VonIngo Durstewitzschließen
Damit die Eintracht-Talente ihre Topleistung abrufen können, müssen gestandene Spieler wie Kevin Trapp funktionieren.
Nein, in einem Team mit so vielen jungen Hüpfern habe er, der alte Hase im Kasten, noch nie gespielt. Nicht seit er Profi ist, und das sind ja jetzt auch schon mehr als eineinhalb Jahrzehnte. „Die Mannschaft ist brutal jung“, sagt Eintracht-Torwart Kevin Trapp im vereinseigenen Podcast und muss lachen, als er von einem Trainingsspiel erzählt, alt gegen jung. Die Jungen waren zwischen 18 und 21, die Alten zwischen 22 und 24. Und dann noch ein paar Haudegen wie Trapp, 34, Mario Götze, 32, Timmy Chandler, 34, oder Philipp Max, 30. Der Altersschnitt beträgt laut Trapp aber trotzdem nur 23 Jahre. Extrem juvenil, extrem ungewöhnlich, wie der Torwart findet.
Dem Routinier macht das Ganze aber einen Heidenspaß, der Spirit sei ein anderer als in der vergangenen Spielzeit, die er als „komisch“ einstuft. „Ich habe das Gefühl, dass es jetzt wesentlich befreiter und positiver ist als letzte Saison.“ Auch wenn Trapp völlig zu Recht einschränkt: „Wir haben ja noch kein Spiel gemacht.“ Erst wenn es hart auf hart geht, wenn es mal ein paar Niederlagen setzt, weiß man, wie belastbar das Gebilde ist und ob sich gruppendynamische Prozesse womöglich ins Gegenteil verkehren. Die Zeit, das herauszufinden, wird kommen, sehr schnell. Schon der Auftakt in die neue Saison hat es in sich. Da wird das Team wissen, wo es in etwa steht.
In jedem Fall ist es hilfreich, wenn neben den Jungprofis die alten Recken als Korsettstangen dienen. Ohne sie geht es nicht. „Es geht darum, die Dinge, die du siehst, klar anzusprechen – egal ob positiv oder negativ“, befindet der Schlussmann. Als erfahrener Profi könne man im Training schon genau erkennen, „ob jemand will oder nicht.“ Und da sei es an den Führungskräften, Leitplanken aufzustellen. „Man muss einen Rahmen beibehalten, Disziplin in der Mannschaft haben.“
Talent stecke mehr als genug in der Mannschaft, findet Trapp und nennt Igor Matanovic als Beispiel. „Er hat mich beeindruckt. Ich hatte nicht auf dem Schirm, dass er erst 21 ist, er sieht erfahrener aus.“ Der vom KSC zurückgekehrte Mittelstürmer habe einen „guten und schlauen Abschluss, sehr überlegt“, er mache seine Sache bisher „unfassbar gut“.
Aber genau von solchen Akteuren, jung und aufstrebend, sollte niemand erwarten, dass sie die Kastanien aus dem Feuer holen. Nein, es sind die Routiniers, die ihre Leistung bringen und den anderen eine Stütze sein müssen. Nur dann können die Begabten funktionieren, nur dann können sie zusammen zu einer guten Einheit erwachsen. Niemand sollte erwarten, dass ein hochveranlagter Spieler wie Can Uzun die Bundesliga im Sturm nimmt, der erst 18 Jahre alte und also noch gar nicht richtig erwachsene Spieler braucht Leitung, einen Boden, auf dem er sich entfalten kann. Er muss geformt werden.
Ähnliches gilt für den Ungarn Krisztian Lisztes, 19 Jahre alt. Der Offensivspieler wurde nun sogar von Nationaltrainer Marco Rossi gewarnt. „Er hat riesengroßes Potenzial. Hier heißt es, er ist der aufgehende Stern für Ungarns Nationalmannschaft“, sagt der frühere Eintracht-Profi.
Warnung an Lisztes
„Die Entscheidung von ihm, nach Frankfurt zu gehen, ist genau richtig. Der Klub war in der Vergangenheit super für junge Talente“, befindet er. Und schiebt ein großes Aber hinterher: „Aber er muss liefern. Er muss klar im Kopf sein und schnell begreifen, worauf es ankommt. Wenn er denkt, er wäre schon ein Star und bekäme etwas geschenkt, dann spielt er in der Regionalliga bei Frankfurts zweiter Mannschaft.“
Nicht unwahrscheinlich ist freilich, dass Lisztes noch mal ausgeliehen wird, um zu reifen und den Sprung in die Bundesliga zu schaffen. Doch das wird Trainer Dino Toppmöller mit Sportvorstand Markus Krösche nach weiten Teilen der Vorbereitung final entscheiden. Womöglich geht die persönliche Entwicklung ja schneller als gedacht. Selbstvertrauen, Unbekümmertheit und eine gute Portion Kühnheit vereinen einige der Neuen. Aus dem Raster fällt da fast schon Linksverteidiger Nathaniel Brown, weil er ruhiger und überlegter, nicht so draufgängerisch rüberkommt.
Klar ist, dass in einer solch sensiblen Gemengelage Spieler wie Kevin Trapp ihren Mann stehen müssen. Gerade für den Keeper ist die bevorstehende Spielzeit eine wichtige, denn die letzte war allenfalls mäßig. Trapp, wohltuend selbstkritisch, weiß das selbst. „Ich kann meine Leistung sehr gut einschätzen, verstecke mich nicht vor Dingen, die nicht gut gelaufen sind“, bekundet er. Rückenschmerzen hätten ihn oft behindert, „ich konnte nicht zu 100 Prozent trainieren, war nicht frei im Kopf“.
Bis zum Leipzig-Spiel sei die Saison eigentlich eine gute gewesen, doch insgesamt sei die Runde nicht so verlaufen, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. „Das war nicht das, was ich mir vorstelle und was ich von mir gewohnt bin.“
Im Urlaub habe er über Dinge nachgedacht, „von denen ich weiß, dass sie nicht gut liefen, ich weiß, was ich verbessern kann und verbessern muss.“ Er habe sich aktuell so vorbereitet, um der zu sein, „den ich selbst kenne und den der Verein kennt.“ Er wisse, „dass diese Saison anders wird.“ Kevin Trapp meint: besser.
