VonIngo Durstewitzschließen
Die SGE freut sich über einen „perfekten“ Jahresabschluss gegen die „Fohlen“. Sie sollte das Erreichte vernünftig einordnen. Das Fundament stimmt.
Frankfurt – Dass die Kugel dann wirklich reingehoppelt ist ins Netz in der allerletzten Minute der Nachspielzeit, mit der letzten Aktion des turbulenten Jahres 2023, hat Eintracht-Kante Robin Koch gar nicht gesehen. Er hat es nur gehört. Und gespürt. Mit jeder Faser seines ausgepumpten Körpers. „Ich habe mitbekommen, wie die Fans durchgedreht sind“, sagte der glückliche Routinier, der diesen verrückten 2:1-Erfolg der Frankfurter gegen Borussia Mönchengladbach erzwungen hatte mit seinem ersten Bundesliga-Saisontor, erzielt mit letztem und vollem Einsatz. Und dann? „Dann ist hier das Dach weggeflogen.“
| Eintracht Frankfurt | |
|---|---|
| Gründung: | 8. März 1999 |
| Präsident: | Peter Fischer |
| Trainer: | Dino Toppmöller |
| Mitglieder: | 130.000 |
Eintracht Frankfurt feiert irren Comeback-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach
Dabei hatte der 27-Jährige „gar keine Energie“ mehr in seinem großen Körper, er habe kurz vor Schluss einfach nur gedacht: „Komm, einmal noch durchlaufen.“ Also schleppte er sich nach vorne, als er sah, dass der Ball nach links kam zum eingewechselten Niels Nkounkou, der schon das 1:1 durch Aurelio Buta mit einer butterweichen Flanke vorbereitet hatte. Auch schon in der Nachspielzeit.
Draußen also ging der plötzlich wie entfesselt aufspielende Nkounkou ins Dribbling, zielstrebig mit starkem Antritt, und in der Mitte visierte Verteidiger Koch die Mittelstürmerposition an. „Mein Laufstil war schon sehr unrund, nicht mehr wirklich schnell“, erzählt der kaputte Abwehrboss schmunzelnd, nur der eiserne Willen trieb ihn nach vorne, und als der Ball dann ins Zentrum kam, „habe ich mich einfach reingeschmissen“. Mit Erfolg. Ball im Tor, irgendwie, aus 0:1 mach 2:1 binnen fünf Minuten, Spiel gedreht, Gladbach geschlagen, Platz sechs erobert. Wie im Fußballmärchen. Der Rest war ein Orkan der Emotionen, Ekstase in Reinkultur. „Überragend“, stöhnte ein geplätteter Robin Koch. „Wahnsinn.“
„Das ist Eintracht Frankfurt“: SGE dreht Partie gegen Gladbach in Nachspielzeit
Die Frankfurter wussten nicht, wohin mit ihrer unbändigen Freude, die auch deshalb so vulkanisierend ausbrach, weil niemand mehr wirklich mit einem Happy End gerechnet hatte. Außer vielleicht Dino Toppmöller, der Trainer, aber auch erst nach dem glücklichen Ausgleich nach 92 Minuten durch den ebenfalls eingewechselten Buta. „Da habe ich zu meinen Co-Trainern gesagt: Das Ding gewinnen wir noch.“
Und als die selbsterfüllende Prophezeiung eingetreten war, wurde natürlich auch der Coach hinfort getragen von seinen Gefühlen: „Das kannst du mit keinem Geld der Welt bezahlen.“ Torwart Kevin Trapp, gestählt im Wellenbad des Klubs und so etwas wie ein Seismograph, befand lachend: „Das ist Eintracht Frankfurt.“
„Ein Willensakt“: Adler kämpfen sich zum Erfolg gegen die Borussia
Gar keine Frage, dieser Erfolg war in seiner Entstehung glücklich und nicht verdient, aber genauso außer Zweifel steht, dass die Mannschaft sich diesen Sieg erkämpft hat, weil sie trotz überschaubarer fußballerischer Leistung nicht aufsteckte, sondern das Tor der Borussen weiter unbeirrbar berannte.
„Am Ende war das ein Willensakt und viel Energie“, sagte Kreativkopf Mario Götze. Und natürlich spielte auch die Hinausstellung des Gladbachers Maximilian Wöber kurz vor Beendigung der regulären Spielzeit eine Rolle. „Die Kleinigkeiten lagen auf unserer Seite“, urteilte Götze. „Der Platzverweis hat uns noch mal einen Push gegeben.“
Sieg gegen Gladbach zeigt: Die Primärtugenden stimmen bei der SGE
Charakter, Einstellung und Mentalität stimmen, das ist keine neue Erkenntnis, aber eine wichtige. Denn ohne diese Primärtugenden ist ein erfolgreiches Abschneiden nicht möglich – zumindest nicht auf dem Qualitätslevel, auf dem sich die Eintracht befindet. Umso freudiger resümierte Toppmöller nach 27 Spielen im Halbjahr: „Chapeau für das, was die Jungs geleistet haben.“ Wie seine Elf die vielen „Widerstände überwunden“ habe, nötigte dem 43-Jährigen ehrlichen Respekt ab. „Das ist einfach groß. Ich bin unglaublich stolz.“
Gerade für die Grundstimmung war dieses Erlebnis von entscheidender Bedeutung, zuvor hatte die Eintracht sechs ihrer sieben letzten Pflichtspiele verloren, viele ernüchternde Auftritte lagen hinter ihr, vieles schien schwerfällig, mühsam und beladen. Ein Grauschleier hatte sich über den Stadtwald gelegt. Und lange sah es so aus, als würde die Eintracht mit einem neuerlichen Tiefschlag in die kurzen Ferien gehen, denn die Leistung am Mittwoch war eine Fortführung der schlappen Darbietungen zuletzt. „Das war kein gutes Spiel von uns, wir hatten nicht die Energie wie erhofft“, rekapitulierte Toppmöller. „Die Jungs laufen auf der letzten Rille.“
Nach zahlreichen Umwälzungen: Eintracht schließt das Jahr versöhnlich ab
Umso wichtiger, dass diese neu zusammengestellte Gruppe nach dem XXL-Umbruch mit einem guten Gefühl in die Weihnachtsferien geht. „Das war brutal wichtig“, findet Abwehrchef Koch. „Das war ein perfekter Abschluss.“ Für den Kopf, das Herz und die Seele ist solch ein positiv besetzter Jahresausklang Gold wert, daraus kann man viel Zuversicht und Zutrauen saugen.
Und man muss nüchtern konstatieren: 24 Punkte in der Liga, Platz sechs, Überwintern in der Conference League – das ist absolut in Ordnung und mehr als nach dem großen Umwälzungsprozess mit dem Abgang von fünf hochdekorierten Stammspielern sowie dem ruckeligen Saisonstart zu erwarten war. Nur das Pokal-Aus in Saarbrücken schmerzt, gerade im Hinblick auf das noch aktuelle Teilnehmerfeld.
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Eintracht Frankfurt: Besser nicht blenden lassen
Trotzdem sollten die Verantwortlichen die Antennen ausfahren und diese Fragen ehrlich beantworten: Reichen fünf Minuten gegen Gladbach, um alles zu verklären und in bunte Farben zu tauchen? Kann diese irre Wendung über alles, was vorher war, hinwegtäuschen? Sicher nicht.
In Frankfurt sollten sie sich nicht in Sicherheit wiegen, sondern das Erreichte vernünftig einordnen (was sie bestimmt tun werden). Denn dazu waren zu viele Spiele zu dürftig, was erklärbar, aber trotzdem Fakt ist. Zudem ist keinesfalls gesagt, dass das neue Jahr so beginnt wie das alte aufgehört hat. Da gibt es einige Unwägbarkeiten. Die besten Spieler sind beim Afrika-Cup, und wer weiß wirklich, wie lange die (wahrscheinlich vier) Neuen brauchen, um sich einzufinden und einzuschlagen? Die Zeit drängt. Aber klar ist: 24 Punkte bilden ein Fundament, das eine gewisse Stabilität garantiert.
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