Wohin man auch guckt: Im DFB-Team tun sich vor den WM-Qualifikationsspielen von ganz hinten bis ganz vorne überall Baustellen auf.
Herzogenaurach – Beim Deutschen Fußball-Bund bleiben sie dabei: Lieber trifft sich die A-Nationalmannschaft im fränkischen Herzogenaurach als am verbandseigenen Campus in Frankfurt. Selbst im Vorfeld der beiden WM-Qualifikationsspiele in Sinsheim gegen Luxemburg (Freitag 20.45 Uhr/ARD) und in Belfast gegen Nordirland (Montag 20.45 Uhr/RTL) wurde das am Montag so gemacht. Dabei wäre das Rhein-Main-Gebiet reisetechnisch die klügere Variante. Die Busfahrt aus Herzogenaurach nach Sinsheim dauert eine volle Stunde länger als aus Frankfurt, wo es angeblich ja auch einen recht großen Airport geben soll, um nach Nordirland zu jetten.
So fest Julian Nagelsmann und seine Gefolgsleute am Adidas-Gelände in Franken festhalten, so wenig stabil sieht die Kaderkonstruktion aus, die der Bundestrainer Lehrgang für Lehrgang zusammenzimmert. Ein Beispiel: Beim letzten Mal im September stand noch der Frankfurter Nnamdi Collins im Aufgebot (und einmal sogar in der Startelf), jetzt darf der fast vier Jahre lang aus nachvollziehbaren Gründen sowohl von Nagelsmann als auch von seinem Vorgänger Hansi Flick nicht mehr berücksichtigte und inzwischen zu RB Leipzig gewechselte Ridle Baku plötzlich wieder anreisen.
Ridle Baku war fast schon durchgefallen
Der gebürtige Mainzer hatte beim Bundestrainerdebüt von Flick in seinem zweiten von vier A-Länderspielen gegen Liechtenstein (2:0) fast jeden Pass zuverlässig zu einem Spieler der dennoch chancenlosen Kontrahenten gespielt, im dritten Einsatz dann gegen denselben Gegner aber sogar ein Tor gemacht. Flick entschied im November 2021 über den damaligen Wolfsburger Baku: gewogen und für zu leicht befunden. Nachfolger Julian Nagelsmann sah das geraume Zeit sehr ähnlich, sieht das nun offenbar anders.
Irgendwie weiß man nicht so recht, was der Bundestrainer vorhat. Nur so viel ist bekannt: Er freut sich „ganz besonders“ auf die Rückkehr nach Sinsheim, wo er mit großer Trainerleistung die TSG Hoffenheim aus dem Kampf um den Klassenerhalt in die Champions League coachte und im Verein noch viele Freunde hat.
Diese deutschen Nationalspieler feierten ihr Debüt unter Julian Nagelsmann
Ansonsten Baustellen, wo man auch hinschaut: Spielt Deutschland künftig mit Dreier- oder Viererkette? Bleibt Joshua Kimmich nur dieses Jahr auf der Sechs oder auch im WM-Jahr 2026? Ist der von Nagelsmann (zu Recht) nicht nominierte Pascal Groß nicht mehr gut genug, nachdem er seinen Stammplatz in Dortmund verloren hat, der dennoch berufene Robert Andrich aber gut genug, wiewohl er in Leverkusen auch nicht immer von Beginn an spielt?
Schafft es der diesmal nicht nominierte Niclas Füllkrug doch noch einmal zurück dorthin, wo der Mittelstürmer auch wegen seiner Persönlichkeit noch bis vor kurzem als ziemlich unersetzlich galt? Wird Nick Woltemade wieder ganz vorne Mittelstürmer spielen müssen oder darf er sich auch mal zurückfallen lassen? Bekommt der erstmals berücksichtigte Frankfurter Nathaniel Brown schon Spielzeit und warum musste der beim VfB Stuttgart zuletzt recht formstarke Maximilian Mittelstädt für ihn weichen? Ist Robin Gosens ganz raus oder schleicht er sich doch wieder durch irgendeinen Türspalt wieder rein? Neulich: Paul Nebel aus Mainz rein in den Kader. Diesmal: Paul Nebel wieder raus aus dem Kader.
Weitere ungeklärte Fragen: Ist der formstarke Manuel Neuer wirklich kein Thema, selbst dann nicht, wenn Marc-André ter Stegen es im kommenden Frühjahr nicht schaffen sollte, gesund zurückzukehren und irgendwo einen Stammplatz zu sichern? Ist Rückkehrer Nico Schlotterbeck angesichts des Ausfalls von Antonio Rüdiger tatsächlich eine Art Heilsbringer?
Spielt neben dem Dortmunder Linksfuß Schlotterbeck nun Jonathan Tah, der beim 0:2 in der Slowakei derart wackelte, dass er daraufhin gegen Nordirland (3:1) nicht mehr zur Startelf gehörte? Oder spielt Robin Koch, der im Trikot von Eintracht Frankfurt zuletzt auch nicht zu überzeugen wusste? Oder halt Waldemar Anton, den Schlotterbeck aus Dortmund gut kennt.
Fragen über Fragen, die zeigen: Wird es irgendwann, noch ehe die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer in den USA, Kanada und Mexiko anfängt (so sich Deutschland denn überhaupt qualifiziert) so etwas wie eine Achse geben? Und schafft es Nagelsmann zeitnah, den Spielern ein Geländer zum Festhalten zu basteln? Oder macht er sich unterlassener Hilfestellung schuldig mit zu komplexen Versuchsanordnungen, so wie das in der Slowakei der Fall war?
Dort, wo Nagelsmann auf die etwas abstruse Idee gekommen war, den Box-to-Box-Spieler Leon Goretzka als Spielmacher aufzubieten, und wo der arme Linksfuß Mittelstädt in der zweiten Halbzeit einen Rechtsverteidiger mimen musste, was bei ihm wahrscheinlich zuletzt bei Hertha Zehlendorf der Fall war. Das eine oder andere wird sich eher gegen das mittelgroße Nordirland zeigen als gegen das kleine Luxemburg. Die Nordiren könnten sich als unangenehm herausstellen. Das haben sie neulich schon in Köln geschafft, als erst der Mainzer Nadiem Amiri eingewechselt werden musste, um dem Spiel eine Wende zu bringen.
Auch Florian Wirtz ist nicht wirklich in Form
Spannend zu beobachten: Schafft es Florian Wirtz, beim FC Liverpool und bei den letzten Länderspielen weit fernab seiner Topform, zurück in die Spur zu kommen? Oder hat ihm sein Vereinstrainer Arne Slot womöglich sogar mit auf den Weg nach Deutschland gegeben, er möge bloß gesund zurückkommen und sich im Adlertrikot doch, bitte schön, ein bisschen zurückhalten.
Alles nicht einfach für Nagelsmann, zumal ja viele Profis in Ligabetrieb und der neuen Champions League, die in der Ligaphase viel mehr Konzentration und Kraft erfordert als in der bis vor zwei Jahren in der in einfachen Gruppen ausgespielten Vorrunde, doppelt und dreifach gefordert sind. Sie sollten nur wissen: Nachlässigkeiten kann sich Deutschland in der WM-Qualifikation nicht leisten. Seit Juni gab es in vier Spielen drei Niederlagen, die Quote muss sich dringlich verbessern. Es muss in der Tat überall besser werden, hinten, in der Mitte und vorn, wo auch der Frankfurter Jonathan Burkardt gerade nicht die Topform mitbringt, die er gerne dabeihätte.