VonLars Pollmannschließen
Beim Umbruch nach der Schreckens-Saison könnte auch ein Spieler Lebewohl sagen, dessen Start beim BVB größte Erwartungen geschürt hatte.
Dortmund – Das 5:3 von Borussia Dortmund beim FC Augsburg im Januar 2020 ist aus einem besonderen Grund von historischer Bedeutung: Erling Haaland erzielte als Joker bei seinem Bundesliga-Debüt drei Treffer und führte den BVB unter Trainer Lucien Favre zu einem Comeback-Sieg nach doppeltem Zwei-Tore-Rückstand.
Eine Zeit lang hätten sich viele in Dortmund vorstellen können, dass die Begegnung mit dem FCA auch mit Blick auf eine andere Personalie große Signifikanz ausstrahlt. Neben Haaland feierte seinerzeit Giovanni Reyna sein Debüt in der Bundesliga.
Zwei Monate nach seinem 17. Geburtstag kam der US-Boy in der zweiten Hälfte von der Bank. „Man sieht im Training, dass er etwas hat. Wer das nicht sieht, ist blind. Mit 17 Jahren macht er das sehr gut. Wenn er weiter so spielt, wird er seinen Weg machen“, schwärmte Favre seinerzeit.
Für Reyna schien es beim BVB nur einen Weg zu geben: steil nach oben!
Keine drei Wochen später feierte Reyna mit einem Traumschlenzer seine Torpremiere bei den BVB-Profis – die allerdings im DFB-Pokal bei Werder Bremen ausschieden. Auch das Debüt in der Champions League gelang, gegen Paris Saint-Germain legte das Mittelfeldjuwel einen fulminanten Distanztreffer von Haaland vor.
Für Reyna schien es damals nur einen Weg zu geben: steil nach oben!
Fünf Jahre später lässt sich jedoch festhalten, dass die ersten Monate bei den BVB-Profis für den heute 22-Jährigen die womöglich glücklichsten waren. Seine Entwicklung wurde seither vor allem durch diverse längere Verletzungspausen unterbrochen. Die ersten Schritte von Reyna waren herausragend, die zweiten und dritten konnte er kaum folgen lassen.
Reyna ist beim BVB in Stagnation gefangen
Die Situation des Mittelfeldmanns wäre mit ‚Stagnation‘ noch freundlich umschrieben. Reyna ist längst ein reiner Mitläufer, dem in Dortmund kaum noch jemand zutraut, dass er sein großes Potenzial dauerhaft abrufen kann. Selbst die akute Formkrise von Julian Brandt hilft Reyna nicht weiter. Jedenfalls konnte er seine bisherigen Chancen in der Startelf unter Trainer Niko Kovač nicht nutzen.
Inzwischen leidet auch die Stellung von Reyna in der Nationalmannschaft darunter: Im Final Four der CONCACAF Nations League kam er bei der überraschenden Niederlage im Halbfinale gegen Panama nicht zum Einsatz, im Spiel um Platz drei gegen Kanada reichte es nur zu einem Auftritt als Joker. Sollte Reyna einen letzten Anstoß benötigt haben, seine Zukunft in Dortmund zu überdenken, hat Neu-Nationaltrainer Mauricio Pochettino ihn wohl geliefert.
Vertraglich ist der US-Amerikaner noch bis 2026 an den BVB gebunden. Das Arbeitspapier war vor der völlig misslungenen Ausleihe von Reyna an Nottingham Forest in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit verlängert worden. Schon da hatte sich Dortmund darauf eingestellt, den Mittelfeldmann nicht mehr zurück in Dortmund zu begrüßen.
Mit einem Jahr Verspätung dürfte es im Sommer so weit sein: Zwölf Monate vor Vertragsende besteht die letzte Chance, mit Reyna eine ordentliche Ablösesumme zu kassieren. Von einem Megatransfer, auf den manche beim BVB vor Jahren bei Reyna spekuliert hatten, dürfte die Sache weit entfernt sein. Es ist eher ein stiller Abschied, der sich anbahnt.
Dortmund und Reyna steuern auf eine Trennung zu
Ein weiteres Jahr als vergeudetes Talent auf der Bank in Dortmund sollte sich Reyna jedenfalls sparen. Ihm würde ein Rückschritt guttun, um vor allem auf einen regelmäßigen Spielrhythmus zu kommen.
Ob das allerdings in die auch von einem sehr ambitionierten Elternpaar vorangetriebene Karriereplanung passt, bleibt abzuwarten. Mutter Danielle machte sechs Spiele für die US-Frauen, Vater Claudio ist eine der größten Legenden der US-Männer. Sohn Giovanni gehört damit zur inoffiziellen „American soccer royalty“, wie es in Medien im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bisweilen heißt.
Der auch dadurch geschürten Erwartungshaltung konnte Reyna schon länger nicht mehr standhalten. Umso wichtiger ist, dass die nächsten Karriere-Entscheidungen sitzen. Die erste sollte der Abschied aus Dortmund sein.
Rubriklistenbild: © IMAGO/Hesham Elsherif

