Erfolgsstory

Henriksens Lovestory bei Mainz 05

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Jonny Burkardt (li.) und Paul Nebel (re.) jubeln mit Anthony Caci. IMAGO/Sven SIMON
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Mit Offensivspielern aus dem eigenen Stall attackiert Mainz 05 die Königsklassenplätze der Fußball-Bundesliga.

Exakt vor einem Jahr, am 17. Februar 2024, coachte der als Retter verpflichtete Däne Bo Henriksen zum ersten Mal die Bundesligamannschaft von Mainz 05. Die Rheinhessen waren Vorletzter, der Abstieg nahte, die Atmosphäre war wie die Wetterlage: eiskalt. Frohnatur Henriksen sorgte für einen wärmenden Stimmungsumschwung, coachte Team, Verein und Fans wie besessen zum Klassenerhalt – und schickt sich nach dem ungefährdeten 2:0-Sieg vom Sonntagabend in Heidenheim an, die europäischen Topplätze zu attackieren.

Aus dem hässlichen Entlein auf einem Abstiegsrang ist ein schöner Schwan auf Platz sechs geworden, nur zwei Punkte von der Champions League entfernt. Wer genau hinschaut, sieht in der Henriksen-Lovestory mit dem FSV Mainz 05 aber nicht nur die Geschichte eines Aufstiegs.

„Das letzte Spiel gegen Heidenheim war eine Katastrophe“, begann der Trainer in Heidenheim sein Statement bei der Pressekonferenz. Er erinnerte sich mit Grausen an das 0:2 im Hinspiel vergangenen September. Danach gab es mächtig Saures von den Medien. Die Kritik geriet bisweilen fundamental: Henriksen sei zweifelsohne ein guter Motivator, jedoch niemand, der eine Mannschaft strategisch und taktisch weiterentwickle.

Dieses Urteil hat der seit zwei Wochen 50-Jährige inzwischen widerlegt. Der Sohn eines Sportreporters ist auch nach saisonübergreifend einer kompletten Spielzeit mit Abstand der 05-Chefcoach mit dem besten Punkteschnitt aller Mainzer Bundesligatrainer vor Bo Svensson. Martin Schmidt, Thomas Tuchel und Jürgen Klopp.

Wie es ausschaut, handelt es sich bei „Bomber Bo“ auch um einen guten Spielerentwickler, was gerade am Standort Mainz von Bedeutung ist. Die Nullfünfer pflegen eine Tradition, Jungs aus dem eigenen Stall hoch zu den Profis zu befördern und daraus zunächst sportlichen, später auch finanziellen Profit zu saugen.

In Heidenheim ließ Henriksen die im Mainzer Nachwuchsleistungszentrum ausgebildeten Jonathan Burkardt (24), Paul Nebel (22) und Nelson Weiper (19) gemeinsam angreifen. Nebel, der rekordverdächtige 13,37 Kilometer lief, bereitete Burkardts 1:0 mit vor, Burkardt leistete den direkten Assist für Weipers 2:0. „Jonny“, sagte Henriksen hinterher über seinen nach Oberschenkelzerrung wiedergenesenen Kapitän, „ist ein internationaler Klassespieler, der sehr, sehr, sehr wichtig für uns ist.“

Der Stürmer widerlegt mit seinem Auftreten die in Talkrunden immer wieder verbreitete Mär von Führungsspielern, die Zähne zeigen und Zeichen setzen müssten. Der junge Mann aus gutem Hause in Darmstadt ist ein Draufgänger und ein netter Kerl, der die Mannschaft mit Empathie führt. Als Transfergerüchte zu Eintracht Frankfurt ins Kraut schossen, verzichtete er auf branchenübliches Geklapper, sondern sagte klipp klar, dass er in der Winterpause nicht für einen Wechsel zur Verfügung steht. Auf dem Platz wehrt der Vorzeigeprofi sich zwar im Zweikampf, ist aber sichtbar immer bemüht um faire Mittel und gute Kommunikation mit dem Schiedsrichter.

Das muss sein Trainer noch lernen. Zuletzt war Henriksen zweimal gesperrt und somit mitverantwortlich für verlorene Punkte bei Union Berlin (1:2) und gegen den FC Augsburg (0:0). Der Däne gelobte schon mehrfach Besserung. Er sollte es nicht bei Worten belassen, sondern sein Verhalten entsprechend professionell anpassen.

Zuletzt wurde sein Vertrag bis 2027 verlängert. Bei der Weiterentwicklung von Spielern kann Henriksen auch mal ungemütlich werden. Toptalent Nelson Weiper hatte geraume Zeit Mühe, die Nichtberücksichtigung zu akzeptieren. Sein Trainer verwies auf das Leistungsprinzip. Inzwischen hat der 1,91 Meter große Angreifer verstanden. Er gehörte zuletzt viermal in Folge der Startelf an und traf zweimal. Weiper und Bukardt lassen gerade Träume leben. „Wenn wir diese beiden in Mainz halten können, dann wird es groß. Aber das wird schwer“, sagt Henriksen.

Das ist eine realistische Einschätzung. Wenn Burkardt so weitermacht, dürfte er nach Brajan Gruda (im vergangenen Sommer für mehr als 30 Millionen Euro nach Brighton) der nächste Mainzer Toptransfer aus eigener Aufzucht werden.

Nächsten Samstag (15.30 Uhr/Sky) kommt der FC St. Pauli in die Mainzer Arena, die inzwischen oft prall gefüllt ist. Bo Henriksen wird eine Stunde vorm Anpfiff wieder hinauslaufen und die Fans in der Kurve anfeuern. Sie werden begeistert jubeln. „Wir sind ein guter Verein, alle arbeiten zusammen“, sagt er. Mainz 05 weiß, wie Bundesliga geht.

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