Kampf um die Nummer eins

Kevin Trapp oder Kaua Santos: Götterdämmerung unter der Latte?

+
Duellieren sich: Kaua Santos (links) und Kevin Trapp.
  • schließen

Kevin Trapp oder Kaua Santos: Eintracht Frankfurt braucht in der brisanten Torwartfrage ganz viel Fingerspitzengefühl.

In der vergangenen Woche war Kevin Trapp häufiger im Kraftraum als im Tor, Gewichte stemmen, ein beschwertes Seil („battle rope“) bändigen, Klimmzüge, so Sachen halt, die man tut, um Muckis aufzubauen. Man weiß das so genau, weil Kevin Trapp davon Bilder, ästhetisch ansprechend in schwarz-weiß, in sozialen Medien verlinkt hat. Er macht das gerne, Bilder von sich posten, mal mit Kaffeetasse in der Hand, mal mit der Verlobten im Arm (oder auf der Schulter). Sieht alles sehr hübsch aus.

In diesen Tagen hat der Aufenthalt im Gym draußen im Stadtwald allerdings einen tieferen Grund, man weiß es längst, Trapp laboriert an einer schmerzhaften Schienbeinverletzung, die ihn schon länger piesackt, die aber seit dem Ajax-Rückspiel Auswirkungen auf seine nähere Zukunft haben könnte. Im Klartext: Kevin Trapp, 34, Kapitän, Gesicht des Klubs, seit Jahren Stammkraft unter der Latte, ist nicht mehr unumstritten im Frankfurter Tor.

Zum einen hat der Nimbus des kalt gestellten Nationaltorwarts Katzer bekommen, was mit gewissen Unsicherheiten, auch Fehlern zu tun hat. Zum anderen mit Kaua Santos, dem Torwart Nummer zwei, der mit einer sensationellen Leistung im Auswärtsspiel gegen den VfL Bochum (3:1) massiv ins Tor drängt.

Gibt es im Frankfurter Allerheiligstem demnächst eine Wachablösung? Verliert Trapp seinen Status als Nummer eins? Oder drastischer: Hat die Götterdämmerung schon begonnen?

Zuletzt hat sich Trainer Dino Toppmöller ganz geschickt, es stand ja die Länderspielpause an, um eine Entscheidung gedrückt, die musste er nicht fällen. Trapp solle erst wieder richtig fit werden, dafür möge er sich alle Zeit nehmen, sagte der Coach. Trapp pflegt nach Auszeiten stärker zurückzukommen.

Der Trainer will jetzt keine neue Baustelle

Davon wird es also für die Partie am Samstagabend gegen den VfB Stuttgart abhängen: Wenn Trapp zu 100 Prozent auf dem Damm ist, wird er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit im Tor stehen. Der Fußballlehrer wird nicht jetzt, acht Spieltage vor dem Saisonende diese Baustelle aufmachen.

Trapp jetzt aus dem Tor zu nehmen, würde bedeuten, ihn nachhaltig zu beschädigen, würde auch die Kabine durcheinander bringen. Er ist Kapitän, Führungsspieler, sein Wort hat Gewicht, einer, der sich viele, viele Verdienste erworben hat für den Klub, Stichwort: Europa League-Finale in Sevilla, und der nie ein Hehl daraus gemacht hat, sich komplett mit den Werten von Eintracht Frankfurt zu identifizieren.

378 Spiele hat der 34-Jährige für die Hessen bestritten, bald hat er Oka Nikolov als Rekordtorhüter abgelöst. So einen degradiert man nicht so ohne weiteres.

Es stimmt: Kevin Trapp spielt keine überragende Saison, ihm sind Patzer unterlaufen, zuletzt gegen Ajax im Hinspiel, gegen Bayern, gegen den FC Augsburg, seine Strafraumbeherrschung ist nicht die beste, auch nicht seine Spieleröffnung, lediglich 29 Prozent seiner langen Bälle kommen an, Ligadurchschnitt ist 42 Prozent. Bei den abgewehrten Bällen kommt Trapp auf eine gute Quote von 72 Prozent, er hält aber immer seltener die berühmten „unhaltbaren“ – wie etwa jenen Kopfball des Bochumer Dani de Wit, den Kaua Santos kurz vor Schluss entschärfte. Aber: Trapp, der seltsamerweise seit Wochen vom Boulevard äußerst unfair attackiert wird, ist weiterhin ein zuverlässiger Schlussmann.

Kaua Santos, der brasilianische Herausforderer, ist ein anderer Typ Torwart, spektakulärer, dynamischer, präsenter. In seinem Heimatland wird er schon als „neuer Dida“ gefeiert. Er ist 1,96 Meter groß, greift viele Bälle in der Luft ab, ist ein guter Fußballer, hat erstaunliche Reflexe. Er hat überragende Paraden gezeigt gegen Besiktas Istanbul (3:1), gegen Bayern München (3:3) und jetzt gegen den VfL Bochum, hat neun Spiele für die Eintracht absolviert.

Auch im Tor zählt das Leistungsprinzip

Santos hat aber auch die Partie gegen den FSV Mainz 05 (1:3) komplett in den Sand gesetzt, hat nicht gut ausgesehen in der Partie gegen Viktoria Pilsen (3:3), hat gegen Besiktas einen gewaltigen, aber folgenlosen, Raben gefangen. Ihm gehört zweifellos die Zukunft, die Frage ist: Wann beginnt sie für ihn?

Sicherlich nicht in dieser Endphase der Saison. Und zur neuen Saison? Wird es da einen Zweikampf ums Tor geben? Muss der Platzhirsch da schon auf den Prüfstand?

Eine knifflige Situation für Toppmöller. Er weiß, Trapp würde nie freiwillig sein Tor räumen, auch kein Jobsharing (wie bei Bayer Leverkusen) akzeptieren. „So lange ich fit bin, will ich auf dem Platz stehen“, hat Trapp kürzlich erst klar gemacht.

Er ist fast „von Ehrgeiz zerfressen“, hat Toppmöller gesagt, ins zweite Glied zurücktreten würde er mit einiger Sicherheit nicht. Und Trapp ist einer, dem ein Konkurrent im Nacken eher weniger antreibt.

Würde er dann seine Zelte in Frankfurt abbrechen? Andererseits geht es um viel im Fußball, zählt allein das Leistungsprinzip, der bessere spielt, einerlei was früher war. Aber ist Kaua Santos tatsächlich schon so weit, einen arrivierten Schlussmann zu ersetzen? Gewaltiger Druck würde dann auf dem jungen Familienvater lasten.

Das wird einiges an diplomatischem Geschick erfordern, die Eintracht und ihr Trainer stehen vor kniffligen, heiklen Entscheidungen. Sicher sollte nur sein: Kevin Trapp ist einer jener Profis, die zum Abschied, wann auch immer, durchs ganz große Tor treten werden, wie Filip Kostic oder zuletzt Omar Marmoush. So weit ist es noch nicht.

Kommentare