aber in diesem „Do-or-Die-Spiel“ (Toppmöller) so seltsam leidenschaftslos und lethargisch und auch defensiv auftrat, nein, das hätten selbst die größten Skeptiker nicht für möglich gehalten. Und es hatte niemand eine Erklärung dafür. Man habe „keine Aggressivität und keine Intensität“ auf den Platz gebracht, monierte Krösche. Das stimmt, aber die Frage lautet: warum nicht?

Polizei stoppt Fans

Eintracht Frankfurt droht nach dem Ausscheiden in der Conference League gegen Saint-Gilloise ein sportgerichtliches Nachspiel. Rund 150 Fans drängten nach dem Abpfiff in den Innenraum und versuchten, zum Gästeblock zu gelangen. Die Polizei konnte die Chaoten dank starker Präsenz aufhalten und eine gewalttätige Auseinandersetzung verhindern. Für die Eintracht könnte das Konsequenzen haben. Die Uefa hatte den Klub nach Vorfällen im Paok-Spiel im November zu einem zur Bewährung ausgesetzten Zuschauer-Teilausschluss verurteilt. dpa

Da landet man schnell beim Trainer, der der Mannschaft ganz offensichtlich zu viele Ketten und taktischen Fesseln anlegt, sie in ein zu starres Korsett presst. Sportchef Krösche ist am Donnerstagabend kurz vor Mitternacht erstmals gefragt worden, ob es in dieser Konstellation mit Toppmöller weitergehe. „Na klar“, antwortete er. „Der Trainer macht gute Arbeit und versucht, die Mannschaft weiterzuentwickeln.“ Gleichwohl räumte Krösche ein: „Das Spiel war ein Rückschritt.“ Und klar ist ebenso, dass Toppmöller keinen Freifahrtschein hat, für ihn hat die Crunchtime begonnen, er kämpft ab sofort um seinen Job.

Schon am Sonntag (15.30 Uhr/Dazn) gegen Wolfsburg. „Da müssen wir ein anderes Gesicht zeigen“, sagt Krösche. Die Forderung erklingt nicht das erste Mal. Nie war sie aber ernster gemeint. Toppmöller muss dringend in die Köpfe seiner Spieler und sie dann frei spielen lassen, und er sollte Änderungen vornehmen. Das Mittelfeld mit Mario Götze und Ellyes Skhiri ist in dieser Verfassung nicht konkurrenzfähig. Auch Abwehrmann Tuta ist derzeit nicht tragbar. Vorne sollte Hugo Ekitiké endlich mal von der Leine gelassen werden.

Chandler tröstet Rode

Die Spieler darf man bei aller Kritik am Trainer (Spielweise) und Manager (Kaderzusammenstellung) nicht aus der Pflicht nehmen, denn an ihnen ist es, eine andere Einstellung, einen anderen Willen und mehr Bedingungslosigkeit zu zeigen. Das Gezeigte entspricht nicht dem Charakter einer Eintracht-Mannschaft. Findet auch Timmy Chandler. „Eintracht Frankfurt steht für Energie und Voll-Power-Fußball. Das hat uns immer ausgezeichnet.“ Davon ist das aktuelle Team weit weg.

Schleierhaft auch, weshalb die Akteure nach dem Abpfiff dermaßen konsterniert waren, ja völlig demoralisiert und am Boden zerstört. Sie hätten es doch davor und auch im Hinspiel zuvor in Belgien regeln können, es lag nur an ihnen. So aber kämpfte Torwart Kevin Trapp mit den Tränen, dem die gespenstische Atmosphäre im Stadion nach dem Abpfiff einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Diese allumfassende Stille habe die riesige Enttäuschung gespiegelt. „Das ist sehr schwer zu verdauen.“

Abwehrchef Robin Koch rang um Worte, ihm stand die Leere ins Gesicht geschrieben: „Extrem bitter, extrem enttäuschend.“ Und über allen schwebte dieser Unglaube über die eigene Leistung, den fehlenden Spirit, das große Nichts.

Und dann waren da die Tränen des Sebastian Rode, der Schluss macht am Saisonende und keinen Titel mehr mit seiner Eintracht gewinnen wird. Das ging ihm an die Nieren und vielen anderen auch. „Seppl lebt Eintracht Frankfurt“, sagte Kollege Chandler. „Er wollte noch mal was Schönes feiern und ein tolles Fest haben. Schade für ihn. Ich habe mich bei ihm entschuldigt.“ Keine Frage: Guter Auftritt von Timmy Chandler an einem verkorksten Abend.

Den rundete, wenn man so will, Ex-Stürmer Rafael Borré per X, vormals Twitter, noch ab. Dort schrieb der Kolumbianer eine Stunde nach Spielende: „Es wird sehr schwierig sein, die gleichen Ergebnisse zu erzielen, wenn die Entscheidungsträger das Geschäft über Talent und den Sport stellen.“ Klare Breitseite gegen Manager Krösche, der für die vielen Wechsel im Kader verantwortlich zeichnet. Von der 2022-er Mannschaft, die in Sevilla Geschichte schrieb, sind nicht mehr viele Spieler übrig. Rafa Borré war dabei, jetzt ist er an Werder Bremen ausgeliehen, im Sommer wechselt er nach Brasilien. Sein Name wird immer mit dem epischen Erfolg in Verbindung bleiben, er ist einer der Helden von Sevilla. Zur Wahrheit gehört aber auch: Auf ein anderes Level hätte er die Eintracht nicht gehoben. In Bremen drückt er die Ersatzbank.

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