VonJan Christian Müllerschließen
Streamingdienst DAZN fährt eine beispiellose Attacke auf die Deutsche Fußball-Liga und rügt Willkür beim Verkauf der Medienrechte. Die DFL wehrt sich umgehend.
Mittwochabend gab es für Jürgen Paepke unvorhergesehene Arbeit zu verrichten. Der Direktor Recht der Deutschen Fußball-Liga (DFL) setzte eilig eine E-Mail an die 36 Klubs der beiden Bundesligen auf. In dem von den DFL-Geschäftsführern Marc Lenz und Steffen Merkel unterzeichneten Schreiben wehrt sich die DFL vehement gegen fundamentale Vorwürfe des jahrelangen Medienpartners DAZN. Der hatte es zuvor zu einem beispiellosen Eklat kommen lassen. Die brachiale Vorgehensweise des Vertragspartners kam nach FR-Informationen für die DFL völlig überraschend, erst recht in dieser unbeugsamen Wucht.
Was war passiert? DAZN rügte in einem als Kopie auch an alle Klubs verbreiteten Brief am Mittwoch, die DFL habe in der seit Montag laufenden Auktion der milliardenschweren Medienrechte für die Spieljahre 2025 bis 2029 das mit mehr als einer halben Milliarde Euro pro Saison teuerste und bedeutendste Live-Paket „unzulässigerweise an den von ihr bevorzugten Bieter“ (wahrscheinlich Sky) vergeben „und die Mitgliederklubs um ihren Anteil an den zusätzlichen Einnahmen aus dem Dazn-Angebot“ gebracht.
DFL schreibt Rundmail an die Klubs
Das ist ein heftiger Vorwurf. Die DFL reagierte in ihrer Rundmail an die Klubs prompt und deutlich: „Die erhobenen Unterstellungen sind unzutreffend, haltlos und wir weisen sie in aller Deutlichkeit zurück.“
Der Brandbrief von DAZN an das die DFL, der der Frankfurter Rundschau ebenso vorliegt wie die Reaktion der DFL, ist mit „Hochachtungsvoll Shay Segev, CEO and director of DAZN Group Limited“ unterschrieben. Aber „hochachtungsvoll“ ist in dem Furor des DAZN-Chefs - abgesendet aus London, 12 Hammersmith Grove, der auf jeder der vier Seiten rechts oben in roten Versalien das Wort „DRINGLICH“ enthält - rein gar nichts.
Es geht um 196 Livespiele der DFL
Es geht um das mit 196 Livespielen größte und wichtigste der sieben Live-Pakete, die die DFL nacheinander bis Ende April verkauft haben wollte. Aufgrund der Eskalation hat sie die Auktion jedoch vorläufig ausgesetzt. Bis Ende April dürfte es also nichts mehr werden mit dem Abverkauf der weiteren Pakete.
DAZN hatte in dem in aller Schärfe formulierten Schreiben „tiefe Enttäuschung und größte Bestürzung“ darüber ausgedrückt, „dass unser Angebot abgelehnt wurde, obwohl DAZN das finanziell attraktivste und überzeugendste Angebot für das Rechtepaket B unterbreitet hat“. Grundsätzlich wurde Beschwerde darüber geführt, dass „innerhalb von 24 Stunden eine ganz konkrete Bankgarantie von DAZN verlangt“ worden sei, die das Streamingportal nicht hatte beibringen können („Eine unmögliche Aufgabe“). DAZN brachte lediglich eine Garantiezusage von Acces Industries, einer globalen Investmentfirma, bei. Die wurde von der DFL jedoch abgelehnt.
Nach FR-Informationen kann die DFL laut der Ausschreibung auf Bankbürgschaften beharren, muss das aber nicht. Angesichts des bedeutenden finanziellen Umfangs des Pakets B ist aus Sicht der DFL größtmögliche Sicherheit geboten. Einnahmeausfälle, weil Partner nicht zahlen können, sollen unbedingt verhindert werden. Darüber soll Einigkeit in der DFL-Geschäftsführung und im von Hans-Joachim Watzke angeführten DFL-Präsidium herrschen.
DAZN attackiert die DFL aggressiv
Wie dem auch sei: DAZN attackiert die DFL aggressiv: Man fühle sich „in hohem Maße in die Irre geführt“, das Verfahren sei „willkürlich“. Man habe den Eindruck, dass „die DFL-Geschäftsführung das Ergebnis bereits vorweggenommen“ habe, „um ein niedrigeres Angebot anzunehmen, wodurch der deutsche Fußball benachteiligt wurde“. DAZN droht, sich „aller verfügbaren rechtlichen Mittel zu bedienen und die Vergabe des Rechtepakets B anzufechten“.
Die DFL entgegnet: Das DAZN-Schreiben enthalte „eine Vielzahl von unrichtigen Darstellungen und Verkürzungen von Sachverhalten“. Die DFL halte sich an die Vorgaben des Bundeskartellamts, ein diskriminierungsfreies Verfahren durchzuführen. Sie habe „keinen Formfehler im laufenden Auktionsverfahren gemacht“. Zu weiteren Details will die DFL „mit Rücksicht auf die von allen Seiten – auch DAZN – vereinbarten und bindenden Verschwiegenheitsregeln derzeit keine Stellung nehmen“, hieß aus der Frankfurter Zentrale.
DAZN wähnt Vorsatz bei der DFL
DAZN raunt derweil, für „die einzelnen Mitglieder der DFL-Geschäftsführung“ hätte „angesichts ihrer persönlichen Haftung“ eine völlig andere Vorgehensweise „oberste Priorität sein müssen.“ Denn: „Zu keinem Zeitpunkt dieses Dialogs“ hätten diese „DAZN gegenüber spezifische Kriterien hervorgehoben oder angesprochen, die plötzlich erforderlich werden würden, um den Zuschlag für Rechte zu erhalten“. Die Erfordernis einer Bankgarantie sei „in keiner vorangegangenen Kommunikation vor der Ausschreibung erwähnt“ worden. Die DFL sieht das grundlegend anders.
Die Fronten sind verhärtet: Beim Streamingdienst wähnt man nicht nur bösen Willen, sondern gar Vorsatz bei der DFL: Die DFL-Geschäftsführung habe das DAZN-Angebot „vorsätzlich und gezielt zum Scheitern gebracht, da sie wusste, dass eine Bankgarantie nicht in der kurzen Zeitspanne beschafft werden konnte.“
Das ist harter Tobak, dem die DFL sicher mit einem Antwortschreiben begegnen wird.
