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Jürgen Klopp verlässt Liverpool: Abschied einer Legende

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Verabschiedet sich von der Anfield Road: Jürgen Klopp.
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Der deutsche Trainer erklärt überraschend, dass er die Reds am Saisonende verlässt. Er geht als Legende, wie bei all seinen Stationen. Ein Kommentar.

Zur sorgsam vorbereiteten Inszenierung der Bekanntgabe des bevorstehenden Abschieds hat Jürgen Klopp sich einen grauen Pullover übergestreift. Die Klub-Kamera ging ganz nah ran an den 56-Jährigen. Die Ringe unter den Augen und die Furchen, die die Stirn durchziehen, waren eigens nicht sorgsam mit Makeup abgedeckt worden.

Jürgen Klopp, dem Eitelkeit gewiss nicht fremd ist, hat sich vor einigen Jahren die Augen operieren lassen, damit er keine Brille mehr tragen muss, er hat sich einer Haartransplantation unterzogen, um zumindest obenrum jünger und frischer auszusehen. Aber der Knochenjob eines Fußballlehrers, Anführers und Entertainers über fast zweieinhalb Jahrzehnte hinweg ohne Pause in Mainz, Dortmund und Liverpool hat Spuren hinterlassen, die auch die Kunst der Ärzte nicht komplett vertuschen kann. Das konnte in dem Erklärvideo des Charismatikers, das der FC Liverpool am Freitagmittag völlig überraschend veröffentlichte, niemandem verborgen geblieben sein.

Jürgen Klopp geht zwei Jahre früher

Zwei Jahre früher als vertraglich vereinbart verabschiedet sich der Mann mit dem einnehmenden Wesen, der an allen bisherigen Arbeitsplätzen knietiefe Spuren hinterlassen hat, zum Saisonende von der Anfield Road. Er hat dafür gute Argumente vorgebracht, frei aus dem Englischen übersetzt: „Ich möchte nicht warten, bis ich zu alt bin, um ein normales Leben zu haben.“ Und: „Ich kann den Job nicht mehr so machen wie zuvor, also bin ich nicht mehr der Richtige nächstes Jahr.“ Das klang verdächtig danach, als hätte Klopp sehr genau in sich hineingehört.

Einer wie er, nahbar und ungeschminkt, lebt von der Kraft der Überzeugung, von Power auf Dauer, von mitreißender Aura. Ein Fußballtrainer, dem, wie Klopp es beschrieb, das „Benzin im Tank ausgeht“, kann auf Höchstniveau nicht mehr so performen, wie er selbst von sich erwartet und wie es die Öffentlichkeit erwartet.

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Der Zeitpunkt ist klug gewählt. Nach einem schwierigen Spieljahr, in dem die Reds zum ersten Mal seit sieben Jahren die Champions League verpassten, die Mannschaft kraftlos und Klopp bisweilen ratlos wirkte, hat die Kultfigur den Traditionsklub längst stabilisiert, Zwischenergebnis: Platz eins in der Premier League. Klopp geht erhobenen Hauptes, natürlich tut er das, es hat seit dem legendären Keeper Bert Trautmann, der zwischen 1949 und 1964 508 Mal für Manchester City spielte, und Stürmer Jürgen Klinsmann, Mitte der 1990er bei Tottenham Hotspur, keinen besseren Botschafter für Deutschland auf dem britischen Eiland mehr gegeben als den großen Blonden.

Er hat, wo immer auch auftauchte, den ganzen Klub vereinnahmt - und der Klub ihn. So war es bei Mainz 05, so war es bei Borussia Dortmund, und so ist es erst recht an der Merseyside, wo er zum zweifachen Weltklubtrainer reifte und von Champions League über FA-Cup, Ligapokal und Meisterschaft alles abräumte, was es abzuräumen gab. Die Liverpool-Fans sind untröstlich angesichts der unvorhersehbaren Botschaft.

Hierzulande hatte sich Ex-DFB-Präsident Reinhard Grindel seinerzeit große Hoffnungen gemacht, nach der Ära Löw mit Klopp einen Bundestrainer präsentieren zu können, der für die EM 2024 das ganze Land auf seinen Schultern zu tragen in der Lage ist. Doch wer ihm genau zugehört hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Für Deutschland steht Klopp aktuell nicht zur Verfügung. Die Gier nach ein wenig Besinnlichkeit ist größer als der Drang nach immer neuem Ruhm. Er geht als lebende Legende.

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