Bundesliga

Lee träumt nach Sieg von Mainz 05 gegen Bayern München von Europa

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Erfolgreicher Abschluss: Der Mainzer Jae-Sung Lee trifft zum 1:0.
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Der FSV Mainz 05 zieht dem Bundesliga-Primus FC Bayern den Nerv und ist bereit für das Rhein-Main-Duell bei Eintracht Frankfurt.

In der vorletzten Spielminute produzierte Robin Zentner den wahrscheinlich höchsten Torwartabschlag der Bundesligageschichte. Der Keeper des FSV Mainz 05 fand so eine elegante Lösung, um ganz legal Zeit zu schinden. Hoch flog der Ball, immer höher, und irgendwann schien er von den Wolken über der Mainzer Fußballarena verschluckt zu werden. Aber dann senkte er sich doch wieder ganz hinunter und landete irgendwann tief in der Hälfte des FC Bayern auf irgendeinem Spielerkopf. Bald darauf piff der gute Schiedsrichter Frank Willenborg ab - und siehe da: Mainz 05 hatte tatsächlich der aktuell besten deutschen Fußballmannschaft deren erste Bundesliga-Saisonniederlage beigebracht. 2:1, sehr verdient, daran zweifelten hinterher noch nicht mal Leute, die den Bayern nahestehen.

Der Mainzer Trainer Bo Henriksen vollführte sodann eine Art Veitstanz. Der dürfte auch in seiner dänischen Heimat, wo ansonsten der weltberühmte Karl Skaarup’s Familienwalzer den Ausbund an Emotionen markiert, nicht unbeobachtet geblieben sein. Henriksen, dem Mann der großen Gefühle, war noch vor zweieinhalb Monaten, nach einem tristen 0:2 gegen Heidenheim, die Eignung abgesprochen worden, eine Fußballmannschaft weiterzuentwickeln. Doch weit gefehlt: Längst hat der Alt-Rocker seine Retter-Korsett abgestreift und eine Truppe zusammengezimmert. die in bester Mainz-05-Thomas-Tuchel-Manier die Bayern übers Spielfeld hetzt, als gäbe es kein Morgen mehr.

Dabei hätte nach einer Viertelstunde einiges dafür gesprochen, dass Mainz 05 schon früh seinen Schrecken verliert. Denn da musste der derzeit beste deutsche Torjäger Jonathan Burkardt mit einem Muskelfaserriss im linken Oberschenkel aufgeben. Es folgte: Armindo Sieb, von den Bayern mit Rückholoption nach Mainz ausgeliehen.

Der U21-Nationalspieler machte sich sodann daran, erst das 1:0, später auch das 2:0 vorzubereiten. Das ist mal ein gediegener Arbeitsnachweis für einen Einwechselspieler, der noch keine 90 Minuten durchhält. Deshalb musste der 21-Jährige nach 77 Minuten wieder runter.

Die zähen, fleißigen, ihren Kontrahenten den Nerv tötenden Mainzer hatten die Bayern irgendwann so weit, dass die Gäste leicht desorientiert übers Spielfeld huschten. Weder Thomas Müller noch Jamal Musiala oder Michael Olise kriegten etwas auf die Reihe, sieht man mal von Olises Pofstenschuss ab (6.). Der späte Anschlusstreffer zum 1:2 durch ein Murmeltor von Leroy Sané (87.) markierte somit die erst zweite ernsthafte Münchner Chance im gesamten Spiel.

Kreative Arbeitsbiene Lee

Auf der anderen Seite ließ sich der nationale Branchenführer geradezu überrennen. Die wie aufgedrehten Mainzer demonstrierten recht eindrucksvoll, dass sie nicht nur Bälle tief in des Gegners Hälfte mutig erobern können, sondern damit sogar einiges anzufangen wissen. „Sensationell“, fand es Sportdirektor Niko Bungert, „dass wir die Bayern phasenweise sogar mit unserem eigenen Ballbesitz in Schach gehalten haben.“

Aus einem homogenen Team, in dem laut Bungert „jeder Spieler an sein Maximum“ gegangen war, ragte Jae-Sung Lee wegen seiner beiden Treffer noch ein bisschen heraus. „Eine totale Arbeitsbiene, dazu kommt bei ihm der kreative Moment“, lobte Bungert den Südkoreaner verdientermaßen. Wie es sich anfühlt, die Bayern zu schlagen, weiß der offensive Mittelfeldspieler noch aus seinen Zeiten beim damaligen Zweitligisten Holstein Kiel.

An einem lausigen 13. Januar 2021 warfen Lee und Kollegen die Münchner nach Elfmeterschießen aus dem DFB-Pokal. Knapp vier Jahre später bedankt sich das 32-jährige Perpetuum mobile bei seinen Mitspielern, dem Betreuungsstab und dem Trainerteam für deren Unterstützung und lässt sich in seinem lustigen Deutsch tatsächlich gänzlich unbescheiden zu der Bemerkung hinreißen: „Mein Traum ist, in Europa zu spielen.“ Nach vier Siegen aus den letzten fünf Spielen ist Mainz 05 eine Woche vor der Partie bei Eintracht Frankfurt in der Tat gar nicht so weit weg von Europa.

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