VonThorsten Remspergerschließen
Der Spielmacher der deutschen Mannschaft trifft gegen Frankreich auf alte Kollegen, zu denen er immer noch aufschaut
Hat er das wirklich gesagt? Juri Knorr war mit Abstand der letzte Gesprächspartner der Journalisten in den Katakomben der Berliner Multifunktionsarena. Noch eine Dreiviertelstunde nach der zweiten deutschen Partie bei dieser Europameisterschaft, dem 34:25 gegen Nordmazedonien, mit dem das deutsche Team vorzeitig in die Zwischenrunde (dann in Köln) eingezogen ist, nahm der 23-Jährige Stellung. Geduldig, konzentriert, aufgeräumt.
Sein Stellenwert auf dem Spielfeld: alles überragend. Völlig zu Recht wählte das Publikum den Bad Schwartauer zum „Spieler des Spiels“, die Zuschauer feierten ihn bei dieser Ehrung noch lauter als vor der Partie. „Knorr!“ Nur den Namen eines Torwarts rufen die Fans bei der Teamvorstellung ähnlich laut. „Wolff!“
Knorr hatte bei zwölf Wurfversuchen zehnmal getroffen, dabei alle fünf Strafwürfe verwandelt, sieben weitere Treffer unmittelbar vorbereitet, die Hälfte der deutschen Tore ging quasi auf sein Konto. Schon bei seiner ersten Weltmeisterschaft in Polen vor einem Jahr – Deutschland wurde Fünfter – war der Regisseur der Rhein-Neckar Löwen für viele Trainer bester Spieler des Turniers.
Dynamik, Übersicht, Wurfgewalt: Immer wenn Knorr gegen Nordmazedonien auf der Platte stand – und das tat er sehr häufig, so sehr Bundestrainer Alfred Gislason auch bemüht war, allen Akteuren angesichts des früh entschiedenen Vergleichs Spielanteile zu geben – hob es die Mannschaft auf ein höheres Niveau.
Dieser Juri Knorr, eines der größten Talente, die Handball-Deutschland je hervorgebracht hat, wurde dann zu später Stunde zu den Anfängen seiner Karriere befragt. Für eine Saison spielte er schon für den FC Barcelona, in diesem Sport das Nonplusultra. Eine Mannschaft, gespickt mit den besten Spielern der Welt, darunter stets mehrere Franzosen. Wie es am Dienstag für ihn sein werde, im letzten Vorrundenspiel, dessen Ergebnis schon für die Hauptrunde zählt (das Weiterkommen der Franzosen vorausgesetzt), seinen Ex-Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen?
„Auf Augenhöhe“, sagte Knorr, „das sehe ich gar nicht so.“ Er überlegte kurz, die Journalisten rückten noch näher heran, mucksmäuschenstill. „Ich habe das häufig im Kopf und muss mich dann kneifen, wenn ich an 2018 denke. Ich weiß noch genau, was das für ein Gefühl war, bei den Jungs mittrainieren zu dürfen.“
Knorr zählt sie daraufhin auf, fast ehrfürchtig: Dika Mem, Timothey N’Guessan, Ludovic Fabregas. „Für mich sind das immer noch Idole. Vorbilder, zu denen ich aufschaue. Immer wenn ich gegen sie spiele, denke ich mir: ,Krass, krass, krass‘.“
Schiedsrichterinnen
Alle sprechen von Deutschlands Handball-Männern – doch im Schatten der DHB-Stars erleben auch Tanja Kuttler und Maike Merz in diesen Tagen ihr ganz persönliches EM-Märchen. „Das ist natürlich Wahnsinn, gerade bei der EM hier im eigenen Land mit den vollen Arenen“, sagt Merz.
Für sie und ihre jüngere Schwester sei es „eine Riesen-Ehre, bei so einer Europameisterschaft dabei sein zu dürfen. Das ist das Ziel von jedem.“ Deutschlands beste Schiedsrichterinnen pfeifen ihre erste EM – und das ausgerechnet vor heimischem Publikum. Die ersten beiden Einsätze im Vorrundenspielort München seien „überwältigend“ gewesen.
Die Liebe zum Handball ist den beiden in die Wiege gelegt. Eltern, Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins – alle haben etwas mit dem Sport zu tun, als Trainer, Schiedsrichter oder Spieler. Kuttler/Merz entschieden sich irgendwann für die Laufbahn als Unparteiische. Mit großem Erfolg. Vor genau einem Jahr gingen sie als erste deutsche Schiedsrichterinnen bei einer Männer-WM in die Geschichte ein. „Auch Jungs sagen“, erzählte Merz bei einem Medientermin am Sonntag: „Ihr seid meine Vorbilder.“
Die beiden Vorzeige-Referees , 35 und 38 Jahre alt, beide Mütter von insgesamt drei Kindern, wünschen sich, dass mehr Frauen und junge Mädchen ihrem Vorbild folgen. „Wenn Frauen sich beweisen und die Leistung bringen, muss der Weg für sie offen sein und Gleichberechtigung gelebt werden“, sagt Kuttler, betont aber auch: „Wir sind kein Fan einer Quote.“ sid
Mit 18 Jahren war Knorr für ein Jahr nach Barcelona gezogen, lebte in einer bescheidenen Dreier-WG, war dankbar für jede Trainingseinheit mit diesem großen Team, bei dem er so viel aufsagte, wie er nur konnte, für das er aber nur sechsmal zum Einsatz kam. Der Filius des früheren Nationalspielers Thomas Knorr (mehr als 500 Bundesligaeinsätze) spielte eigentlich in der zweiten Mannschaft der Katalanen.
Möglich gemacht hatte den Wechsel, der für einen gewaltigen Schub in der Karriere des jungen Mannes sorgte, Barca-Reserve-Coach Roi Sanchez. Der hatte Juri Knorr einst als 16-Jährigen in einem Jugendspiel für den VfL Bad Schwartau gesehen und war an Vater Thomas herangetreten. Nach einer Spielzeit bei den Katalanen entschied sich das Talent dann aber, bei GWD Minden seine Bundesligalaufbahn zu beginnen.
Neben Torwart Andreas Wolff avancierte der bodenständig rüberkommende 1,92-Meter-Mann mit dem Zopf zum wichtigsten deutschen Spieler. Gegen Frankreich kann er auch wieder Kai Häfner in Szene setzen. Der Europameister von 2016 ist zurück in Berlin und im Training, nachdem er zu seiner Frau Saskia nach Stuttgart geeilt war, die am Freitagabend das zweite Kind der beiden zur Welt brachte, Matti.
Es wird wieder laut
Trainiert hat die Mannschaft am Montag vorsorglich in einer näher am Hotel gelegenen Ausweichhalle. Schon um 6.30 Uhr wurde mancher vom Lärm geweckt, den protestierende Bauern auf der Straße verursachten, die den Verkehr lahmlegen wollten. Megalaut ist es in den Hallen bei deutschen Spielen. Das wird auch gegen Frankreich in Berlin nicht anders sein.
Im Spiel gegen Nordmazedonien hatte es nur gegen eine Person gellende Pfiffe gegeben: Olaf Scholz, vom Hallensprecher als Ehrengast verkündet. „Das tut mir leid für ihn, der Bundeskanzler hat sich als wahrer Fan des deutschen Handballs erwiesen“, kommentierte Axel Kromer, Sportvorstand des Deutschen Handball-Bundes, am Montag.
Pfeifkonzerte könnte es am Dienstagabend erneut geben. Wenn Frankreich den Ball hat. Im Handballklassiker gegen den EM-Gastgeber. Beim Aufeinandertreffen jetziger und früherer Barca-Stars. „Irgendwann möchte ich zeigen, dass ich da mithalten kann“, sagt Juri Knorr. „Vielleicht ist es ja dieses Jahr schon der Fall.“
