VonJan Christian Müllerschließen
Im 1000. Länderspiel quält sich das DFB-Team spät zu einem 3:3. Doch wichtiger sind gegen die Ukraine wohl die außersportlichen Botschaften.
Das 1000. Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sollte den 579. Sieg bringen. Es wurde das 208. Unentschieden. Ein 3:3 (1:2) gegen die tapfere Ukraine in Bremen, schiedlich-friedlich, wie es dem Anlass entsprach. Aber auch glücklich für ein lange Zeit mal wieder schwaches DFB-Team, das bis kurz vor Schluss noch 1:3 zurücklag, jedoch immerhin Widerstandskraft erkennen ließ. Die Ehrenrunde beider Teams wurde zur Klatschparade.
Kapitän Joshua Kimmich ärgerte sich über „saudumme Gegentore“ und rügte zu viele „einfache Fehler“. Jonas Hofmann freute sich am Ende über ein „schönes Ergebnis“, das für diesen Abend gepasst hätte. Torwart Kevin Trapp forderte, es sei nötig, gegnerische Angriffe „besser in den Griff zu bekommen“. Da hatte der Keeper allerdings sehr Recht.
DFB-Sportdirektor Rudi Völler hatte die Beschreibung des Verbandschefs Bernd Neuendorf („Wir spielen mehr mit der Ukraine als gegen die Ukraine“) im Vorfeld ein bisschen geradegerückt. „Unser Präsident ist ja sehr diplomatisch. Aber es wird kein Freundschaftsspiel werden.“ Der Wettkampfmodus sollte also eingeschaltet sein, was dann aber nicht immer erkennbar wurde. Es wurde natürlich mehr als nur Fußball gespielt, es wehte ein Wind der Symbolik durchs Weserstadion, ganz nach dem Willen von Neuendorf: „Das Spiel ist ein wichtiges Zeichen für Solidarität und die Unterstützung der Bevölkerung in diesem Land, ein echtes Statement.“
Auf der Tribüne saß Neuendorf neben dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier himself, bei den Einlaufkindern handelte es sich ausnahmslos um Geflüchtete aus der Ukraine, die mehr Beifall bekamen als später die Fußballprofis. Auf der Stadionleinwand prangte weiß auf blau: „Peace“, die Musik dazu schien noch dramatischer inszeniert als sonst, es gab eine schwarz-gold-silberne Choreographie, die ukrainischen Spieler trugen bei den Nationalhymnen Fahnen in den Landesfarben über den Schultern, die Spieler platzierten sich in bunter Reihe beim gemeinsamen Mannschaftsfoto an diesem Frühsommerabend bei im Bremer Juni seltenen 27 Grad. Nur der Fanclub Nationalmannschaft fiel mal wieder ab. Er formulierte auf einem langen Banner grammatikalisch nicht ganz sauber: „Von der Schweiz bis zur Ukraine – 1000 Spiele mit Titel, Lust und Liebe.“
Tja, und bald schien es auch so, als hätten die Spieler des Verbandschefs Motto, miteinander zu spielen und nicht gegeneinander, tatsächlich inhaliert. Schon nach 90 Sekunden spielte Mykhailo Mudryk (Ukraine) auf Niclas Füllkrug (Deutschland), der freundlicherweise freistehend am Tor vorbeischoss. Und nachdem der Bremer Lokalheld dann doch nach sechs Minuten einen Schuss von Marius Wolf zum deutschen 1:0-Führungstreffer abgefälscht hatte, verteilten seine Hintermänner ebenso großzügig wie unfreiwillig Gastgeschenke.
Die Fans pfeifen
Die wurden von Viktor Tsygankov (18.) und bald darauf von Chelseas 100-Millionen-Mann Mudryk gerne angenommen, und plötzlich führten die Ukrainer 2:1. Die neu formierte deutsche Dreierkette aus Antonio Rüdiger, Matthias Ginter und vor allem Nico Schlotterbeck träumte dabei gemeinsam mit David Raum selig vor sich hin. Der Frankfurter Keeper Trapp hatte bis dahin keinen Ball an die Hand bekommen – Frust pur im siebten Länderspiel. So bringt das nichts mit dieser Formationsanordnung. Draußen erhob sich Bundestrainer Hansi Flick immer mal wieder von seinem Bankplatz, um sich bald darauf wieder zu setzen. Da sah einer ganz in blau verdächtig ratlos aus wie Vorgänger Joachim Löw auf dessen alten Tage.
Unmittelbar vor der Pause bugsierte Leroy Sané noch einen Freistoß fulminant an die Latte, die Pfiffe hielten sich wohl auch deshalb in Grenzen, und natürlich aus Respekt vor den tiefstehenden und fix konternden Ukrainern. Leon Goretzka in der ungewohnten Position als einziger Sechser noch hinter Joshua Kimmich platziert, wusste manchmal gar nicht, wie ihm geschah. Kimmich machte seiner Unzufriedenheit beim Halbzeitpfiff mit einem weggebolzten Ball Luft.
Die Pfiffe vom Publikum folgten dann nach dem Wechsel, nachdem Flick es gewagt hatte, Füllkrug durch Kai Havertz zu ersetzen. Diese Pfiffe potenzierten sich dann zehn Minuten später, als Julian Brandt einen unfassbar schlechten, viel zu harten, halbhohen Rückpass auf Ginter spielte, der den Ball nicht verarbeiten konnte, Tsygankov schob mit seinem zweiten Tor am machtlosen Trapp zum 3:1 ein. Bald darauf skandierten die Fans voller Sarkasmus: „Werder Bremen“, ehe Flick begann, munter durchzutauschen. Es krabbelten dann sogar ein paar halbwegs sehenswerte Angriff zutage. Und Trapp bekam tatsächlich mal die Chance, sein Können gegen den durchgebrochenen Oleksandr Zubkov zu zeigen. Die deutsche Abwehr blieb anfällig. Die Pfiffe verdichteten sich.
Doch dann machte Havertz in der 82. Minute akrobatisch und nach einem langen Pass ziemlich aus dem Nichts den Anschlusstreffer zum 2:3. Da waren die dankbaren Menschen auf den Rängen prompt wieder da. Aus „Werder“ wurde „Deutschland“. Schließlich holte Havertz in der letzten Minute der regulären Spielzeit noch geschickt einen Elfmeter heraus. Kimmich verwandelte in einer Perfektion zum 3:3-Endstand, die man zuvor gern öfter von seiner Mannschaft gesehen hätte.
