VonFrank Hellmannschließen
Italien-Legionär Yann Aurel Bisseck ist ein gutes Beispiel, dass auch verschlungene Karrieren
noch in die deutsche Nationalmannschaft führen. Der gebürtige Kölner träumt von der WM 2026.
Das erste Training im Kreise der prominenten Mitstreiter hatte Yann Aurel Bisseck an diesem sonnigen, aber kühlen Vormittag in Dortmund-Brackel auf dem BVB-Trainingsgelände gerade hinter sich, da wartete noch der Gang durch die Mixed Zone am Gitterzaun auf den einzigen Neuling bei der deutschen Nationalmannschaft.
Für den Klassiker im Nations-League-Viertelfinale gegen Italien – Hinspiel in Mailand (Donnerstag 20.45 Uhr/ARD), Rückspiel in Dortmund (Sonntag 20.45 Uhr/RTL) – eignete sich der 24-jährige auch deshalb als Gesprächspartner, weil er bei Inter Mailand unter Vertrag steht – und die Serie A besser kennt als die Bundesliga.
Für den Abwehrhünen hätte es keinen besseren Zeitpunkt geben können, als mit seiner imposanten Erscheinung in den erlauchten Zirkel reinzuschnuppern. „Es ist ein super Gefühl, dass die Leistung anerkannt wird, die man im Verein bringt“, versicherte Bisseck. Jetzt wolle er sich im Schnelldurchgang „akklimatisieren, die Jungs und das System des Trainers kennenlernen“.
Er müsse aber bestimmt keine Tipps geben, was im Giuseppe-Meazza-Stadion auf das Team warte. „Ich würde gerne, aber wenn man das erste Mal dabei ist, hat man geduldig zu sein“, sagte die Frohnatur und lachte. Ohnehin leidet da einer nicht an mangelndem Selbstbewusstsein: „Bei der WM 2026 wäre ich 25 Jahre alt. Das ist ein gutes Alter, um ein großes internationales Turnier zu spielen.“
Der gebürtige Kölner dient als bestes Beispiel, dass auch eine verschlungene Laufbahn mit Zwischenstationen in den Niederlanden, Portugal und Dänemark ans Ziel aller Sehnsüchte führen kann. Ausgebildet beim 1. FC Köln verhalf ihm einst der Österreicher Peter Stöger drei Tage vor seinem 17. Geburtstag zum Bundesligadebüt.
Trotzdem dauerte es danach verdammt lange bis zum richtigen Durchbruch. Leihstationen bei Holstein Kiel, Roda Kerkrade und Vitoria Guimarães brachten wenig Fortschritt. Die Versetzung in die zweite Mannschaft des portugiesischen Erstligisten ließ den Sohn von Eltern aus Kamerun in der schwierigen Coronazeit grundsätzlich zweifeln, ob er denn wirklich Profifußballer bleiben solle.
Er wollte schon Medizin studieren
Wofür hatte er denn mit 16 bereits sein Abitur am Hildegard-von-Bingen-Gymnasium gemacht? Also dachte er sich: „Mit einem Kumpel nach Berlin ziehen, Medizin studieren, eine WG aufmachen.“ Es ist dann anders gekommen, weil Bisseck bei Aarhus GF noch einen letzten Anlauf nahm. In Dänemark verteidigte er unter dem deutschen Trainer Uwe Rösler so gut, dass Inter Mailand im Sommer 2023 stolze sieben Millionen Euro für den Kapitän der deutschen U21-Nationalelf zahlte, obwohl diese bei der EM früh scheiterte.
Vielleicht hat es diese Luftveränderung gebraucht, um sein Potenzial zu wecken. Die Defensivschule bei Inter sei wohl „die beste der Welt“, berichtete Bisseck. „Man hat auch mal 90 Minuten nur Taktiktraining.“ Ein spezielles Vorbild habe er allerdings nicht; vielmehr wolle er jetzt von Antonio Rüdiger und Jonathan Tah profitieren, „da kann man sich sehr, sehr viel auf Weltklasseniveau abgucken.“
Bundestrainer Julian Nagelsmann begründete Bissecks Berufung „mit einem guten, interessanten Karriereverlauf“. Mit dem auch aus der Heimat seiner Eltern umworbenen Modellathleten stand er länger schon in Kontakt. Bisseck hatte sich bereits bekannt, dass er weiter für Deutschland spielen wolle, er habe „schon immer mit großem Stolz den Adler auf der Brust getragen“.
Julian Nagelsmann hat vielleicht auch ein bisschen das treue Bekenntnis belohnt. Der Verteidiger, in Italien übrigens gerne „Dr. Bisseck gerufen, weil er eben auch gerne Arzt geworden wäre und ein kluger Kopf ist, bringe auf jeden Fall viel Talent mit, käme allerdings gerade nicht aus einer „Topphase“.
Zuletzt stand Bisseck bei Inter zwar nicht immer in der Startelf, sammelte aber 18 Einsätze in der Serie A und acht in der Champions League, wo bald das Viertelfinale gegen den FC Bayern (8. und 16. April) ansteht. Bisseck freut sich schon, den Münchnern vielleicht den Traum vom Finale dahom zu verderben: „Ich bin sehr zuversichtlich. Wir sind eine starke Truppe, Bayern hat sehr starke Spieler. Wir müssen vor nichts Angst haben.“
Er ist ganz nebenbei der nächste Beleg, wie der italienische Fußball vor allem deutsche Perspektivspieler nach vorne bringen kann. Auch der fast gleichaltrige Malick Thiaw vom Lokalrivalen AC Mailand, der 2023 unter Hansi Flick debütieren durfte und drei Länderspiele auf dem Konto hat, ist laut Nagelsmann keineswegs abgeschrieben. Nur sind die Zeiten eben vorbei, dass der halbe Stamm der deutschen Nationalelf über den Brenner kam.
Die Legenden sind bei Inter immer präsent
Ende der 80er, Anfang der 90er stieg der heutige DFB-Sportdirektor Rudi Völler als Torjäger bei AS Rom zum Volksheld auf, überdies prägten Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann als Weltstars das Erscheinungsbild bei Inter. Die Serie A war damals das Eldorado für die besten Kicker aus aller Welt.
Bisseck bekommt diesen Umstand nach eigenem Bekunden bis heute zu spüren: „Die Legenden des Vereins sind noch sehr oft im Klub oder im Stadion. Die werden immer gut aufgenommen.“ So wie er jetzt auch bei der deutschen Nationalmannschaft.
