Fußball-Nationalmannschaft

Kevin Behrens: Hallodri, den keiner wollte

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Im Gespräch: Kevin Behrens und die Journalisten.
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Kevin Behrens spielte 2018 noch mit Saarbrücken in der vierten Liga gegen Kickers Offenbach / OFC-Trainer Christian Neidhart machte ihn einst in Wilhelmshaven zum Mittelstürmer

Über kaum ein Mitglied des DFB-Kaders, den Neu-Bundestrainer Julian Nagelsmann für die umstrittene USA-Tour nominiert hat, gibt es aktuell so viele Schlagzeilen wie über Kevin Behrens von Union Berlin. Der spätberufene Mittelstürmer (32) ist in aller Munde. Als Fußballer stand der gebürtige Bremer allerdings nicht immer auf der Sonnenseite. Seine Karriere schien bereits beendet zu sein, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.

„Ihn wollte damals keiner haben“, erinnert sich Christian Neidhart, aktuell Trainer des Regionalligisten Kickers Offenbach, an das Jahr 2011. Damals holte der inzwischen 55-Jährige den Offensivmann von der dritten (!) Mannschaft des SV Werder Bremen zum Wilhelmshavener SV – und schulte ihn zum Mittelstürmer um. „Kevin war damals offensiver Außenbahnspieler und kam einmal sogar in der Innenverteidigung zum Einsatz, weil er ein gutes Tempo hatte und stark im Kopfball war“, erinnert sich Neidhart. „Wir haben ihn dann jedoch vorne reingestellt. Er hat sich dort einfach am wohlsten gefühlt und viele Tore gemacht, auch weil er hingegangen ist, wo andere Stürmer nicht hingingen.“ Denn laut Neidhart zeichneten den Angreifer bereits damals zwei Eigenschaften aus: „Unheimliche Kopfballstärke“ und der Mut, sich immer ins Getümmel zu werfen. „Er ging vorne durch die Wand, Kevin hat keine Angst. Er ballert sich durch zwei Innenverteidiger und köpft den Ball rein.“ Kurzum: Ein echter Brecher, der inzwischen auch über Vollstrecker-Qualitäten verfügt.

Selbst im Weg gestanden

„Im Lauf der Zeit hat er sich extrem verbessert“, sagt der Trainer, der zwar keinen regelmäßigen Kontakt zu Behrens hat („Wir haben uns mal zufällig auf Mallorca getroffen“), aber über dessen Werdegang bestens im Bilde ist: „Wenn du so einen Jungen holst, behältst du ihn immer im Blick.“ Die Entwicklung von Behrens findet der Ex-Stürmer Neidhart beeindruckend und nachvollziehbar zugleich: „Wenn er in einem guten Team spielt und vorne gefüttert wird, hat er die Qualität, in einem toten Spiel noch ein Ding reinzudrücken. Ich denke, das ist auch der Grund, warum er in die Nationalmannschaft berufen wurde.“ Die DFB-Elf habe bekanntlich Probleme mit tief stehenden Gegnern. „Da benötigt man einen kopfballstarken Mann in der Box, der zur Stelle ist, wenn Flanken kommen.“

Behrens wäre womöglich früher in der Beletage des deutschen Fußballs gelandet, hätte er sich nicht selbst so häufig im Weg gestanden. Er sei „auch mal ein Hallodri gewesen“, sagt Neidhart über den Mann mit dem außergewöhnlichen Karriereverlauf. Bei Hannover 96 habe der Angreifer zwischen 2012 und 2014 auf dem Sprung in den Profikader gestanden, es sich aber durch eine Rote Karte „selbst versaut“. Der physisch starke Angreifer sammelte in jungen Jahren ohnehin reichlich Platzverweise: sechs in sechs Jahren – und das als Offensivspieler.

Lange tingelte Behrens in der Regionalliga umher, ehe ihn 2018 der Zweitligist SV Sandhausen holte. „Er hat auch dort seine Tore erzielt und nach hinten raus eine Top-Karriere hingelegt“, sagt Neidhart. „Schade ist für ihn nur, dass das alles ein paar Jahre zu spät kam. Auf seinem jetzigen Niveau kann man schließlich gut Geld verdienen. Aber er hat mit Union Berlin einen fantastischen Weg gemacht, ist dort in einem guten Team und spielt in der Champions League. Wenn noch ein Länderspiel dazukäme, wäre das schön.“

Neidhart weiß aber, dass der Fall Behrens eine Rarität bleiben wird. „Es wird nicht jeder so einen Weg gehen“, meint er. „Nur wenige schaffen einen solchen Sprung.“ Aber es gibt sie ab und zu. Denis Undaz zum Beispiel, den Neidhart 2018 von Eintracht Braunschweig II zum SV Meppen holte: „Er ist auch ein Boxstürmer mit einem guten Torriecher. Ihn hatte bei der ersten Mannschaft keiner auf dem Zettel.“ Den 27-Jährigen zog es über Belgien (Royale Union St. Gilloise) in die Premier League (Brighton & Hove Albion). Aktuell ist er an den VfB Stuttgart (vier Spiele, zwei Tore, eine Vorlage) verliehen – und sogar noch ein paar Jahre jünger als Behrens. Eventuell entwickelt sich da ja der nächste Nationalteam-Debütant, bei dessen Entwicklung Neidhart seine Finger im Spiel hatte.

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