VonPeter Gradschließen
International erfolglos, schlechter Umgang mit dem Nachwuchs, katastrophale Transferpolitik, geschrumpftes Festgeldkonto, „Trainer-Praktikant“ - was ist los FC Bayern? Ein Kommentar.
München - Der eingefleischte Bayernfan verzweifelt derzeit an den Negativschlagzeilen über seinen Herzensverein. Dabei ist die einleitende Aufführung nicht ansatzweise komplett, wenn es um die massive Kritik geht, die aktuell dem FCB-Cheftrainer Vincent Kompany, aber vor allem Sportvorstand Max Eberl, etwas abgeschwächt Sportdirektor Christoph Freund um die Ohren fliegt. Als „Nebenschauplatz“ haben sich die ehemaligen Bayernspieler Lothar Matthäus und Markus Babbel den Ehrenpräsidenten Uli Hoeneß als Zielscheibe ausgesucht.
Sieben Spieler im letzten Vertragsjahr – Die Laufzeiten der Stars des FC Bayern




Macht der FC Bayern im Jahr 2025 tatsächlich nichts mehr richtig oder kann er in den Augen von x Millionen „Fußball-Experten“ nichts mehr richtig machen?
Leroy Sané - der FC Bayern macht es immer falsch
Stellvertretend dazu das Beispiel Leroy Sané: Sein Wechsel wurde von großen Teilen der Medien, leider auch zahlreichen eigenen Anhängern, nahezu herbeigesehnt. Die Argumente gingen dabei regelmäßig sachlich weit an der Realität vorbei. Die viel gescholtenen Kompany und Eberl hätten ihn gerne behalten, für seinen Abgang Richtung Istanbul waren andere Protagonisten und Regularien des Vereins maßgeblich.
Die Mannschaftskameraden bedauern ganz offensichtlich zutiefst den Abgang des beliebten Teamkollegen, welcher als Sportler und Mensch sehr geschätzt wird. Dieser Fakt war zumeist lediglich eine Randnotiz in der öffentlichen Wahrnehmung. Knapp drei Wochen nach seinem letzten FCB-Spiel kommt der 70-malige Nationalspieler nun aber plötzlich wieder in die (Negativ-)Schlagzeilen im Zusammenhang mit dem Rekordmeister.
Ausgerechnet diejenigen, die ihn quasi aus München weggeschrieben haben, sehen nun seinen Weggang immer mehr als „Managementfehler“ an. Die schwierige Suche nach einem adäquaten Ersatz öffnet die Augen: Spieler mit den Qualitäten von Sané erweisen sich auf dem Transfermarkt als quasi unerschwinglich, dreistellige Millionenbeträge für Luis Díaz (FC Liverpool) und Rodrygo (Real Madrid) werden bereits genannt. Ob diese Spieler außerdem ein geringeres Gehalt als Sané akzeptieren würden, erscheint mehr als fraglich.
Das alles vor dem Hintergrund, dass der FC Bayern sparen muss, weil das legendäre Festgeldkonto offenbar sehr geschrumpft ist.
„Transferschlappen“ Wirtz und Williams
Zeigt dann zusätzlich ein Florian Wirtz eine Vorliebe für die englische Premier League, wird dies Eberl als „Transferschlappe“ angelastet und Kompany süffisant wiederholt unter die Nase gehalten, wie überzeugend sein Liverpooler Kollege Arne Slot doch um den Hochtalentierten geworben hat. Die ursprünglichen Skeptiker eines Wirtz-Transfers an die Säbener Straße sind auf erstaunliche Weise verschwunden und haben sich sehr schnell der „Wirtz-Transfer-Pleiten-Fraktion“ angeschlossen.
Auch die Vertragsverlängerung von Nico Williams bei Athletic Bilbao wird zu Unrecht dem bedauernswerten FCB-Sportboss als nächste „Transferschlappe“ angelastet. Wenn irgendein Topverein in dieser Causa eine solche erlitten hat, dann war es der FC Barcelona. Die Katalanen waren seit einem Jahr der Wunschverein des spanischen Europameisters, blamierten sich aber regelmäßig mit dem Scheitern bei der Finanzierung. Dass die FCB-Verantwortlichen zudem jüngst erklärten, dass sie schon lange zuvor bei den Gehaltsforderungen von Williams kopfschüttelnd ausgestiegen waren, wurde geflissentlich ignoriert. Eine finanziell vernünftige Entscheidung an der Säbener Straße passt nicht ins desaströse Bild der Münchner.
Nick Woltemade: Eberl & FCB können nur verlieren
Und nun die „Causa Nick Woltemade“: Anders als bei den beiden genannten ist es der ausdrückliche Wunsch des U21-Vize-Europameisters, zum deutschen Rekordmeister zu kommen. Das wird zwar registriert, aber „Fußball-Deutschland“ fiebert hier mit dem VfB Stuttgart mit und feiert die „widerspenstigen“ Fabian Wohlgemuth (Sportvorstand) und Alexander Wehrle (CEO), obwohl deren Aussagen zum Teil wesentlich weniger konsequent sind als es dargestellt wird.
Dass der 1,98-Meter-lange technisch versierte Schlaks auch in der Saison 2025/26 im VfB-Trikot auflaufen wird, ist ihre sportliche Wunschvorstellung - die dann platzen wird, wenn der FC Bayern bereit ist, die geforderten 65 Millionen Euro (und mehr) zu zahlen. Dabei können sie in den Augen vieler Experten sowieso nur gewinnen. Bleibt Woltemade: Sieg der VfB-Konsequenz, Bayern-Pleite, -Blamage und Schlimmeres. Geht Woltemade: Der VfB hat den FCB finanziell über den Tisch gezogen.
Auf klassische Weise werden Situationen häufig mit „Win-Win“ oder „Lose-Lose“ beschrieben. Im Kontext mit dem FC Bayern scheint derzeit ausschließlich das „Win (andere Partei) - Lose (FCB)“ populär zu sein.
Gedankenspiel: Woltemade anstelle von Wirtz
Kommt der vielseitig in der Offensive einsetzbare Torschützenkönig der U21-Europameisterschaft zum Rekordmeister, ist die Konstellation nicht so viel anders als es bei einer Wirtz-Verpflichtung gewesen wäre: Das klassische FCB-System (seit 2009 mit Franck Ribéry und Arjen Robben) mit den zwei Außenstürmern würde wohl - auf flexible Weise - abgeändert werden und zentraler ausgelegt werden. Für den „250-Millionen-Deal Wirtz“ hätten zur Finanzierung Außenspieler abgegeben werden sollen. Nun ist Sané ablösefrei gegangen, Woltemade wird aber - trotz Matthäus-Einmischung - definitiv billiger als der Ex-Leverkusener sein.
Bisherige Sommertransfers: Bayern auf einem Abstiegsplatz!
Derzeit kursieren Statistiken, die auf nahezu dramatische Weise demonstrieren sollen, dass Max Eberl & Co ihre Transfer-Hausaufgaben noch nicht erfüllt haben: Bei den bisherigen Ausgaben des Transfersommers liegt der Rekordmeister auf einem 16. Platz, während Vizemeister Bayer Leverkusen und RB Leipzig bereits „wie die Weltmeister“ investiert haben. Kein Wunder: Das gefeierte Doublesieger-Team des Werksvereins wurde in diesem Transfersommer „pulverisiert“ und es sind dafür viele Millionen in die Kasse geflossen.
Was hätte es Negativschlagzeilen gehagelt, wenn beim FC Bayern Cheftrainer Kompany (gegen den Wunsch der Vereinsführung), Dayot Upamecano, Alphonso Davies und Jamal Musiala gegangen wären. Bei Leverkusen werden die Abgänge von Xabi Alonso, Jonathan Tah, Jeremie Frimpong und Florian Wirtz registriert und zugleich die Neuzugänge gefeiert. Tah kam übrigens - wie Tom Bischof - (fast) ablösefrei zum Rekordmeister. Ohne die Zahlungen für ihre Teilnahmen an der Klub-WM hätte der FCB noch überhaupt keine Ablösesummen gezahlt. Beide sind deutsche Nationalspieler. Ein Grund zum Loben? Nicht, wenn es die Bayern betrifft - Tabellen-Sechzehnter, Abstiegsplatz!
Eberl mit „Realitätsverlust“
Anders als es die Öffentlichkeit verlangt, sieht Sportvorstand Eberl den FC Bayern personell gut aufgestellt und will lediglich „punktuelle“ Veränderungen im Kader vornehmen. Zurecht verweist er dabei wiederholt auf das Verletzungspech der vergangenen Saison und was in Bestaufstellung möglich gewesen wäre. Diese nachvollziehbare Sichtweise wird nicht selten als „Realitätsverlust“ kritisiert.
Wie recht der 51-Jährige jedoch mit seiner Sicht der Dinge hat, beweisen die FCB-Mannschaftsaufstellungen bei den CL-Achtelfinalspielen gegen Leverkusen. In beiden Partien zeigte der Rekordmeister Leistungen, die eines CL-Siegers würdig waren:
Hinspiel München (3:0): Manuel Neuer - Alphonso Davies, Minjae Kim, Dayot Upamecano, Konrad Laimer - Leon Goretzka, Joshua Kimmich - Kingsley Coman, Jamal Musiala, Michael Olise - Harry Kane.
Beim Rückspiel in Leverkusen (2:0) ersetzte Jonas Urbig in der Startelf den an der Wade verletzten Neuer, ansonsten ließ Kompany dieselbe Startformation beginnen. Alle Startelf-Spieler dieser grandiosen Leistungen stehen voraussichtlich auch im Kader für die Spielzeit 2025/26.
Woltemade-Verpflichtung: Abschluss des Prozesses der punktuellen FCB-Verstärkungen?
Den Klub verlassen haben Vereinsikone Thomas Müller, sein absoluter Mehrwert lag aber längst nicht mehr bei seinen Leistungen auf dem Spielfeld, Eric Dier und Leroy Sané. Der unglückliche João Palhinha könnte folgen, die „Holding Six“ spielt im System von Kompany offenbar keine Rolle, auch Sacha Boey wäre ein logischer Abschiedskandidat. Beide wollen aber laut eigenen Angaben (zunächst) in München bleiben.
Jonathan Tah ist - im Kompany-System - definitiv ein Upgrade zu Dier, Tom Bischof eine weitere Option im zentralen Mittelfeld, vielleicht sogar auch in offensiveren Positionen. Kommt Woltemade, verlässt der FCB nicht nur Platz 16 im Transfer-Ranking, nein: Eberls „punktuelle Verstärkungen“ könnten gar schon abgeschlossen sein!
Mit Blick auf die prominente Verletztenliste - Musiala, Davies, Hiroki Ito - alle könnten bis zum Jahresende ausfallen, muss sich die Mannschaft von Kompany vielleicht wirklich in den kommenden Monaten, wie zahlreiche besorgte Bayernfans die Situation beschreiben und befürchten, „durchwursteln“.
Top-Talente: Ihre große Chance
Alternativ könnten die von vielen „Experten“ so vehement geforderten hochtalentierten Nachwuchsspieler tatsächlich nachhaltig ihre gewünschte Klasse zeigen. Anders als zuletzt zahlreich geschrieben wurde, droht dem FCB-Campus und dem so „Jugend-aversiven“ Coach Kompany keine „Flucht“ der Top-Nachwuchsspieler Paul Wanner, Adam Aznou und Lennart Karl. Nach derzeitigem Stand stehen alle Drei am 28. Juli auf dem Trainingsplatz an der Säbener Straße, wenn die Vorbereitung auf die neue Saison startet. Alle können sich für den Profi-Kader qualifizieren.
Wanner, Aznou und Karl haben das Potenzial, müssen sich aber im Vergleich zu den Leistungen der Vorsaison gewaltig steigern. Sie haben aber diese Chance verdient und sollten sie dann auch nützen. Andere sind (noch) nicht so weit, darunter auch der Australier Nestory Irankunda. Der 19-Jährige konnte bei den Grashoppers in Zürich nicht beweisen, dass er „FCB-Format“ hat. Nun versucht er beim zweitklassigen FC Watford, sich für das australische Team für die WM 2026 zu qualifizieren.
Realistischer Blick auf die Chancen der „Campus-Talente“
Alleine die Wahl des Klubs zeigt, dass Irankunda noch meilenweit von dem Niveau entfernt ist, das ihm berichtigte Hoffnungen auf einen Platz im FCB-Profikader machen könnte. Der australische Nationalspieler wurde vor einem Jahr für 900.000 Euro aus Adelaide verpflichtet, nun geht er für kolportierte drei bis vier Millionen Euro auf die Insel, der FC Bayern hat sich eine Rückkauf- und Weiterverkaufsklausel gesichert. Kompany und Eberl haben nichts falsch, sondern viel richtig gemacht.
Trotzdem wird aktuell beim Abgang jedes einzelnen „Campus-Talents“ mit dem Finger auf Kompany gezeigt. Das ist albern. Natürlich haben dort alle Spieler ein riesiges Talent, jedoch bei Weitem kein Weltklassetalent. Aber nur so kommt man aktuell vom Campus direkt zu den FCB-Profis. Musiala und Aleksandar Pavlović haben es geschafft, die nächsten können es jetzt versuchen. Wenn einer pro Jahrgang zu den Profis durchkommt, wäre es sensationell.
Respektlosigkeiten gegenüber „sensationellem“ Kompany
Apropos „sensationell“: So wurde Kompanys Beitrag, den arg ins Strudeln geratenen FC Bayern wieder auf Kurs zu bringen, im letzten Herbst nicht selten bezeichnet. Trotz einer äußerst souverän gewonnenen Deutschen Meisterschaft in seiner Premierensaison steht er derzeit jedoch erstaunlich oft in der Kritik. Nicht nachvollziehbar. Die Verunglimpfung als „Trainerpraktikant“ eine Respektlosigkeit, eine Unverschämtheit.
International soll der FC Bayern unter ihm abgehängt worden sein. Die Realität zeigt ein anderes Bild: Neben Paris Saint-Germain, Borussia Dortmund und Real Madrid ist der Rekordmeister das einzige europäische Topteam, dass sowohl in der Champions League als auch bei der Klub-WM mindestens im Viertelfinale stand, wo man jeweils nur sehr unglücklich ausgeschieden ist.
In der UEFA-5-Jahres-Wertung steht der FCB übrigens auf einem glänzenden 3. Platz, nur knapp hinter Real Madrid und Manchester City.
Informationen zu den FCB-Chefkritikern
Besonders laut ertönte in jüngerer Vergangenheit die Kritik von Ex-Spielern am FC Bayern. Dabei sollten sich gerade die „Glorreichen Vier“ - Lothar Matthäus, Mario Basler, Didi Hamann und Markus Babbel - an die eigene Nase fassen. Hierzu „Erstaunliches“.
Teilt man die Historie des Rekordmeisters seit dem Bundesliga-Aufstieg 1965 in Jahrzehnte ein (1965-69; 1970-79;....; 2010-19; 2020-25) kann man die 1990er Jahre als die insgesamt „erfolgloseste FCB-Periode“ identifizieren: Vier Deutsche Meisterschaften, ein DFB-Pokalsieg, ein UEFA-Pokalsieg und ein verlorenes CL-Finale sind für FCB-Maßstäbe „unterdurchschnittlich“. Zwischen 1990 und 1999 gewann Bayern sogar nur zweimal den Titel.
Und eben genau in jener „erfolglosen Ära“ zählten die Herren Matthäus, Basler, Hamann und Babbel zu den Protagonisten an der Säbener Straße und beim „legendären FC Hollywood“.
Die Funktionärs- und Trainer-„Karrieren“ der Kritiker
Noch interessanter sind ihre „Misserfolgsgeschichten“, wenn man die Bereiche betrachtet, die sie nun beim FC Bayern besonders scharf unter die Lupe nehmen: Vereinsmanagement und Trainerkarriere. Wobei man das Thema „Vereinsfunktionäre“ mit einem kurzen Blick auf Mario Basler schon abschließen kann: 2015/16 als „Geschäftsführer Sport“ bei Lokomotive Leipzig in der 4. Liga gescheitert, 2019 Kurzzeit-Comeback als „Berater“ von der TSG Eisenberg in der A-Klasse. Die anderen drei „Chefkritiker“ haben niemals Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt.
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit fcbayerntotal.com
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Alle vier ehemaligen FCB- und Nationalspieler versuchten sich jedoch als Trainer. Das Fazit dazu kann man ganz kurz zusammenfassen: Pleiten Pleiten Pleiten. Die Engagements der Vier wurden immer kürzer und niederklassiger. Matthäus trainierte am Ende in Israel und Bulgarien, Babbel in Australien, Basler in der Kreisliga - und Hamann gab seine einzige Trainerstelle nach vier Monaten in der 5. englischen Liga auf.
Das Trainerjahr 2011
Das Jahr 2011 steht stellvertretend für die Trainerkarrieren der FCB-Chefkritiker. Die chronologische Kurzversion: 14. Mai: Basler wird beim Drittligisten Wacker Burghausen nach dem (sportlichen) Abstieg entlassen. Am Grünen Tisch wird der bittere Gang in die Unterklassigkeit abgewendet, Basler rettet das den Job aber nicht.
19. September: Matthäus wird nach Bulgariens letztem Platz in der EM-Qualifikations-Gruppe entlassen. Seine letzte Station nach zehn außergewöhnlich erfolglosen Trainerjahren. Didi Hamann hat dagegen sein mangelndes Talent viel schneller realisiert: Kurz nachdem er bei Leicester City in der 2. englischen Liga als Co-Trainer angeheuert hatte, trat er im Juli seine einzige Cheftrainer-Stelle an: Beim Fünftligisten Stockport County. Bereits im November beendete er den Job, weil das Team nicht so verstärkt wurde, wie ihm angeblich versprochen worden war.
Babbel wurde bei Hertha BSC im Dezember entlassen, nachdem ihn vorher Präsident Werner Gegenbauer der Lüge bezichtigt hatte: „Jetzt sollte man nicht mit Baron-Münchhausen-Geschichten kommen.“
Max Eberl und Vincent Kompany hatten in der Saison 2024/25 auf alle Fälle wesentlich mehr Erfolg als die vier genannten Herren zusammen in ihren gesamten Funktionärs- und Trainerlaufbahnen.
Rubriklistenbild: © IMAGO/Heiko Blatterspiel

