Leroy Sané nach Istanbul: Flucht vor Mobbing in Fußball-Deutschland? Ein Kommentar
VonPeter Grad
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Der FC Bayern vergibt den Gruppensieg bei der Klub-WM in den USA. Dafür gibt es sehr viele Gründe, trotzdem steht wieder ein einzelner Spieler im Zentrum der Kritik: Leroy Sané.
Charlotte / München – Mobbing ist in unserer heutigen Gesellschaft so etwas wie ein Volkssport, treffender ausgedrückt eine üble Volkskrankheit. Häufig hat diese fürchterliche Folgen, so kommt es immer wieder zu unfassbaren Amokläufen von Mobbingopfern unserer Gesellschaft, die zu zahlreichen - unschuldigen - Todesopfern, Schwerverletzten, lebenslang Traumatisierten führen. Die Betroffenheit der Gesellschaft weltweit ist jedes Mal gewaltig. Und ebenso scheinheilig: Denn die daraus zu ziehenden richtigen Konsequenzen tendieren traditionell gegen Null.
Sportler-Familie, Freundin und Kinder – Bayern-Abgang Leroy Sané privat
Es gibt aber auch nicht wenige Mobbingopfer unserer Gesellschaft, die zu den eigentlich Privilegierten zählen, darunter mit Millionenverträgen ausgestattete Fußballer. Volkes Meinung zu ihnen: „Die müssen das bei dem üppigen Gehalt ertragen können.“ Müssen sie das wirklich? In dem Kontext bin ich jedoch schon lange zu der Meinung gelangt, dass manche Sportler 90 Prozent ihres Gehalts als „Schmerzensgeld“ (für das Mobbing) und lediglich 10 Prozent für die sportliche Leistung erhalten. Leroy Sané gehört dazu, zumindest seit er 2020 zum FC Bayern gekommen ist.
Tatsächlich ist der 29-Jährige ein Kicker, dessen Talent, aber auch Ehrgeiz, ihm das Potenzial gegeben haben, ein Fußballer auf absolutem Weltklasseniveau zu sein. Dies hat er im Trikot des Rekordmeisters wiederholt demonstriert, aber leider nie in der erhofften Konsequenz. Zurück zum gerade erwähnten „Ehrgeiz“: Dieser macht ihn auf dem Fußballplatz zu einer „Maschine“ (Ex-Coach Tuchel), hemmt den Hochbegabten aber auch regelmäßig. Läuft es bei ihm zu Spielbeginn nicht, verkrampft er im weiteren Spielverlauf in zunehmendem Maße.
Sané: Hochsensibel bis verkrampft, nie lustlos
Eigentlich kann man bei jedem Startelfeinsatz von Sané schon nach einer Viertelstunde prognostizieren, ob es ein eher mäßiges oder ausgezeichnetes Spiel von ihm werden wird. Aber: Egal was in seine Mimik, in seine Gesten hineininterpretiert wird, der 29-Jährige kickt definitiv nie „lustlos“, was ihm so häufig unterstellt wird. Bei aller Verkrampfung kämpft er bis zum Schlusspfiff bzw. seiner Auswechslung. Häufig sind es ebenso bemerkenswerte wie offenbar ignorierte defensive Aktionen - Vollsprints im Höchsttempo. Lustlos ist etwas ganz anderes.
Nachdem festgestanden war, dass er den FC Bayern Richtung Galatasaray Istanbul verlassen wird, kam zur Überraschung vieler Experten die Meldung, dass er dennoch bis inklusive Achtelfinale bei der Klub-WM für seinen Noch-Verein auflaufen würde. Die Reaktionen waren einheitlich negativ, er würde keine Leistung mehr abrufen, keine Lust dazu verspüren. Dabei war es sein eigener ausdrücklicher Wunsch! Übrigens durchaus Ausdruck seiner Verbundenheit zum FC Bayern und seines Charakters. Letztendlich wäre er wohl eigentlich am liebsten geblieben, wenn...
Leroy Sanés unglücklicher WM-Auftritt gegen Lissabon
Im dritten WM-Gruppenspiel gegen Benfica Lissabon stand er nun zum ersten Mal in Vincent Kompanys komplett durchrotierter Startformation. Nicht völlig überraschend lief in der ersten Halbzeit wenig zusammen, mit 0:1 gegen es in die Pause. Sané vergab dabei die einzig gute FCB-Chance nach glänzender Vorarbeit von Serge Gnabry: In Rückenlage hobelte er den Ball über das von Anatolii Trubin überragend gehütete Benfica-Tor.
Durch die Einwechslungen von Michael Olise, Harry Kane und Joshua Kimmich bekam das Bayernspiel in Halbzeit 2 eine ganz andere Dynamik und Sané die erste ganz große Chance auf den Ausgleich: Nach einem weiten Pass von Kimmich lief er im Höchsttempo der kompletten Benfica-Defensive davon, scheiterte aber letztendlich am ukrainischen Keeper.
Sané der fitteste aller FCB-Spieler in Charlotte
Die Bayern waren in der kompletten zweiten Spielhälfte hoch überlegen, Thomas Müller und vor allem Aleksandar Pavlović vergaben freistehend „Monsterchancen“ zum Ausgleich, Kimmichs Tor wurde wegen einer Abseitsposition von Kane die Anerkennung verweigert.
Dann in der 87. Minute noch einmal eine große FCB-Möglichkeit: Sacha Boey wurde bereits nach einer Stunde mit Wadenkrämpfen ausgewechselt, Müller und Pavlović stolperten längst aufgrund der Hitze in Charlotte „mausetot“ über den Platz. Nur einer konnte noch im Höchsttempo marschieren: Leroy Sané lief nach einem überragenden Steckpass von Kane der gesamten Benfica-Abwehr auf und davon, aber es kam, was fast schon kommen musste: Er scheiterte erneut am überragend haltenden Trubin.
„Reflexartiges“ Suchen nach Hauptschuldigen von FCB-Pleite
Letztendlich verlor der FCB - aus vielen unterschiedlichen Gründen - unglücklich mit 0:1. Aber in der Öffentlichkeit gab es - fast schon reflexartig - einen Hauptschuldigen: Leroy Sané. Macht er die zwei Tore kurz nach der Halbzeit und kurz vor Spielende, die er sich selbst mit ebenso überragender Technik wie beeindruckender Physis erarbeitet hat, ist er „Man of the Match“, so wird er aber wiederholt zum Mobbing-Opfer der deutschen „Fußballgemeinde“. Daran beteiligen sich selbst ehemalige FCB-Profis wie Michael Ballack und - natürlich - Mario Basler, die in ihren eigenen Karrieren viel mehr falsch gemacht haben als sie selbst jemals zugeben und glauben würden.
In meinem eigenen Fußballumfeld gibt es viele „Sané-Fans“, FCB-Jahreskarten-Besitzer, die live in der Arena den unermüdlichen Einsatz von Leroy bewundern und mit ihm leiden, wenn es einmal nicht so gut läuft. Aber auch - selbst eingefleischte Fans des Rekordmeisters - einige, die sich in zunehmendem Maße am Mobbing gegen den scheidenden Bayernspieler beteiligt haben. Zuerst war ich verwundert, dann genervt, schließlich verärgert. Ich kann allgemein Mobbing nicht akzeptieren, so verschwanden diese (nicht nur) aus meinem (Fußball-)Umfeld.
Danach wird der 72-fache deutsche Nationalspieler für den Türkischen Meister Galatasaray auflaufen, sportlich gewiss eine Verschlechterung. Vielleicht ging es dem Hochsensiblen aber auch um eine Wertschätzung seiner Person, seiner Einstellung auf dem Platz. Nicht nur als Gehaltsscheck vom Verein, sondern auch von den Fans. Die Begeisterung um ihn herum ist in Istanbul gewaltig.
Auch als Anhänger des FC Bayern kann man ihm bei diesem Abenteuer nur das Beste wünschen. Leider sind seine Beweggründe für diesen „Abgang“ nur allzu gut nachzuvollziehen.