VonTimur Tinçschließen
Der filigrane Offensivmann muss den Linksverteidiger geben – und Julian Nagelsmann findet das erstaunlicherweise „Weltklasse“.
Eigentlich hätte die Partie für Kai Havertz kaum besser starten können. Nach fünf Minuten erzielte der 24-Jährige sein 13. Tor im 40. Länderspiel, sogar mit rechts, er stand da, wo ein Offensivmann zu stehen hat. Genau das ist eine großen Gaben des 1,93 Meter großen Mannes vom FC Arsenal. Es war freilich so ziemlich der einzige Moment beim 2:3 der DFB-Auswahl gegen die Türkei, in dem der Techniker seine Stärken wirklich zeigen konnte. Denn die deutsche Nummer 7 war von Bundestrainer Julian Nagelsmann erstaunlicherweise als Linksverteidiger nominiert worden.
„Das war keine klassische Linksverteidiger-Position“, sagte Nagelsmann. Der Bundestrainer war voll des Lobes und attestierte zur Verblüffung vieler, dass Havertz es „Weltklasse gemacht habe. „Er war extrem fleißig, hatte in der ersten Halbzeit vier Aktionen auf der ballfernen Seite, die schwer zu verteidigen waren. Er hat ein Tor gemacht, vorne vieles bewegt, war viel unterwegs“, urteilte der Trainer. „Es ist kein Experiment, sondern absolute Überzeugung“.
Offensiver Joker
Kai Havertz war schon immer ein Spieler, der viele Positionen bekleiden kann. In Leverkusen pendelte er zwischen offensivem Mittelfeld, Rechtsaußen und Stürmerposition. Beim FC Chelsea setzte der 24-Jährige das fort, hatte dort allerdings Schwierigkeiten, eine feste Rolle für sich zu finden. Das änderte auch der Transfer im Sommer zum FC Arsenal nicht wirklich. Nach verschiedenen Versuchen, hat Trainer Mikel Arteta den Schlaks auf die rechte offensive Mittelfeldposition gestellt. Auf dieser Position sieht Nagelsmann allerdings noch zwei weitere Weltklasse-Spieler im DFB-Team: Jamal Musiala und Leroy Sané. „Ich habe nie darüber nachgedacht, warum ein Weltklassespieler nicht auch mal auf einer anderen Position spielen kann“, sagte Nagelsmann. Havertz bringe von Größe, Geschwindigkeit, Qualität, Verantwortungsbewusstsein alles mit, um so einen offensiven Joker zu spielen, findet der Bundestrainer.
Die Außenverteidigerpositionen sind seit Jahren im DFB-Team chronisch verwaist. Nach der Absage von Robin Gosens wegen der anstehenden Geburt seines Kind, hat Nagelsmann zwar David Raum nachnominiert, hält aber offenbar nicht viel vom Leipziger, so dass er es nicht für nötig hielt, ihn einzuwechseln. Zuletzt experimentierte Nagelsmann auf der Rechtsverteidigerposition mit den gelernten Innenverteidigern Jonathan Tah und Niklas Süle. Diesmal ließ er den Spezialisten Benjamin Henrichs rechts ran und stellte den Abwehrnovizen Havertz nach links.
Tragende Rolle bei EM?
In den zweiten 45 Minuten stellte Nagelsmann sein Team in einem 2-2-3-3-System bei türkischem Ballbesitz auf. So kam Havertz immerhin zu einer Flanke und in der Nachspielzeit wurde ein Schuss von ihm abgeblockt nachdem er sich in einen Angriff eingeschaltet hat. Dummerweise verschuldete Havertz unglücklich den Handelfmeter zum türkischen Siegtreffer – sicherlich eine zu harte Entscheidung, trotz VAR. Allerdings hätte sich Havertz zuvor beim Flankenball auch anders positionieren können.
„Kai hat gesagt, er will es machen, er will es probieren. Ich sehe darin kein Risiko für ihn, sondern eine sehr, sehr große Chance, eine tragende Rolle bei einer Heim-EM zu spielen“, sagte Nagelsmann.
Wie Kai Havertz seine Rolle empfunden hat, blieb am Samstagabend unbeantwortet.
