VonIngo Durstewitzschließen
Die Eintracht holt den Ur-Herthaner Jessic Ngankam für knapp vier Millionen Euro nach Frankfurt. Der von Verletzungen geplagte Stürmer hofft inständig, „dass jetzt die Welle losrollt“
Der neue Eintracht-Stürmer Jessic Ngankam ist nicht unbedingt ein Typ, der sich verstellt oder irgendwie herumdruckst. Der 22-Jährige, ein waschechter Berliner Junge, in Wedding-Reinickendorf aufgewachsen, ist authentisch und direkt, er spricht die Sprache der Jugend, gerne streut er mal „Bruder“ oder „Digger“ in seine Sätze ein, und grundehrlich scheint er ebenfalls zu sein. In einem erst kürzlich veröffentlichten Youtube-Gespräch mit dem ehemaligen Hertha-Nachwuchskicker Bilal Kamarieh räumte er unverstellt ein, dass er alles auf eine Karte setzte: Sport. „Wenn ich nicht Fußballer geworden wäre“, sagte er also, „wüsste ich nicht, was ich heute machen würde. Das ist nicht gut, aber es ist halt so.“ Das hat seine Gründe. „In der Schule war ich halt einfach schlecht. Mein Bruder und meine Schwester waren viel besser, meine Freunde waren schlau. Ich hatte einfach keinen Bock auf Schule.“ Ist ja noch mal gut gegangen.
Seit Freitag beginnt für den U-21-Nationalspieler ein neues Kapitel in seinem Leben, der Ur-Berliner wagt den nächsten Schritt seiner Karriere, es ist kein kleiner: Ngankam wechselt von Absteiger Hertha BSC zu Eintracht Frankfurt und wird am Main mit einem langfristigen Kontrakt bis 2028 bedacht. Die Verpflichtung ist längst keine Überraschung mehr, die Spatzen pfiffen sie seit Wochen von den Dächern. Die Hessen überweisen knapp vier Millionen Euro an den Hauptstadtklub, Ngankam ist bereits Neuzugang Nummer sieben für die Eintracht. So langsam müsste der Verein vielleicht mal den einen oder anderen Spieler abgeben. Wobei: Das ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.
Der schnelle Mann mit Wurzeln in Kamerun hatte auch andere Optionen, Herthas-Stadtrivale Union lockte mit der Champions League. Doch da musste er nicht lange nachdenken. „Nee, das machen wir nicht“, habe er zu seinem Berater Volker Struth gesagt. „Ich bin Herthaner.“ Und jetzt Frankfurter.
Dort wird er von den Verantwortlichen mit den üblichen Vorschusslorbeeren begrüßt. „Als junger und entwicklungsfähiger Spieler mit großem Potenzial passt Jessic ideal zu unserer Strategie. Wir freuen uns, dass er sich trotz anderer interessanter Angebote für Eintracht Frankfurt entschieden hat. Er ist ein Spieler, der viel Leidenschaft und Power mitbringt“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. Sportdirektor Timmo Hardung flankiert: „Er hat eine sehr positive Art hat und bringt eine große Motivation für die neue Aufgabe mit.“ Und sportlich? „Er hat unheimlich viel Qualität“, findet Sportchef Krösche. „Er hat eine sehr hohe Geschwindigkeit, ist ein robuster Stürmer und hat sehr viel Tiefgang. Das brauchen wir.“ Schnelligkeit ist heutzutage im Fußball fürwahr elementar.
Der Angreifer hat für sich gute Argumente gefunden, weshalb es ausgerechnet die Eintracht sein musste. Er drückt es auf seine Weise aus: „Geiler Verein mit geilem Stadion und geilen Fans.“ Viel geiler geht kaum. Den Wechsel habe er sich gut überlegt, es sei einfach Zeit für eine neue Herausforderung gewesen, „die ich bei einem sehr ambitionierten und spannenden Bundesligaklub angehen möchte“. Der bullige Kerl, 1,84 Meter groß, ist Feuer und Flamme und kann es kaum erwarten, endlich loslegen zu dürfen. „Ich brenne, ich habe Bock.“ Sich selbst beschreibt er als „vielfältigen Stürmer, der tiefgehen, sich durchsetzen, den Ball festmachen und auch Tore schießen kann.“
Dabei verlief die Karriere des Ur-Herthaners, dessen Vater ihm lange beratend zur Seite stand und seine wichtigste Bezugsperson ist, nicht geradlinig, er musste viele Rückschläge einstecken, Widerstände überwinden. Schon in der Jugend war er, wie er sagt, „nicht der Spieler, der am meisten gehypt wurde. Ich musste mir alles nicht nur erarbeiten, ich musste es erzwingen. Ich habe mir so oft den Arsch aufgerissen.“
Während einige Kumpels direkt aus der Jugend einen Profivertrag bei der Hertha ergatterten, musste er den Umweg über die U23 machen. „Das waren die schlimmsten Wochen, Monate und Jahre“, sagt er. Schließlich klappte es doch, im Mai 2020 debütierte er im Spiel in Hoffenheim in der Bundesliga. Ein Traum ging in Erfüllung. Auch wenn damals noch die Corona-Geister regierten und es sich nicht unbedingt wie ein Bundesligaspiel anfühlte.
Doch die Karriere geriet erneut ins Stocken. In Fürth, wohin er ausgeliehen wurde, riss noch vor dem ersten Spiel das Kreuzband, später, nach der Genesung und der Rückkehr nach Berlin, warfen ihn Verletzungen immer wieder zurück. Erst in der Rückrunde der abgelaufenen Saison startete er durch – und war in einer satten und farblosen Mannschaft der einzige Lichtblick. Er kam in allen 18 Partien in diesem Jahr zum Einsatz, machte vier Tore und bereitete zwei weitere vor. Er war ein Anker, auch für die Fans, ausgerechnet ein Hertha-Urgewächs stach aus der bunt zusammengewürfelten Söldnertruppe heraus. Dass er nun, nach dem Abstieg, den Verein verlässt, können nicht alle verstehen.
Der Berliner Trainer Pal Dardai hat es kommen sehen, der Ungar förderte den Rechtsfuß, maßregelte ihn aber auch regelmäßig. Zuletzt vor der U-21-Europameisterschaft, als er Auswahltrainer Antonio Di Salvo zurief: „Jessic ist nicht fit.“ Dardai ist der festen Überzeugung, dass Ngankam hartes Training braucht. „Sonst funktioniert sein Körper nicht. Er kann viel mehr. Er ist ein richtiges Pferd, hat einen Körper und Schnelligkeit.“ Klingt so ein bisschen nach den bei Eintracht Frankfurt einst so berüchtigten Büffeln.
Ngankam hofft nun, seine „besondere Qualität“ in Frankfurt einzubringen. Es soll nur noch nach oben gehen. „Ich will, dass die Bombe endlich platzt und die Welle losrollt.“
