VonStefan Schollschließen
In Russland ist eine heftige Debatte um die Athleten ausgebrochen, die doch an den Olympischen Sommerspielen teilnehmen dürfen.
Mussa Jewlojew darf nicht nach Paris, weil er angeblich vor einem „Nein zum Nazismus“-Plakat posierte. Das behaupten zumindest linientreue Moskauer Medien und der Präsident der russischen Föderation für Ringkampf, Michail Mamiaschwili: „Andere Vorwürfe gibt es nicht.“ Tatsächlich wird Jewlojew, amtierender Olympiasieger im griechisch-römischen Stil, seinen Titel bei den Sommerspielen in Paris nicht verteidigen können. Aber ihn disqualifiziert schon allein, dass er Sportler des Militärsportklubs ZSKA und Offizier der russischen Armee ist.
Im Dezember hatte das IOC seine Bedingungen für die Teilnahme russischer und belarussischer Sportler an den Olympischen Spielen in Paris bekanntgegeben: Dort dürfen nur Athleten starten, die Wladimir Putins „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine nicht öffentlich unterstützt haben. Und die keine Angehörigen der russischen Streitkräfte oder Sicherheitsorgane sind. Auch alle Mannschaftsportarten fallen flach.
Sehr viele russische Olympioniken bleiben da nicht über. An den vergangenen Spielen in Tokyo nahmen 334 Russen teil, jetzt gehen die Moskauer Medien von 35 bis 55 aus. Und dieses Häuflein wird gezwungen sein, in neutralen Trikots um Medaillen zu kämpfen, ohne russische Hymne oder Flagge. „Sport ist Krieg“, schimpft Irina Winer, Chefin der Föderation für Rhythmische Sportgymnastik, gegenüber der Agentur RIA Nowosti. Dort gehe es um Leben und Tod. Aber weshalb und wofür solle man jetzt kämpfen?
Ein großer Teil der russischen Sportprominenz äußert sich für einen praktischen Boykott von Paris. „Es lohnt nicht, sich zu erniedrigen und auf die Knie zu fallen“, erklärt Jelena Wjalbe, Präsidentin der Langlaufskibundes. Wer doch hinfahre, gehöre zu einer „Mannschaft von Pennern, ohne Fahne, Hymne und Fans,“ so Winer, die zum Sprachrohr der Antiolympier geworden ist. „Grüße vom Penner Darja“, konterte die im Westen lebende Tennisspielerin Darja Kassatkina auf Telegram. Sie will wie der Weltranglistenvierte Daniil Medwedew in Paris teilnehmen. Der russische NOK-Chef Stanislaw Posnjakow bezeichnet die Tennisprofis schon als „Mannschaft ausländischer Agenten“, Russlands Staatspropaganda versteht darunter vaterlandslose Gesellen, die für westliches Geld Politik gegen die Heimat machen.
Honoriert wie Olympiasieger
Der Kreml selbst hält sich zurück. „Der Präsident hat schon wiederholt gesagt, dass die Sportler diese Entscheidung selbst treffen“, erklärte Sprecher Dmitrij Peskow. Und Sportminister Oleg Matyzin erklärte, die Athleten wollten in Paris ja nicht ihre eigene Ehre, sondern auch die Ehre des Vaterlandes verteidigen. Der sportbegeisterte Wladimir Putin feierte russische Goldmedaillen jahrzehntelang als Beleg für das nationale „Siegergen“. Der Staatschef liebte es, die Medaillengewinner persönlich auszuzeichnen. Aber dieses Jahr dürfte das Zeremoniell sehr dünn ausfallen.
Und Leistungsport-Russland wird immer unduldsamer: „Sie müssen begreifen, dass sie nach dieser Entscheidung irgendwie weiter in unserer Gesellschaft leben müssen“, urteilt die Eishockey-Legende Wjatscheslaw Fetissow schon jetzt über Russen, die doch in Paris starten wollen.
Moskau geht auf Distanz zu Olympia als Veranstaltungsform. Zumal man jetzt selbst „globale“ Sportfeste organisiert. Im Juni steigen in Kasan die diesjährigen BRICS-Spiele, wo sich Sportler aus über 50 Ländern in 25 Disziplinen messen sollen. Und im September sind in Moskau und Jekaterinburg die „Weltweiten Spiele der Freundschaft“ geplant. „Ein grandioses Ereignis, dass der Olympiade organisatorisch kaum nachsteht“, versichert Alexej Sorokin, Chef des Organisationskomitees. 33 Sportarten, angeblich 70 Teilnehmerländer, 40 000 Dollar für jeden Sieg. Russische Gewinner sollen wie Olympiasieger honoriert werden, 2020 bekam jeder einen BMW.
All diese Sportfeste stützten sich auf die Ideale, die in der olympischen Charta verankert seien, erklärte Außenminister Sergej Lawrow gestern. „Ideale, die die heutige IOK-Führung verachtet und mit Füssen tritt.“ Das wahre olympische Feuer, daran lässt Lawrow keinen Zweifel, werde in Russland brennen.
