VonFrank Hellmannschließen
Wenn die Schwarzwälderin ihr Potenzial ausschöpft, gehört sie zu den Führungsspielerinnen der DFB-Frauen
Es gab diese zwei Szenen in Linz, die die ganze Schwankungsbreite illustrierten. In der Hauptrolle Klara Bühl, die einmal mit ausgebreiteten Armen anzeigte, dass sie gar nicht mehr wisse, wo sie den Ball hinspielen könne. Kurz darauf richtete sich eine Angreiferin auf, die demonstrativ in die Hände klatschte. Wie das gesamte Team hatte da eine gerade rechtzeitig die Kurve gekriegt. Schlussendlich sollte ihr kerniger Doppelpack im EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich (3:2) die peinliche Pleite abwenden, nun ist im Heimspiel gegen Island (Dienstag 18.10 Uhr/ZDF) von Beginn an mal eine ordentliche Haltung angesagt, findet die 47-fache Nationalspielerin. „Auf die Mentalität, dass wir noch ein Spiel drehen, möchte ich eigentlich nicht so oft zurückgreifen. Jede Spielerin sollte sich mal hinterfragen, wo der Kopf vielleicht war.“ Die 23-Jährige möchte „von Beginn an in den Angriffsmodus“ schalten. Aus Oberösterreich hat sie die Auszeichnung zur „Spielerin des Spiels“ mit nach Aachen gebracht.
Rund 15.000 Fans werden am Tivoli erwartet, wo die in der Regionalliga West die Tabelle anführende Alemannia gerade riesigen Zuspruch bekommt. In diesem Sog sollen bitte die deutschen Fußballerinen weitermachen. „Wir wollen diesen Weg weitergehen“, verlangt Horst Hrubesch. „Wir haben gesagt, dass wir sechs Spiele in Vorbereitung auf Olympia haben. Deshalb hoffe ich, dass wir diesmal von Anfang an in die Partie kommen. Man muss schon alles investieren, was man hat.“ Erst am Montag ist der deutsche Tross ins niederländische Maastricht geflogen, dann weiter in die Kaiserstadt gereist.
Der Bundestrainer möchte vor den Augen seines Nachfolgers Christian Wück, der erstmals als Beobachter auf der Tribüne sitzt, auch eine bessere Führungsstruktur sehen. „Wir müssen gucken, dass wir nicht nur eine, oder zwei oder drei, sondern, fünf, sechs, sieben Leute haben, die mal Verantwortung haben, wenn es nicht läuft.“
Der bald 73-Jährige zählt Bühl mit ihren fußballerischen Qualitäten zu dieser Fraktion. Gerade wenn eine Alexandra Popp fehlt – und nach den Olympischen Spielen (24. Juli bis 11. August) vielleicht zurücktritt -, wird es noch mehr auf die beim SC Freiburg ausgebildete und 2020 zum FC Bayern gewechselte Schwarzwälderin ankommen.
Bei der WM 2023 ist die Nummer 19 öffentlich gerne auf das von ihr erstellte Maskottchen „Waru“ reduziert worden. Niedlich allemal, aber nur einen Glücksbringer zu stricken, reicht gewiss nicht. In Australien lief auch Bühl ziemlich neben der Spur, weil sich gegen Kolumbien (1:2) und Südkorea (1:1) das Angriffsspiel in hohen Bälle auf Popp verlor.
Womöglich in einer Mischung aus Fürsorge, Anteilnahme oder Verzweiflung wählten die Fans die bodenständige Bühl mit weitem Abstand zur „Nationalspielerin des Jahres 2023“. Dass sie solche Auszeichnungen verdient, bewies sie vergangenen Freitag bei ihren Länderspieltoren 21 und 22. Beim 1:2 schmetterte sie den Ball humorlos mit rechts in die Maschen, „in dem Moment war das purer Wille, denn natürlich frustet das auch in mir, wenn man keine Duelle, kaum Flanken, wenig Kontakte hat“. Beim 2:2 vollendete sie mit links eine tolle Kombination unhaltbar ins lange Eck.
Über die zwei grundverschiedenen Gesichter rätselte auch sie im Nachgang: „Die Konstanz in der Performance fehlt uns einfach noch. Man sieht ja in Phasen, dass die Qualität da ist. Vielleicht hat das mit Überzeugung, mit Selbstbewusstsein zu tun.“
Bei Bayern im Traumsturm
Für diese These spricht, dass sie im Bayern-Trikot in einem Traumsturm mit Lea Schüller und Pernille Harder seit Wochen konstant abliefert: Die Meisterschaft scheint Formsache, das Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg am 9. Mai in Köln eröffnet den Münchnerinnen die Option aufs erste Double der Vereinsgeschichte. Das wäre ein Coup.
Doch vorerst geht der Fokus auf die Herausforderung gegen Island, was bei Bühl mit guten Erinnerungen verknüpft ist. Als die DFB-Frauen im ersten Spiel nach dem WM-Desaster zum Nations-League-Auftakt in Dänemark gepatzt hatte, stand das deutsche Team eben gegen diesen Gegner Ende September in Bochum gehörig unter Druck. Am Ende feierten die Menschen im Ruhrstadion fast euphorisch einen 4:0-Triumph, zu dem Klara Bühl damals zwei Tore – das erste und das letzte – beigetragen hatte. Die Auszeichnung zur „Spielerin des Spiels“ ging selbstredend an sie.
