VonAdrian Kühnelschließen
„Tor in Mailand! Tor in Salzburg! Tor in Stuttgart!“: 18 Champions-League-Spiele gleichzeitig – das gab es noch nie! Ein Blick hinter die Kulissen der XXL-Konferenz von DAZN.
München – Die Tür mit der Aufschrift „TV-Studio“ geht auf, und schon wird klar: Um ein gewöhnliches Studio handelt es sich hierbei nicht. Vielmehr sind es zwei große Studios, verbunden mit einem offenen Durchgang. In einem sitzen 18 Kommentatoren an Schreibtischen in einem Halbkreis formiert, mit unzähligen Monitoren vor ihnen. In dem anderen leuchtet eine riesige LED-Wand blau schimmernd, große TV-Kameras sind positioniert. Und auf einem Podest steht sogar der Champions-League-Pokal.
DAZN nimmt einen Fernsehpreis ins Visier
„Dieser wurde uns netterweise aus dem Museum des FC Bayern ausgeliehen. Damit müssen wir pfleglich umgehen, wir haben noch Samthandschuhe mitbekommen, morgen müssen wir den Pokal wieder abgeben“, sagt DAZN-Chefredakteur Jörg Zwacka an diesem Mittwochabend um 19.10 Uhr.
20 Minuten sind es noch bis zum Sendestart. Der Streaminganbieter DAZN hat sich der Herausforderung gestellt, die größte Konferenz aller Zeiten zu übertragen. 18 Partien in der Champions League finden am letzten Spieltag gleichzeitig um 21 Uhr statt – das hat es zuvor noch nie gegeben und ist dem neuen Liga-Modus zu verdanken.
Von diesem seien Zwacka und seine Kollegen „überzeugt“, denn: „Am letzten Spieltag ist noch so viel möglich. Spannender kann ich es mir nicht vorstellen.“ Für DAZN sei schnell klar gewesen: „Wir machen die größte Konferenz aller Zeiten mit 18 Spielen, stellen klare Regeln auf und hoffen, dass der Zuschauer daran viel Spaß hat, denn das ist das Entscheidende.“
Zwacka betont: „Die XXL-Konferenz ist eine ganz spezielle Aufgabe, die man nur einmal in der Saison hat.“ Um diese aufwendige Produktion zu stemmen, hat DAZN das TV-Studio von Plazamedia in Ismaning angemietet, 500 Leute arbeiten an diesem Abend mit. Der Streaminganbieter nimmt damit einen Fernsehpreis ins Visier.
„Wenn du was machst, was es noch nie gab und es sieht gut aus, der Zuschauer honoriert es, warum soll man da nicht den Anspruch und die Ambitionen haben, damit einen Preis zu gewinnen? Wie auch immer der Name dieses Preises dann heißt“, sagt Zwacka.
XXL-Konferenz erfordert klare Regeln
Wie die Regeln der XXL-Konferenz definiert sind, erklärt David Ploch. Er hat die Aufgabe, die Partie Lille gegen Feyenoord zu kommentieren, ein „gelbes Spiel mit einer geringeren Priorität“, wie er sagt. Daneben gebe es „sogenannte grüne Spiele, die deutschen Spiele, bei denen es noch um etwas geht, die werden auch den größten Anteil in dieser Konferenz haben“, so Ploch. Gemeint sind die Begegnungen Stuttgart gegen Paris, Dortmund gegen Donezk, Leverkusen gegen Prag und Bayern gegen Bratislava.
Eines dieser „grünen Spiele“ kommentiert Mario Rieker. Er begleitet Stuttgart gegen Paris. „Ganz ohne Anspannung funktioniert es nie“, gibt er zu, doch er habe „einfach mega Bock“ auf diese XXL-Konferenz. Dass er an diesem Abend einen größeren Redeanteil haben wird, finde er „fast besser“, denn er könne dann „im Flow“ bleiben und habe „ein bisschen Zeit, die Geschichten zu erzählen“.
Auch Marcel Seufert, Kommentator der Partie Inter gegen Monaco, verrät, „sehr aufgeregt“ zu sein. „Ich fürchte fast, dass es irgendwann mal so sein wird, dass fünf, sechs, sieben Kommentatoren gleichzeitig rufen. Dann muss uns natürlich die Regie schnell sagen, wo wir als Nächstes hingehen“, sagt er. „Wenn wirklich fünf, sechs, sieben gleichzeitig rufen, dann kann es knallen.“
Und tatsächlich: Seufert behält recht. Kaum haben Moderatorin Laura Wontorra und die Experten Michael Ballack und Tobias Schweinsteiger im Studio vor der großen LED-Wand – trotz 90 Minuten gefühlt wie im Schnellflug – durch die Vorberichterstattung geführt, geht es auch schon los.
Unzählige Monitore, Knöpfe und Schalter – und insgesamt 64 Tore
„Tor in Mailand! Tor in Salzburg! Tor in Stuttgart!“, hallt es durch das Studio, als die ersten Treffer fast zeitgleich fallen. Kaum ruft ein Kommentator, schreit der nächste. Die Kollegen fiebern und gestikulieren derweil mit. Immer auch mit dem Blick auf ihren Monitor und ihr Spiel. Ein schwieriges Unterfangen für die Regie – so zumindest der Eindruck von außen.
Unweit der Kommentatoren sitzt die Regie mit rund 20 Mann in einem weiteren Raum, einer Schaltzentrale, mit noch mehr Monitoren, Schaltern und Knöpfen, sichtet und schneidet Szenen, dirigiert und delegiert zwischen den Spielen und jeweiligen Kommentatoren, und baut Grafiken für die Ergebnisse und Tabelle.
Für einen Laien dürfte das – angesichts der Fülle an Informationen unterschiedlichster Art – die Definition von „Reizüberflutung“ darstellen. Zumal es gleich 18 parallel laufende Partien gibt, in denen in aller Regel Unvorhersehbares passiert. Es stellt sich stets die Frage: Wo und für wen fällt das nächste Tor? Eine weitere Herausforderung: Die Tabellenrechnung bei 36 Mannschaften, denn nur die ersten acht qualifizieren sich direkt für das Achtelfinale, die Plätze neun bis 24 kommen in die Playoffs, die anderen sind raus.
„Wir haben hier fähige Leute sitzen, kompetente Leute und da habe ich großes Vertrauen“, sagt Zwacka, der trotz dieser „wilden“ Konferenz einen gelassenen Eindruck vermittelt, als er durch den Regieraum führt, und konstatiert: „Wir verspüren eine große Zufriedenheit.“
64 Treffer fallen in diesen 18 Spielen an diesem Abend insgesamt. Und trotz der Hektik mit im Schnitt 84 Sekunden pro Tor wird der Überblick behalten, der Regieplan eingehalten. Nach einem aufregenden, spannenden und stressigen Abend mit einer Sendezeit von rund fünf Stunden verabschieden sich Wontorra, Ballack und Schweinsteiger und die 18 Kommentatoren aus dem Studio.
„Für uns alle war es eine Premiere“, sagt Wontorra stolz, aber auch erleichtert, und bedankt sich vor allem bei all den Kommentatoren. „Es war für alle sehr, sehr viel, aber ich glaube, wir können einstimmig sagen: Das war Spitzenklasse!“
Rubriklistenbild: © Adrian Kühnel




