VonPatrick Mayerschließen
Beim FC Bayern wird die Frage lauter, wer die Verantwortung für die Krise trägt. Die Transferbilanz rückt Sportvorstand Hasan Salihamidzic in den Fokus.
München - Ex-Coach Hansi Flick soll eigenen Aussagen zufolge nicht sonderlich gut mit ihm ausgekommen sein. Ex-Co-Trainer Hermann Gerland plauderte im „Doppelpass“ bei Whisky-Cola aus, dass er sich nicht mit Hasan Salihamidzic verstanden habe. Gerland war eine Institution beim FC Bayern.
FC Bayern: Kritik an Hasan Salihamidzic wächst angeblich
Und auch zwischen Flick-Nachfolger Julian Nagelsmann und „Brazzo“, wie der Sportvorstand gerufen wird, soll es laut Bild geknistert haben. Sein Posten soll dennoch nie in Frage gestellt worden sein. Auch, weil Salihamidzic dem Vernehmen nach ein Günstling von Bayern-Patron Uli Hoeneß ist.
Doch: Wachsen jetzt in der Krise die Zweifel an der Arbeit von Salihamidzic? Das schrieb am Montag (24. April) der stets gut informierte Kicker. Ein Blick in eine banale Statistik zeigt darüber hinaus eine tiefrote Transferbilanz - gemessen an finanziellen Kriterien.
Denn: Wie aus der „Transferbilanz Bundesliga“ bei transfermarkt.de hervorgeht, summierte sich das Transferminus der Bayern seit 2017 unter der Verantwortung von Sportchef Salihamidzic auf geschätzt 238,65 Millionen Euro.
Hasan Salihamidzic: Verantwortlich für die Transfers beim FC Bayern
Ein Rückblick: Am 31. Juli 2017 wurde der heute 46-jährige Bosnier als Sportdirektor vorgestellt. Zum 1. Juli 2020 wurde der einstige Bundesliga-Profi zum Sportvorstand berufen. Unter seiner Anleitung erzielte der Klub ausschließlich in der Saison 2018/19 einen Transferüberschuss von damals geschätzt 70 Millionen Euro. Wurde er für manchen Transfer gelobt, gab es auch fragwürdige Entscheidungen. So investierten die Münchner unter Salihamidzic im Sommer 2019 kolportiert 80 Millionen Euro in die Ablöse für Lucas Hernández, der von Atlético Madrid kam.
Markant: Zur Zeit seiner Verpflichtung hatte eine hartnäckige Innenbandverletzung den französischen Weltmeister außer Gefecht gesetzt - und zwar seit Mitte Februar 2019. Bei den Bayern wurde der heute 27-jährige Verteidiger dennoch verletzt vorgestellt - er konnte erst Wochen später richtig einsteigen. Innerhalb kürzester Zeit folgten bis Januar 2020 zuerst eine Knieprellung sowie ein Innenbandriss im Sprunggelenk. Seit seiner Verpflichtung fiel er insgesamt zwölf Mal verletzt aus.
FC Bayern: (Finanzielle) Transferbilanz unter Sportchef Hasan Salihamidzic
| Spielzeit: | Transferbilanz: | Titel: |
| Saison 2017/18 | - 84,25 Millionen Euro | 1/3 |
| Saison 2018/19 | + 70,00 Millionen Euro | 2/3 |
| Saison 2019/20 | - 85,50 Millionen Euro | 3/3 |
| Saison 2020/21 | - 44,00 Millionen Euro | 1/3 |
| Saison 2021/22 | - 53,50 Millionen Euro | 1/3 |
| Saison 2022/23 | - 41,40 Millionen Euro | höchstens 1/3 |
| Insgesamt: | - 238,65 Millionen Euro | höchstens 9/18 |
Quelle: transfermarkt.de, Stand 24. April, 21.55 Uhr; Hinweis: Unter den Titeln sind die Trophäen in deutscher Meisterschaft, in der Champions League und im DFB-Pokal aufgeführt.
Neben dem Innenbandriss (14 verpasste Spiele) zog sich Hernández etwa einen Meniskuseinriss (63 Tage Pause) sowie einen Muskelbündelriss (zehn verpasste Spiele) zu. Seit dem 23. November, als er sich bei der Fußball-WM in Katar verletzte, fällt Hernández mit einem Kreuzbandriss aus. Seit Sommer 2019 hat der Abwehrspieler so nur 74 von möglichen 131 Bundesliga-Spielen absolviert.
Dennoch berichtete Sky just am Montag (24. April), dass sein bis Sommer 2024 datierender Vertrag vorzeitig um drei weiter Jahre bis 2027 verlängert werden soll. Abermillionen für einen Spieler, der ständig verletzt ist? Während die Bayern bei einem Umlaufvermögen von 264,7 Millionen Euro (Stand Oktober 2022, nach eigenen Angaben) dringend Reserven für Verstärkungen bräuchten?
Hasan Salihamidzic: Tiefrote Transferbilanz beim FC Bayern München
Die finanziell tiefrote Transferbilanz zeigt noch etwas: So haben es die Münchner offenbar verlernt, Spieler gewinnbringend weiter zu verkaufen. Oder zumindest riesige Transferausgaben durch Verkäufe auszugleichen. Beste Beispiele waren David Alaba (zu Real Madrid), Niklas Süle (zu Borussia Dortmund) und Corentin Tolisso (zu Olympique Lyon), die den Klub ablösefrei verließen. Für Tolisso hatten die Bayern im Sommer 2017 immerhin 41,5 Millionen Euro Ablöse bezahlt.
Intern gibt es mittlerweile Zweifel, ob der Sportvorstand dem FCB gewachsen ist.
Jann-Fiete Arp, Alvaro Odriozola, Michael Cuisance, Philippe Coutinho, Tanguy Nianzou und Bouna Sarr waren Beispiele für regelrechte Transferflops. Dass nicht jeder Transfer sitzt, gehört freilich zum Geschäft. Dass die Bayern aber sieben Außenverteidiger haben und keinen einzigen Mittelstürmer von Weltklasse-Format, sorgt für reichlich Diskussionen. Auch, dass der vermeintliche Königstransfer Sadio Mané weit hinter seinen Erwartungen zurückblieb - und stattdessen neben dem Platz für negative Schlagzeilen sorgte.
Der kicker schrieb nun, dass Salihamidzic die führende Kraft gewesen sei, „nach seinem Zwist mit Trainer Hansi Flick“, 2021 Nagelsmann als neuen Coach „mit einem Fünfjahresvertrag zu installieren“. Zudem seien „unter seiner schwachen Führung all die Schwierigkeiten zwischen Nagelsmann und den Profis erst aufgekommen“. Das Ergebnis: Fünf Spieltage vor Saisonende ist der BVB Tabellenführer, nicht die Bayern.
Hasan Salihamidzic: Muss der Sportvorstand des FC Bayern bangen?
Intern gebe es deshalb Zweifel, „ob der Sportvorstand dem FCB gewachsen ist; beziehungsweise häufen sich die Meinungen, dass der deutsche Rekordmeister für ihn eine Nummer zu groß sei“, analysierte der Kicker nach dem desaströsen 1:3 (1:0) der Bayern in Mainz. Muss Salihamidzic sogar um seinen Job bangen? Es sind turbulente Tage an der Säbener Straße. (pm)
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