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Spaniens Volkssport Padel begeistert Millionen Menschen und dank Arjen Robben auch Geretsried. Schwappt der Boom jetzt über auf ganz Deutschland?
München – Lionel Messi hat einen Platz in seinem Garten in Barcelona. Zlatan Ibrahimovic betreibt eine Kette mit Courts in Schweden. Jürgen Klopp besitzt eine Anlage in Berlin und Trainerkollege Hansi Flick hat jüngst ein Unternehmen mitgegründet, das Anlagen in Deutschland bauen will. In Geretsried ist Padel schon bekannt – Arjen Robben hat es dort regelmäßig gespielt.
Welche Sportart? „Padel“, sagt Francisco – Paquito genannt – Navarro, die aktuelle Nummer neun der World Padel Tour WPT zu unserer Zeitung, nach der korrekten Aussprache gefragt. Die Betonung liegt auf dem a, die Aussprache ist spanisch. Navarro ist einer von sechs Millionen Spaniern, die Padel spielen. Hinter Fußball ist die Sportart somit die zweitgrößte des Landes. Vor Basketball. Vor Handball. Und vor Tennis.
Kleine Schläger, ein Netz, das die beiden Paare trennt (es wird immer Doppel gespielt), ein nach oben geöffneter Court begrenzt von Glaswänden und einem Zaun, von denen der weiche Tennisball auch abprallen darf – zudem dieselbe Zählweise wie beim Tennis. Der nahe liegende, wenn auch plumpe Vergleich: Tennis und Squash sind kombiniert. Eine Mischung, die den Menschen besser schmeckt als Tennis. Zumindest in dem Land, das stolz ist auf Rafael Nadal und sehr viele andere Tennisspieler, die es in die Weltspitze geschafft haben. „Es ist unglaublich“, sagt Navarro zu der Entwicklung, die der Sport genommen hat. „Als ich meinen Schulfreunden früher erzählt habe, dass ich Padel spiele, haben sie nur gefragt: Was ist Padel?“, erinnert sich der 34-Jährige.
Angefangen hat der gebürtige Sevillaner mit fünf Jahren, im Sommerurlaub mit seiner Familie in Südspanien. Inzwischen muss er sein Hobby nicht mehr erklären, es ist zum Volkssport geworden in Spanien und auch Argentinien. Auf Instagram hat er über 521 000 Follower. Bei der Nummer neun der Tenniswelt, Holger Rune, sind es 400 000 Menschen, die seine Beiträge abonniert haben. Auf Youtube hat die WPT 670 000 Abonnenten. Das sind fast doppelt so viele wie die Tennis Tour der Frauen WTA. Auf Tiktok, der Plattform für besonders junges Publikum, schlägt die WPT – auf der die Männer und Frauen übrigens gemeinsam unterwegs sind – sogar den Tennis-Weltzirkus der Männer von der ATP. 641 000 Follower stehen dort gegenüber 309 000 Followern.
Die Protagonisten dieses Sports sind Stars – und Profis. „Das letzte Mal musste ich mit 21 um Taschengeld bitten“, verrät Navarro schmunzelnd – danach wurde er Profi. Zu den Verdienstmöglichkeiten sagt er: „Ich schätze, dass die vier besten Paare der Welt schon über eine Million Euro verdient haben letztes Jahr.“ Allerdings nicht nur über die Preisgelder – die besten Spielerinnen und Spieler haben Sponsoringverträge mit Automarken, Sportartikelherstellern oder Getränkefirmen, sie werden in Fernsehshows eingeladen und von Fans um Selfies gebeten, wie Navarro berichtet: „Früher nicht, aber inzwischen kommt immer jemand zu mir, wenn ich auf der Straße unterwegs bin, und möchte reden oder ein Foto machen.“
Warum die Sportart diese Entwicklung genommen hat? „Ich glaube, der Schlüssel ist, dass es einfach zu spielen ist. Man kann, sobald man anfängt zu spielen, Spaß haben und es genießen. Nicht wie bei anderen Sportarten, bei denen das mehr Zeit braucht“, meint Navarro.
Denselben Grund führt auch Christopher Hahn bei einem Besuch in Geretsried an. Der 32-Jährige betreibt eine private Padel- und Tennisanlage mit Plätzen in der Halle und draußen. Außerdem ist er Nationalspieler und in der deutschen Padel-Rangliste aktuell auf Rang vier geführt. Die Mannschaften des ansässigen STC Oberland sind in mehreren Altersklassen deutscher Meister.
Hahn sitzt im Stüberl der Anlage und erzählt, wie er zu der Sportart gekommen ist. Ursprünglich war er Tennisspieler. Zwar nicht mit Profiambitionen, aber immerhin so gut, dass er ein paar internationale Turniere spielte. So auch 2018 eines in Italien, wobei er dann Padel entdeckte. „Wir haben damals auch etwas gesucht, um im Sommer noch etwas mehr Leben auf die Anlage zu bringen“, sagt Hahn.
Dass Padel dem Tennis gefährlich wird, glaubt er nicht. „Bei uns sind es vielleicht eine Handvoll Spieler, die Tennis zur Seite gelegt haben und nur noch Padel spielen. Der Großteil bleibt beim Tennis“, führt er aus und hängt an: „Auf der anderen Seite sind viele Fußballer von den alten Herren, denen das für die Knochen zu hart wurde, zum Padel gekommen.“ Auch Arjen Robbens Präsenz vor einigen Jahren hätte sicher nicht geschadet, meint er: „So etwas spricht sich im Ort schnell rum und pusht, da waren dann viele schnell Feuer und Flamme.“ So sehr, dass es für die Padel Sparte inzwischen sogar einen Aufnahmestopp gibt mit einer Warteliste. Über 200 reine Padel-Mitglieder zählt der Club.
Beim deutschen Padel Verband sorgt so eine Geschichte nicht für Unglauben. „Padel ist keine Trendsportart, sondern Boomsportart“, heißt es dort. Präsident Holger van Dahle verweist im Gespräch auch auf Schweden, wo es ebenfalls die zweitgrößte Sportart sei und in Portugal und Italien sei es „ähnlich“. „Im Gegensatz zum Squash damals ist Padel gekommen, um zu bleiben“, sagt er. Der Entwicklung in Schweden sei man vier Jahre hinterher, sagt van Dahle. Aktuell würden geschätzt 20 000 Menschen in Deutschland Padel spielen, für die es mehr und mehr Courts gibt. Während es 2021 noch 138 waren, gab es Ende 2022 bereits 261.
Auf einem dieser könnte Francisco Navarro bald spielen – noch 2023 soll die World Padel Tour mit einem Turnier nach Deutschland kommen. Neben Spanien und Argentinien finden sich auch Chile, Paraguay, Mexiko, Österreich, Dänemark, Finnland, Schweden, die Niederlande, Belgien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Kalender. Der Termin für die Germany Open ist für Anfang Oktober vermerkt. Wo sie stattfinden, ist noch nicht sicher. Aktuell sei man im Vergabeprozess und in Kontakt mit deutschen Städten, teilt die veranstaltende Agentur mit.
Deutsche Spieler werden dann noch keine Chancen haben. Unter den besten 20 bei Frauen und Männern sind bis auf einen Brasilianer nur Argentinier und Spanier gelistet. Unter die besten 100 mischt sich auf der Liste dann ein paarmal die italienische, portugiesische, schwedische und französische Flagge. Die deutsche sucht man unter den besten 250 vergeblich.
Sollte der Sport weiterwachsen, soll sich das ändern. Die Aufnahme in den Deutschen Olympischen Sportbund, was mehr Förderung generieren würde, ist in Aussicht. „Vielleicht sind wir in einem halben Jahr so weit“, sagt van Dahle zu den Anforderungen, die erfüllt werden müssen. Das klingt nicht nach vielen Zweifeln, was die Zukunft angeht.
Navarro hat die auch nicht. Zum Ende der Gesprächszeit, die sein Manager zugesichert hatte, ist der Spanier noch in Plauderlaune. „Padel ist wie ein Zaubertrank“, sagt er: „einmal gekostet, kriegst du nicht mehr genug.“ Ungefragt legt er dann los mit Ratschlägen für Anfänger: „Einfach den Ball einmal öfter zurückspielen als die Gegner, ein anderes Geheimnis gibt es nicht“, sagt er und hängt noch lachend an: „Außerdem nie mit der Ehefrau oder dem Ehemann zusammen spielen, das ist gefährlich.“
Dass der Sport auch auf eine andere Weise gefährlich sein kann, hat er 2018 erlebt: bei einem Turnier krachte er in die Glaswand, die daraufhin brach. „Circa 100 Splitter hatte ich in Knie und Ellbogen“, erinnert sich der Hurrikan aus dem Startviertel von los Remedios – so lautet sein zweiter Spitzname nach dem Teil Sevillas, aus dem er kommt. Ein Monat Pause war die Folge.
Zur Regel gehören derartige Unfälle nicht – wobei im Internet auch Fotos vom ehemaligen Kapitän Barcelonas Carles Puyol existieren nach demselben Missgeschick. Ansonsten gilt Padel als weniger verletzungsbehaftet als Tennis. Womöglich ist das auch ein Aspekt, der Tommy Haas gefallen hat. Die deutsche Tennis-Ikone, die so oft verletzt war, ist ebenfalls in Padel eingestiegen – als Teambesitzer der San Diego Sting-rays, einem Club der neu gegründeten nordamerikanischen Pro Padel League.


